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Verband: Zusammenbruch der Lieferketten in Sachsens Autoindustrie droht

Blick auf einen Roboter-Greifarm im Meleghy-Werk Reinsdorf. Foto: Heiko Weckbrodt

Blick auf einen Roboter-Greifarm im Meleghy-Werk Reinsdorf. Foto: Heiko Weckbrodt

Laut AMZ-Umfrage will jeder zweite Betrieb wegen Energiekrise Produktion drosseln

Dresden, 5. Oktober 2022. Trotz teils voller Auftragsbücher sieht sich die sächsische Automobilbranche wegen der hohen Energiepreise in einer existenziellen Krise: Jedes zweite Unternehmen will in den nächsten Monaten seine Produktion stoppen oder drosseln, wenn es nicht gelingt, die hohen Kostensteigerungen durch höhere Preise bei den Kunden auszugleichen. Nur 17 % schließen diesen Schritt völlig aus. 70 Prozent stufen die aktuelle Energiekrise als „existenzbedrohend“ ein. Das geht aus einer Umfrage des sächsischen Automobilzuliefernetzwerks „AMZ“ aus Dresden unter 58 Mitgliedsunternehmen hervor.

„Situation ist bizarr“

„Die Situation in der Automobilzulieferindustrie ist bizarr“, schätzt der Verband ein: „Obwohl ein Großteil der Unternehmen volle Auftragsbücher hat, kann es passieren, dass viele dieser Firmen demnächst ihre Produktion drosseln oder gar einstellen. Hauptursache sind die explodierenden, unkalkulierbar gewordenen Energiekosten.“

Einige der Unternehmen berichten von Preissteigerungen beim Strom acht das Achtfache und beim Erdgas auf das Zehnfache. Einem Viertel der Befragten sind wegen der prekären bereits eigene Zulieferer abhanden gekommen. Der AMZ rechnet mittlerweile mit einem „Zusammenbruch der Lieferkette“ bis hin zum Neufahrzeug.

Restriktionen für Windenergie abschaffen

„Das Energieangebot muss massiv erhöht werden, damit die Energiepreise wieder sinken“, fordert AMZ-Netzwerkmanager Dirk Vogel. „Nur mit deutlichen Kostensenkungen in der Energie lässt sich die jetzige Situation entspannen. Die Preisbildungsmechanismen zu ändern und das Energieangebot auszubauen, hierbei alle verfügbaren Energiequellen zu nutzen und beispielsweises die Restriktionen beim Einsatz von Windenergie abzuschaffen, sind Aufgaben, die direkt in der Verantwortung der Politik liegen.“

Im Freistaat hängen 95.000 Jobs an der Autoindustrie

Laut Angaben des sächsischen Regionalministers Sachsen Thomas Schmidt (CDU) hängen im Freistaat fast 800 Unternehmen und rund 95.000 Beschäftigten an der Automobil- und ihrer Zulieferindustrie. Das Rückgrat sind fünf Fahrzeug- und Motorenwerken von Volkswagen, BMW und Porsche. Laut AMZ ist die Autoindustrie die umsatzstärkste Branche im Freistaat. „Sie trägt mehr als ein Viertel zum Industrieumsatz und über ein Drittel zum Auslandsumsatz bei.“

Regionalminister Thomas Schmidt. Foto: Foto-Atelier-Klemm für das SMR

Regionalminister Thomas Schmidt. Foto: Foto-Atelier-Klemm für das SMR

Diese Branche habe bereits vor der Energiekrise inmitten einer tiefen Transformation gesteckt, so Thomas Schmidt: „Die Klimaziele der EU stellen auch die Automobilindustrie einschließlich ihrer Zulieferer vor große Herausforderungen“, betonte der Minister. „Insbesondere veränderte Antriebssysteme, aber auch die Digitalisierung erfordern tiefgreifende Veränderungen.“ Auch mit Blick auf die länderübergreifenden Lieferketten in der Autobranche plädierte Schmidt für gemeinsame europäische Lösungen in dieser Krise.

Die Großen verlagern Jobs ins Ausland

„Die aktuelle Situation führt unter anderem zu einer massiven Verlagerungswelle von Arbeitsplätzen ins Ausland“, warnte AMZ-Koordinator Vogel. Dieser Weg stehe aber vor allem großen Konzernen offen. Der sächsische Mittelständler hingegen brauche „Antworten für sein Geschäft im Inland“. Deshalb schicke das AMZ vielerorts erfahrene Manager aus der Elektronik- und Fahrzeugindustrie als „Sparringpartner“ in die betroffenen Zulieferer, um vor Ort nach Lösungen zu suchen.

Jörg Dittrich, Präsident der Handwerkskammer Dresden, im November 2015. Foto: André Wirsig, Handwerkskammer Dresden

Jörg Dittrich, Präsident der Handwerkskammer Dresden, im November 2015. Foto: André Wirsig, Handwerkskammer Dresden

Kammer: Handwerker arbeiten am Limit

Auch die ostsächsischen Handwerker schlagen Alarm: „Das ostsächsische Handwerk ist enttäuscht, dass das Spitzengespräch der Länder mit dem Bundeskanzler zur Entlastung der Bürger und Unternehmen von explodierenden Energiekosten kein substanzielles Ergebnis gebracht hat“, kritisierte der Dresdner Handwerkskammer-Präsident Jörg Dittrich. „Viele Handwerker und ihre Beschäftigten arbeiten wirtschaftlich bereits am Limit. Mit jedem Tag drohen neue Hiobsbotschaften von der Energiepreissteigerung bis zu gestiegenen Rohstoffpreisen. In der jetzigen Situation sind klare Schritte ohne ideologische Scheuklappen vonnöten. Wir fordern Maßnahmen, die sofort Wirkung entfalten – und nicht erst in ein paar Wochen oder Monaten. Die Botschaft muss lauten: Energiepreisdeckel jetzt!“

Autor: hw

Quellen: AMZ, HWK Dresden