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Deutschland trägt weiter Rote Laterne bei Organtransplantation

Prof. Dr. Björn Nashan. Foto: Peter Weckbrodt

Prof. Dr. Björn Nashan. Foto: Peter Weckbrodt

800 Experten diskutieren bei Kongress in Dresden Lage der Transplantations-Mediziner

Dresden, 22. Oktober 2015. In Deutschland werden viel zu wenige Organe für lebensrettende Operationen gespendet – mit ihrer Spenderbereitschaft sind die Deutschen das Schlusslicht in Europa. Das haben heute die Spitzenvertreter der „Deutschen Transplantationsgesellschaft“ (DTG) während ihrer Jahrestagung in Dresden eingeschätzt, zu der rund 800 Mediziner aus ganz Deutschland gekommen sind. Nirgendwo anders in Europa würden in Relation zur Bevölkerungszahl so wenig Organe gespendet wie in der Bundesrepublik: Auf rund 92.000 Einwohner komme hier nur eine Organspende.

Transplantations-Skandale wirken nach

Auch im dritten Jahr nach dem Transplantationsskandal sei ein Ende der Probleme noch nicht abzusehen, betonte DTG-Präsident Prof. Björn Nashan. Im Vordergrund steht, so die Einschätzung durch die DTG, nach wie vor die juristische Aufarbeitung des Skandals im Bereich der Leber und die staatsanwaltlichen Ermittlungen in Berlin und München die Herztransplantation betreffend.

Prof. Christian Hugo ist im Uniklinikum Spezialist für Nephrologie (Nierenkunde) im Uniklinikum Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Prof. Christian Hugo ist im Uniklinikum Spezialist für Nephrologie (Nierenkunde) im Uniklinikum Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Nur 1 Spender auf 92.000 Einwohner

„Wir sind in einem Tal eingefroren“, so brachte es Tagungspräsident Prof. Christian Hugo vom Uniklinikum Dresden sehr drastisch zum Ausdruck. Die bisher in diesem Jahr durchgeführten 870 Organspenden bei einem Potential von über 80 Millionen Einwohnern belegen dies nachdrücklich. Andererseits, so Hugo, bejahten mehr als 70 Prozent der Deutschen die Organspende als Mittel, um Leben zu retten.

Transplantations-Register kommt 2017

Zugleich begrüßte die DTG eine Reihe von grundlegenden Veränderungen, die zu mehr Transparenz und Qualitätssicherung in der Transplantationsmedizin geführt haben. Dazu gehören die neuen Strafen für Manipulationen bei der Spenderorgan-Verteilung, der Auf- und Ausbau der Qualitätssicherung für die Organentnahme in den Entnahmekrankenhäuser und den Transplantationszentren, die jährliche Berichtspflicht zur Erhöhung der Transparenz und das ab 2017 kommende Transplantationsregister. Zu den Fortschritten zählt die DTG auch die Einführung eines Transplantationsbeauftragten.

Andererseits bestehen, bei hoher Spendenbereitschaft der Bevölkerung, weiterhin mangelnde Ressourcen der Entnahme-Krankenhäuser. Fakt sei, so die DTG, dass die Organentnahme in den Krankenhäusern nicht kostendeckend durch die Kassen erfolge und deshalb finanziell keinerlei Anreiz dazu bestünde. Auch das Patientenverfügungsgesetz erleichtere diese Prozesse in keiner Weise.

Nur noch routinierte Chirurgen für Organ-Entnahme zugelassen

Zur Qualitätssicherung in der Organentnahme gehört beispielsweise die Vorschrift, dass der für eine Nierenentnahme verantwortliche Operateur bereits 25 Nierenentnahmen bei Spendern durchgeführt haben muss. In Fällen von Pankreasentnahme müsse er diese in 10 Fällen unter Anleitung durchgeführt oder zumindest dabei assistiert haben.

Nierenspender riskieren, selbst von Dialyse abhängig zu werden

Professor Bernhard Banas machte mit neuen wissenschaftlich abgesicherten Erkenntnissen bekannt, wonach für einen Nierenspender mit der erfolgten Organentnahme keineswegs jegliches Risiko für Leib und Leben beendet sei: „Die Lebend-Nierenspende hat eine sehr gute Erfolgsquote, doch es bestehen auch Risiken für den Spender, die über die eigentliche Operation hinausgehen. Das muss jeder potentielle Nierenspender wissen, auch sollte er die möglichen Folgen kennen.“

Auch Risiken für Schwangere

Nach neueren Studien weisen Lebend-Nierenspender im Vergleich zu gesunden Nichtspendern ein leicht erhöhtes Risiko auf, selbst einmal nierenkrank oder gar dialysepflichtig zu werden. Für jüngere Frauen besteht ein erhöhtes Risiko für Schwangerschaftskomplikationen. Weitere Folgen nach Entnahme einer Niere können ein Anstieg der Blutdruckwerte und eine Eiweißausscheidung im Urin sein.

Immer mehr ältere Organspender und -Empfänger

Eine deutsches Spezifikum der Organtransplantation: Die Ärzte haben mit immer älteren Organspendern und -Empfänger zu tun. Aktuell seien in 30 Prozent der Spendenfälle die Spender bereits über 65 Jahre alt. Im Gegensatz zu den USA, wo jedes zweite Spenderorgan verworfen werde, das von Spendern dieses Alters komme, wird in Deutschland darin jedoch kein gravierendes Problem gesehen. Autor: Peter Weckbrodt

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[caption id="attachment_67607" align="alignleft" width="117"]Peter Weckbrodt. Foto: IW Peter Weckbrodt. Foto: IW[/caption]Peter Weckbrodt hat ursprünglich Verkehrswissenschaften studiert, wohnt in Dresden und ist seit dem Rentenantritt journalistisch als freier Mitarbeiter für den Oiger und die Dresdner Neuesten Nachrichten tätig.

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