Geschichte

DDR-Terroristen wollten West-Fernsehen erzwingen

Seit Jahrzehnten ohne Publikumsverkehr: der Dresdner Fernsehtum. Foto: Förderverein Fernsehturm

Dresdner Fernsehtum. Foto: Förderverein Fernsehturm

Gruppe „Volkszorn“ drohte im Sommer 84, Fernsehturm Dresden zu sprengen

Dresden, 27. Juli 2015. Wenn es um Westfernsehen ging, kannten manche Dresdner zu DDR-Zeiten kein Halten mehr: Die Bastler unter ihnen konstruierten aufwendige Antennenanlagen, um doch ein Fünkchen ARD, ZDF & Co. auf die Mattscheibe zu zaubern, auf der im Dresdner Elbtal sonst nur DDR-Sender und im besten Falle tschechisches TV oder der Fernsehsender der sowjetischen Besatzungstruppen zu sehen waren. Andere waren da radikaler: Die selbsternannte Gruppe „Volkszorn“ drohte im Juli 1984 in anonymen Briefen mit drastischem Terror, wenn die Staatsmacht nicht endlich für Westfernseh-Empfang sorge: Sie kündigten an, den Fernsehturm in Dresden-Wachwitz zu sprengen, außerdem den UKW-Sender in Löbau, die Dresdner Intershops, das Lenin-Denkmal auf der Prager Straße und/oder das Luxushotel „Bellevue“.

Stasi setzte bei Ermittlungen Wanzen und Postkontrolle ein

Die Briefe landeten bei der Stasi, die daraufhin einen „Operativen Vorgang“ (OV) einleitete, um die Bombendroher zu ermitteln. Die Geheimdienstler durchsuchten im Zuge dieses OV Wohnungen, setzten Abhörwanzen ein und schnüffelten in den Briefen von Verdächtigen.

Rund zehn laufende Kilometer Stasi-Akten verwahrt die Dresdner BStU-Außenstelle. Foto: Heiko Weckbrodt

Rund zehn laufende Kilometer Stasi-Akten verwahrt die Dresdner BStU-Außenstelle. Foto: Heiko Weckbrodt

Akten werden nun öffentlich verlesen

Damals galten die diese Ermittlungsakten als streng geheim, da doch in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen sollte, im sozialistischen, im „besseren“ Teil Deutschlands gebe es auch so etwas wie Terrorismus. Seit der Wende sind die Akten des ostdeutschen Geheimdienstes jedoch Forschern zugänglich. Auszüge daraus werden am 30. Juli 2015 ab 18 Uhr in der Dresdner BStU-Außenstelle, Riesaer Straße 7, unter dem Motto „Westfernsehen für alle“ öffentlich vorgelesen. Wer mehr über die Arbeit des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) erfahren will, kann am gleichen Tag um 14.30 und 16.30 Uhr an kostenlosen Führungen teilnehmen. Wer bei der Gelegenheit gleich Einsicht in seine Stasi-Akte beantragen will, sollte seinen Personalausweis mitbringen. hw

Zum Weiterlesen:

Aktion Semperoper: Wie die Stasi vor 30 Jahren die Wiedereröffnung der Oper absicherte

Bürgerinitiative will Fernsehturm Dresden reanimieren