Chipindustrie will Akademie für Erwachsenen-Bildung
Qualifizierung branchenfremder Zuzügler könnte Fachkräfte-Lücke etwas schließen, doch Entscheidung ist nicht in Sicht
Dresden, 28. November 2024. Seit Jahren wünscht sich die sächsische Halbleiterwirtschaft eine Chipakademie mit größeren Kapazitäten für die Qualifizierung, Weiterbildung und Umschulung erwachsener Fachkräfte. Als sinnvollster Standort gilt der Großraum Dresden, aus dessen Chipfabrik die Personalnachfrage besonders groß ist. Doch obwohl Stadt und Land der Bedarf klar ist, kommt dieses Projekt für die Erwachsenen-Schulung – anders als die Ausbildung von Hightech-Lehrlingen – hier einfach nicht voran, während inzwischen andere deutsche Standorte an Alternativen arbeiten.

Muss der Freistaat überhaupt helfen?
„Wir wissen, dass die Industrie das will“, erklärte dazu der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) auf Oiger-Anfrage. Allerdings sei immer noch unklar, ob die Wirtschaft solch eine Akademie aus eigener Kraft auf- oder ausbauen können, inwieweit staatliche Hilfen nötig seien und in welcher Größe geplant werden müsse.
Sachsens Technologiebranchen brauchen bis 2030 über 27.000 neue Fachkräfte
Hintergrund ist der hohe Fachkräftebedarf aus der Mikroelektronik und verwandten Hochtechnologie-Branchen im Dreieck Dresden-Freiberg-Chemnitz. Die brauchen in den kommenden Jahren mindestens 27.000 neue Fachleute. Etwa die Hälfte davon sollen laut Schätzungen des Branchenverbandes „Silicon Saxony“ Mikrotechnologen, Mechatroniker, Wartungstechniker und andere Spezialisten für die Chipfabriken sein. Und das ist weit mehr, als Sachsen demografisch aus eigener Kraft hergibt.
Sachsen hat Akquise-Offensiven für Akademiker und Chip-Azubis bereits gestartet
In der universitären Ausbildung von Ingenieuren, Physikern, Chemikern und anderen Akademikern wie auch in der Lehrlingsausbildung zeichnen sich dafür bereits Lösungen ab: So hat die TU Dresden ein Aufbauprogramm für hiesige Studenten in Taiwan gestartet, um vor allem den akademischen Fachkräftebedarf für die entstehende TSMC-Chipfabrik in Dresden besser abzudecken. Derweil knüpfen die TUD und weitere sächsische Unis derzeit ein Netz aus Verbindungsbüros, um in ausgewählten Zielländern nach Mikroelektronik-Studenten und Fachkräften für das „Silicon Saxony“ zu angeln.
Womöglich bald auch gezielte Lehrlingssuche im Ausland
Auch für die Erstausbildung von Jugendlichen sind wichtige Pflöcke bereits eingeschlagen: Die Stadt Dresden baut – unterstützt vom Freistaat – in Prohlis eine 127,5 Millionen Euro teure Groß-Berufsschule für angehende Elektroniker: das Berufliche Schulzentrum Dresden für Elektrotechnik (BSZ Det). Um die Praxisausbildung der Lehrlinge soll sich ein ebenfalls neues, 120 bis 130 Millionen Euro teures „Sächsisches Ausbildungszentrum für Mikroelektronik“ (Sam) in Radeberg kümmern. Zudem diskutiert „Silicon Saxony“ derzeit mit dem sächsischen Wirtschaftsministerium über eine neue internationale Akquise-Offensive, die ganz gezielt Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Ausland für eine Mikroelektronik-Ausbildung in Sachsen animieren soll. Dieses geplante Programm im Übrigen auch helfen, Mittelständler und kleine Betriebe jenseits der großen Halbleiterkonzerne in der Region mit Nachwuchs zu versorgen.
Ohne „motivierte Zuwanderung“ und Erwachsenen-Qualifizierung wird sich Lücke kaum schließen lassen
Absehbar ist jedoch: Auch diese hohen Investitionen in die Lehrlingsausbildung werden nicht reichen, um den Fachkräftehunger der Dresdner Chipfabriken, des sie umgebenden Hochtechnologie-Ökosystems sowie des ingenieurtechnischen Mittelstandes in der Region in dieser Dekade zu decken. „Silicon Saxony“ plädiert daher bereits seit einiger Zeit dafür, neben der gezielten Akquise von Akademikern, Fachkräften und Studenten im Ausland – der oft so genannten „qualifizierten Zuwanderung“ also – auch auf eine „motivierte Zuwanderung“ zu setzen: Auch ein Zuzug besonders lern- und arbeitsmotivierter Zuwanderer könne helfen, die Fachkräftelücke zu schließen, argumentiert beispielsweise „Silicon Saxony“-Geschäftsführer Frank Bösenberg.

Ausbau der alten „Dresden Chip Academy“ oder gleich eine große neue Akademie?
Der Erfolg eines solchen Konzeptes steht und fällt freilich mit ausreichend Kapazitäten, um auch Erwachsene aus fachfremden oder lediglich verwandten Berufen für die Arbeit in Chipfabriken und anderen Technologiebetrieben zu qualifizieren. Zwar gab und gibt es mit der „Dresden Chip Academy“ (DCA) und ein paar weiteren Anbietern durchaus private Bildungseinrichtungen mit einschlägiger Erfahrung in diesem Sektor. Ob deren Kapazitäten aber ausreichen und in welchem Maße anderseits die Mikroelektronik-Betriebe auch bereit sind, die hohen Ausgaben für solche Angebote langfristig mitzufinanzieren, ist noch unklar.
Akademie-Idee geistert schon länger durch Sachsen
Daher ventiliert bereits seit geraumer Zeit in der wirtschaftspolitischen Diskussion die Idee, entweder die existierenden Weiterbildungs-Anbieter stark aufzupäppeln oder mit staatlicher eine neue, größere Chipakademie für die Erwachsenenbildung im Raum Dresden aufzubauen – parallel oder zusammen mit der großen Azubi-Schmiede „Sam“. Für solch eine Mikroelektronik-Akademie hatten in der Vergangenheit unter anderem der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der Branchenverband „Silicon Saxony“, aber auch industrienahe Forscher wie der langjährige Chef des Dresdner Fraunhofer-Photonikinstituts IPMS, Prof. Lakner, plädiert.
Weil aber Sachsen nicht „aus dem Knick kommt“, versuchen inzwischen andere Regionen in Deutschland Alternativen zu schaffen. So entsteht derzeit in Berlin mit der bundesgeförderten „Microtec Academy“ eine nationale Bildungsakademie für Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik. Auch der Fraunhofer-Verbund „Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland“ (FMD) bastelt an Mikroelektronik-Akademie-Projekten.
„Der Bedarf ist groß“
Ob letztlich an Europas wohl wichtigsten Mikroelektronik-Standort Dresden letztlich doch noch eine eigene neue Chipakademie entsteht, bleibt vorerst in der Schwebe. „Der Bedarf ist groß“, sagt Verbands-Chef Bösenberg, „aber eine Lösung nicht in Sicht“.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Martin Dulig/SMWA, Frank Bösenberg/Silicon Saxony, Hubert Lakner/IPMS, Oiger-Archiv

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