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Sind wir nicht alle ein wenig nerdy?

Autorin und Elektrotechnikerin Stefanie Mühlsteph versteht sich selbst als Nerdine - die besser rumlöten kann als manch Nerd-Mann. Foto: Stefanie Brandenburg

Autorin und Elektrotechnikerin Stefanie Mühlsteph versteht sich selbst als Nerdine – die besser rumlöten kann als manch Nerd-Mann. Foto: Stefanie Brandenburg

In ihrem Buch „Nerdikon“ feiert Stefanie Mühlsteph die „IT-Superhelden“

Der gemeine Nerd gilt als exzentrisches scheues Wesen, das Tageslicht, frische Luft und große Menschenansammlungen scheut. Der bleichgesichtige Sonderling flüchtet sich gern in düstere Keller mit Pizza-Direktlieferlinie. Dort kann man ihn dann durch sein Gebrummel („Interrupt 16 … Scheiß E/A-Port … ein Laserschwert wär jetzt gut…“ orten.

Klischees? Sicher, aber Klischees, mit denen der Nerd gern kokettiert, meint die bekennende Nerdine Stefanie Mühlsteph. Die gelernt-studierte Bremssystem-Elektrotechnikerin (Baujahr 87) hantiert selbst gern mit Nerd-Stuff wie Lötkolben und Laserschwertern. Und sie kanonisiert in ihrem Manifest „Nerdikon“, das nun als 224-seitige Paperback-Ausgabe beim Verlag „Schwarzkopf & Schwarzkopf“ erschienen ist, den Nerd als Schmierstoff der modernen Informationsgesellschaft.

 

Ohne Nerds kein iPhone, kein Google

Beispiele gefällig? „Ich werde ein Model“-Linda, die niemals mit einem Nerd ausgehen würde, rennt zu Torsten, dem Computer-Nerd, um sich ihr kaputtes Notebook reparieren zu lassen. Nerds fragt man, wenn mal Pi braucht oder bei der Prozentrechnung ins Stolpern gerät. Und ohne Nerds wie Bill Gates, Steve Jobs, Linus Torvalds oder Sergey Brin gebe es keine iPhones, kein Android-Smartphone, kein Google, kein Bedürfnis, einen Windows-PC mal wieder in die Tonne zu kloppen. „Der Nerd ist von einem Hänfling, den man in der Schulzeit an der Unterhose am Fahnenmast hisste, zu einem IT-Superhelden der Neuzeit geworden“, meint Mühlsteph.

Der Nerd – dein Freund und Helfer

Aber zurück zur Ursprungsfrage: Was ist eigentlich ein Nerd? Die Herleitung ist umstritten, aber die wohl schlüssigste Herleitung bietet Wikipedia mit der Mutmaßung, das Wort sei ein Akronym für „Northern Electric Research and Development“, das die Angestellten dieses Telefon-Unternehmens auf ihren Arbeitsmonturen trugen. Man kann es sich vorstellen, wie da getuschelt wurde, wenn diese Männer anrückten: „Jetzt kommen die NERDs und lösen das Problem!“

Nerdinen-Video der Autorin:

Stefanie Mühlsteph – NERDIKON from Schwarzkopf & Schwarzkopf on Vimeo.

 

Pufferküsser gehören zu den frühen Nerds

Heute fokussiert sich die Bezeichnung vor allem auf Computer-Experten, die sich auch und gerade in ihrer Freizeit obsessiv mit Rechnerarchitekturen bis zum letzten Detail beschäftigen, das sonst keinen Normalsterblichen interessiert – bis eben jenes Detail hakt und den eigenen Computer lahmlegt. Dann sind die Spezialkenntnisse des Nerds gefragt. Versteht man unter einem Nerd jemanden, der sich in einem Fachgebiet bis in die letzte Petitesse auskennt, gehören sicher die „Pufferküsser“ zu den frühesten Nerds – jene Eisenbahn-Enthusiasten, die sich an einer Dampflok an Details wie Kolbenhub, „Länge über Puffer“ oder Stangenantrieb aufgeilen.

Hornbrille, Sci-Fi – und null soziale Kompetenz

Alter Nerd-Streitpunkt: Ist Star Trek oder Star Wars besser? Abb. aus: St. Mühlsteph: Nerdikon, Repro: hw

Alter Nerd-Streitpunkt: Ist Star Trek oder Star Wars besser? Abb. aus: St. Mühlsteph: Nerdikon, Repro: hw

Zu den klassischen Klischee-Merkmalen eines Nerds gehören zudem Hornbrillen, eine Passion für Science Fiction und ein Intelligenzquotient, der meist umgekehrt proportional zu den sozialen Kompetenzen ist. War „Nerd“ lange Zeit eine abschätzige Fremdbezeichnung, nennt sich heute laut Mühlstephs Recherchen fast jeder vierte Deutsche selbst einen „Nerd“ – einen augenzwinkernden „Nerd-Test“ hat die Autorin übrigens ans Ende ihres Buches angefügt.

Nerdinen lieben Einhörner statt Pornos

Eine recht seltene Sub-Spezies sind die weiblichen Nerds, die sich von ihren männlichen Pendants eigentlich nur durch ihre Vorliebe für Einhörner statt Porno-Comics unterscheiden, sonst aber die taffesten Löterinnen, Verkablerinnen und Sci-Fi-Auskennerinnen sind. Und für diese Nerdinen bricht Stephanie Mühlsteph in ihrem Buch eine besondere Lanze: „Frauen sind die ursprünglichen Pioniere der Informationstechnologie und die Wurzel des Nerdtums“, schreibt sie da.

Außer ein paar Beispielen wie Yahoo-Chefin Marissa Mayer oder Compiler-Erfinderin Grace Murray Hopper hat sie zwar nicht allzu viele Belege für diese These aufzufahren (sorry für meine männliche Vorurteile). Aber ihr „Nerdikon“-Buch ist ohnehin weniger als felsenfestes Wissenschafts-Opus, sondern eher als ein amüsant plauderndes Nachschlagewerk zur Nerd-Kultur von A wie Animes bis Z wie Zombie-Apokalypse zu verstehen.

Bunte Reise durch die Subkulturen

Foto: Stefanie Brandenburg, Schwarzkopf-Verlag

Foto: Stefanie Brandenburg, Schwarzkopf-Verlag

Nicht nur Nerds werden sich dort an den vielen Ausflügen in die Populär(sub)kulur ergötzen, haben doch TV-Serien wie „Enterprise“ „Doktor Who“, „Game of Thrones“ oder „Firefly“, Autoren wie Isaac Asimov, Terry Pratchett und H. P. Lovecraft oder die Aktivisten von Wikileaks und Anonymous eine starke Fan-Gemeinschaft auch jenseits der Nerd-Szene gefunden. Anders ausgedrückt: In jedem von uns steckt ein kleiner Nerd und die Autoren-Nerdine Stefanie Mühlsteph weiß dies höchst unterhaltsam freizulegen 😉

Autor: Heiko Weckbrodt

Stefanie Mühlsteph: „Nerdikon – Die fabelhafte Welt der Nerds und Geeks“, Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2013, zehn Euro, ISBN 978-3-86265-304-1

 

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