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Schwabes Privatinstitut in Meinsberg überstand Honeckers Enteignungswelle

Kurt Schwabe 1961 bei seiner Antrittsrede als Rektor der damaligen Technischen Hochschule Dresden. Foto: KSI Meinsberg

Kurt Schwabe 1961 bei seiner Antrittsrede als Rektor der damaligen Technischen Hochschule Dresden. Foto: KSI Meinsberg

Sächsischer Chemiker war eng in der akademischen Landschaft der DDR verknüpft

Meinsberg, 1. März 2022. Es gab nicht allzu viele größere private Unternehmungen, die die letzte große Verstaatlichungswelle vor 50 Jahren in der DDR ohne Enteignung überstanden – aber es finden sich eben auch solche Beispiele. Neben dem Ardenne-Institut in Dresden gab es auch andere Privatinstitute in der DDR, von denen zwar viele letztlich in Kombinaten, Unis oder der Akademie der Wissenschaften aufgingen – aber eben nicht alle. Dazu gehörte das Forschungsinstitut von Kurt Schwabe.

Auf elektrochemische Messtechnik spezialisiert

1944 hatte der Chemiker ein „Forschungsinstitut für chemische Technologie“ in Meinsberg nahe dem sächsischen Waldheim gegründet. Das Institut spezialisierte sich auf elektrochemische Analytik. Es entwickelte zu DDR-Zeiten unter anderem Technik, um den pH-Wert, die Sauerstoff- und Kohlenstoffkonzentration in Flüssigkeiten zu ermitteln und andere Messgeräte.

Enge Verflechtung mit TU Dresden und Akademie rettete Schwabe-Institut womöglich

Bis 1981 war sein Institut – obwohl in privater Hand – vertraglich der TU Dresden angegliedert. Von 1961 bis 1965 war Schwabe sogar Rektor der Technischen Universität Dresden. Zudem war er Mitglied in der DDR-Akademie der Wissenschaften, Direktor des „Instituts für Radiochemie“ im Zentralinstitut für Kernforschung (ZfK) in Rossendorf und bekleidete weitere Funktionen. Womöglich überstand sein Privatinstitut auch durch diese engen Verflechtungen Schwabes in die akademische Landschaft der DDR hinein die Verstaatlichungswelle, die Erich Honecker (SED) 1972 initiiert hatte. Daran änderte sich auch bis zu seinem Tod 1983 nichts. „Am Ende seiner Zeit hatte das Institut zirka 240 Mitarbeiter“, berichtet der heutige Institutsleiter Michael Mertig. „Davon waren zirka 40 in der Forschung und der Rest in der Produktion elektrochemischer Messgeräte beschäftigt.“

Nach der Wende dreigeteilt: Institut…

Nach der Wende kam es – ähnlich wie bei Ardenne in Dresden – zu einer Aufteilung der Aktivitäten: Die wissenschaftlichen Aktivitäten führt seither das „Kurt-Schwabe-Institut für Mess- und Sensortechnik Meinsberg“ (KSI) als Landesforschungsinstitut fort. Die reichlich 40 Mitarbeiter konzentrieren sich vor allem auf physikalische Chemie, Elektrochemie, Sensorik und wissenschaftliche Instrumente mit einem starken Fokus auf Umweltschutz.

…Sensortechnik Meinsberg…

Die Fertigungsabteilung von Schwabes Institut mündete 1990 in die Gründung der „Sensortechnik Meinsberg“. Die Techniker und Ingenieure dort entwickeln und bauen vor allem Sensoren, Elektroden, Labor-, Feld- und Prozess-Messgeräte für Industrie, Wasserwirtschaft und Laboranalytik. Dabei bestehen aber weiter enge Beziehungen zu den Aktivitäten des benachbarten Schwabe-Instituts. 2006 übernahm Nova Analytics die Sensortechnik Meinsberg, 2010 wurde dieses Unternehmen wiederum vom US-Mischkonzern „ITT“ gekauft. Ein Jahr später gliederte ITT seine Flüssigtechnik-Aktivitäten unter dem Namen „Xylem“ aus. Seit 2016 firmiert die ehemalige „Sensortechnik Meinsberg“ als „Xylem Analytics Germany Sales GmbH & Co. KG“.

…und Conducta Waldheim

Einen anderen Teil der Schwabe-Belegschaft – immerhin über 150 technische Mitarbeiter – übernahm nach der Wende das Schweizer Messtechnik-Unternehmen „Endress+Hauser“, das seit den 1990er Jahren in Waldheim die „Conducta E+H“ in Waldheim betreibt. Auch diese Firma setzt teilweise die Schwabe-Aktivitäten fort: Die sächsische Tochter von Endress+Hauser ist auf elektrochemische und optische Sensoren für Flüssigkeiten spezialisiert. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf pH-Glassensoren.

Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow vor dem Fraunhofer CNT 2.0. Foto: Heiko Weckbrodt

Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow. Foto: Heiko Weckbrodt

Hightech-Forschung auf dem Lande

Bis heute strahlt das Vermächtnis von Kurt Schwabe auch international aus: „Das Kurt-Schwabe-Institut Meinsberg hat als Hightech-Forschungsstandort im ländlichen Raum große Bedeutung weit über die Grenzen des Freistaats hinaus“, betonte der sächsische Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) bei einem Institutsbesuch im Sommer 2021. „Es gibt feste Kooperationen mit Forschungs- und Industriepartnern aus den Europäischen Ländern und Großbritannien, Nord- und Südamerika sowie China. Am Institut arbeiten Doktoranden und Nachwuchswissenschaftlerinnen aus Brasilien, Chile, China, Italien und Belarus.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: KSI, Wikipedia, Endress+Hauser, Sensortechnik Meinsberg, Heiner Kaden: „Kurt Schwabe“, Oiger-Archiv