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Stasi-Aktion „Semperoper“: Am Mittwoch wird gezündet!

Semperoper Dresden heute. Foto: Heiko Weckbrodt

Die Semperoper Dresden heute. Foto: Heiko Weckbrodt

Vor 30 Jahren weihte Honecker die wiederaufgebaute Semperoper in Dresden ein – und im Vorfeld kam der Geheimdienst schwer ins Rotieren

Erich Honecker. Foto: ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, CC3-Lizenz

Erich Honecker. Foto: ADN, Bundesarchiv, Wikipedia, CC3-Lizenz

Dresden, 13. Februar 1985. Abgeschirmt von Tausenden Stasi-Leuten, Polizisten und Paramilitärs weihte der Staatsratsvorsitzende und SED-Parteichef Erich Honecker vor 30 Jahren, am 13. Februar 1985, die damals gerade neuerbaute Semperoper in Dresden ein. Rund 265 Millionen Mark hatte sich die DDR den Wiederaufbau der kriegszerstörten Oper kosten lassen und nun wollte sich Honecker in diesem Aufbauerfolg vor den ausländischen Gästen sonnen – ungestört von Misstönen durch Ausreisewillige, unzufriedene DDR-Bürger oder Systemkritiker. Auch das Datum für die Wiedereröffnung war mit Bedacht gewählt. Genau 40 Jahre zuvor war das prachtvolle Opernhaus während des alliierten Luftangriffs auf Dresden zerstört worden. Durch „angloamerikanische Terror-Bomber“, wie man damals zumindest SED-intern als Seitenhieb auf den „Klassenfeind“ noch gern formulierte.

Sicherheitsapparat in Regimentsstärke vor Ort

An diesem Tag durfte nichts schiefgehen, wenn die Welt auf Dresden schaute. Und so wurden Partei- und Staatsorgane vor Ort angewiesen, mindestens 35.000 „Dresdner Werktätige“ bei eisiger Kälte zu einer machtvollen Großkundgebung auf dem Theaterplatz vor der Oper zusammenzutrommeln. Doch allein darauf wollte sich die SED-Führung nicht verlassen: Im Hintergrund schirmte nach minutiös durchgezirkelten Einsatzplänen der ostdeutsche Sicherheitsapparat in Regimentsstärke das Renommier-Großereignis vor Regimekritikern, Ausreisewilligen, Punkern, Pazifisten und angeblichen „Terroristen“ ab. Insgesamt waren über 3500 Stasi-Leute, Personenschützer, Polizisten und Bewaffnete der paramilitärischen „Kampfgruppen“ bei der geheimen „Aktion Semperoper“ im Einsatz. Und rund um das Großereignis kam die Stasi schwer ins Rotieren – auch wegen Bombendrohungen.

Die „Gerechte Sache“ wollte Oper sprengen

Die Postsendung sah auf den ersten Blick unscheinbar aus, war in leicht krakeliger Blockschrift an die „Volkspolizei“ in Dresden adressiert. Doch der Inhalt war brisant:

„Eröffnung der Semperoper wird nicht stattfinden. Zündung Mittwoch 18.00 Uhr. Abs.: Die Gerechte Sache“,

drohte der anonyme Schreiber. Laut Poststempel war das Schreiben kurz vor der geplanten Eröffnungsfeier, am 11. Februar 1985, gegen 17 Uhr, in Dresden aufgegeben worden. Oberst G. von der Dresdner MfS-Abteilung XX ordnete an, die Blockschrift auf dem Drohschreiben mit dem „Tatschrift-Speicher“ der Behörde zu vergleichen. Auch ließ er an alle Stasi-Dienststellen eine Fahndungsinformation verteilen, gab ein Täterprofil in Auftrag, forderte eine Fingerabdruck-Analyse des Schreibens und eine Speicheluntersuchung der Briefmarke an, um Geschlecht und Blutgruppe des anonymen Absenders zu ermitteln – DNS-Analysen gab es damals ja noch nicht.

Die anonyme Terrordrohung von 1985 in den Stasi-Akten. Quelle: BStU, MfS BV DD, Repro: Heiko Weckbrodt

Die anonyme Terrordrohung von 1985 in den Stasi-Akten. Quelle: BStU, MfS BV DD, Repro: Heiko Weckbrodt

Schon Stasi fürchtete Wutbürger

Vermutlich war den meisten MfS-Ermittlern durchaus bewusst, dass all diese anonymen „Terror-Drohungen“ wohl wenig Substanz hatten, sondern eher Ausdruck ohnmächtigen Zorns erboster Dresdner waren – heute würde man wohl von Wutbürgern sprechen. Doch welcher Stasi-Offizier wollte dafür schon seine Hand ins Feuer legen?

MfS durchleuchtete Oper bis zum letzten E-Motor

Nichts sollte daher im Vorfeld von Honeckers Feier ungeprüft bleiben, nichts außer Kontrolle geraten. Wochenlang war ein Heer von Stasi-Offizieren und Helfern nun damit beschäftigt, Marschrouten für die zur staatlich organisierten Beifalls-Demo befohlenen Bürger festzulegen, Fahrwege und Alternativrouten für die in- und ausländische Polit-Prominenz bis auf die Minute und den Meter genau festzulegen, mögliche Geheimverstecke für Attentäter in der Semperoper aufzuspüren, das gesamte Opern-Personal auf politische Zuverlässigkeit zu durchleuchten, ja selbst Strom-, Wasser- und Gastversorgung während der entscheidenden Stunden des Festaktes abzusichern.

Pazifisten, Punker und „Umweltschützler“ abfangen

Vor allem aber ordnete der Dresdner Stasi-General Horst Böhm an, jede „Störung“ durch „negativ-dekadente Personen“ bereits im Vorfeld unmöglich zu machen. Schon im weiten Umkreis seien Personenkontrollen auch auf „Pazifisten“, „Punker“, „Umweltschützler“ und „debile Personen“ auszudehnen. „Nichtakkreditierte Mitarbeiter gegnerischer Massenmedien“ seien einem extra eingerichteten „Operativen Langezentrum“ (OLZ) in Dresden sofort „fernmündlich oder fernschriftlich“ zu melden.

Bloß kein Glockenläuten zur Staatsdemo

Detailansicht Semperoper. Foto: Heiko Weckbrodt

Detailansicht Semperoper. Foto: Heiko Weckbrodt

106 als verdächtig geltende Bürger stellte die Stasi bereits Wochen vor dem Ereignis unter „besondere Beobachtung“. Darunter waren zum Beispiel Dresdner, die einen Ausreiseantrag gen Westen gestellt hatten, und von denen der Geheimdienst fürchtete, sie könnten sich am
13. Februar beim Festakt nach vorne drängeln und publikumswirksam ihren Ausreisewillen an Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) oder andere westdeutsche Granden herantragen. MfS, Polizei und sonstige Mitarbeiter des Staatsapparates nahmen besonders suspekte Bürger zudem in insgesamt 720 „Vorbeuge-Gesprächen“ in die Zange – um ihnen klar zu machen, dass sie am 13. Februar nichts an der Semperoper zu suchen hätten. Andere Staatsabgesandte setzten Kirchenvertreter unter Druck, damit die bloß nicht während der Großkundgebung am Nachmittag die Glocken der nahen Hofkirche läuten ließen. Auch sei das „Verbreiten selbstgefertigter Hetzschriften“ und das „Anschmieren von Hetzlosungen“ an und um die Semperoper in jedem Falle zu unterbinden.

Spitzeldurchsetztes Pressebüro für die „NSA“-Journalisten

Besondere Sorgen machten den ostdeutschen Überwachern aber vor allem die fast 200 Journalisten aus dem „NSA“, die sich für den Festakt in Dresden akkreditiert hatten. Dabei stand „NSA“ im Stasi-Jargon nicht für den damals noch wenig bekannten US-Geheimdienst „National Security Agency“, sondern für „Nichtsozialistisches Ausland.“ Um vor der internationalen Öffentlichkeit den schönen Schein eines zivilisierten und freien Landes zu wahren, konnte und wollte das MfS nicht direkt gegen diese als dezidiert „feindlich“ eingestuften „Schnüffler“ vorgehen. Statt dessen richtete die DDR-Führung ein mit Stasi-Leuten durchsetztes Pressebüro für die Journalisten in Dresden ein, kutschierte die Westpresse möglichst in geschlossenen Bussen durch die Stadt – und verwanzte die Kommunikations-Leitungen der Schreiberlinge.

Auch Kampfgruppen mobilisiert

Am Tag der Tage fuhr der Überwachungsapparat schließlich auf Hochtouren: Insgesamt 1734 MfS-Angehörige, 1162 Polizisten, 500 Angehörige der Kampfgruppen und zahlreiche weitere Mitarbeiter boten die „Sicherheitsorgane“ am 13. Februar 1985 ein: Damit Erich Honecker zu seinem Triumph kam, im Licht der internationalen Aufmerksamkeit zu stehen – und bloß nicht mit den Niederungen des DDR-Alltags in Berührung kam oder mit der Unzufriedenheit, die nicht nur in Dresden in der Bevölkerung in den 1980er Jahren immer heftiger gärte.

Honecker bekam seinen Triumph – und die Dresdner durften zurück ins Warme

Ein kleines Zugeständnis machte die geballte Staatsmacht dem Volke schließlich doch: Weil es so eisig kalt an jenem Februartag war, wurden Honecker-Rede und Kundgebung auf dem Theaterplatz gegenüber den ursprünglichen Zeitplänen spürbar eingekürzt, sodass mehrere Zehntausend „Werktätige“ bald wieder in die warmen Stuben nach Hause zurückdurften. Letztlich konnte bekam Honecker seine internationale Aufmerksamkeit, die Semperoper wurde nicht gesprengt, gilt seitdem wieder als eines der schönsten Opernhäuser weltweit – pro Jahr besuchen inzwischen über 300.000 Dresdner und Dresden-Besucher die Konzerte, Opern- und Ballettaufführungen in dem Semperbau. Autor: Heiko Weckbrodt

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