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Kommentar: Richtige Antwort auf Pegida – aber etwas spät

Foto: Peter Weckbrodt

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Pegida spricht nicht für Mehrheit der Dresdner

Foto: Ronny Siegel

Foto: Ronny Siegel

Wenn 35.000 Menschen für Weltoffenheit und Empathie für Flüchtlinge im Dresdner Stadtzentrum demonstrieren, ist das zuallererst ein richtiges und wichtiges Signal. Denn das zeigt, was jedem klar sein musste, der nicht gleich jede Statistik reflexartig als „Fälschung“ abtut: Die Pegidisten mögen eine nicht vernachlässigbare Minderheit in Dresden sein, aber eben eine Minderheit. Die Mehrheit der Dresdner findet es nicht gut, Asylsuchende unter Generalverdacht zu stellen, ihnen Angst zu machen, indem man montagabends schweigend durch die Straßen zieht – und dabei Seit an Seit mit Ultrarechten läuft und Pegida-Anführern beklatscht, deren menschenverachtende Geisteshaltung gestern wieder einem aufschlussreichen „Spiegel“-Bericht zu entnehmen war.

Stadt und Land hätten sich eher aufraffen müssen

Allerdings wurde es auch Zeit, dass sich die Dresdner Stadtverwaltung und die sächsische Staatskanzlei endlich mal aufgerafft haben, solch ein Zeichen zu setzen: Fällig wäre das spätestens im Dezember gewesen, als klar wurde, dass Pegida kein kleines Häuflein ist, sondern eine Projektionsfläche für die wahrscheinlich schon jahrelang angestauten Sorgen, die Unzufriedenheit, teils auch diffusen Ängste Tausender. Wie hatte es das Rathaus erst soweit kommen lassen können, dass sich ausländische Mitbürger in Dresden nicht mehr willkommen oder sogar bedroht fühlen? Dass sich ein tiefer Graben inmitten der Bürgerschaft auftut? Dass man in Deutschland und international nun davon ausgeht, dass Dresden ausländerfeindlich gesinnt ist, dass hier die Nazis wie die Wilden herumeumeln?

Diese Entwicklung inmitten einer demokratischen Gesellschaft auszusitzen, totzuschweigen oder anderseits auf die Pegidisten rhetorisch draufzuhauen, sie im besten Falle als verblendeten Mob und Dummköpfe, im undifferenzierteren Falle als Nazis, Gesindel oder Mischpoche zu beschimpfen, hat jedenfalls nicht funktioniert und Pegida eher noch mehr Zulauf beschert.

Dialog ist nicht, den anderen zu belehren

Auch erscheint es mir etwas verblendet, sich selbstgerecht hinzustellen, und zu sagen, ein Dialog mit den Pegidisten sei nicht möglich – aber selbst unter Dialog verstehen, dass sich diese Menschen geduldig Belehrungen über „Gut“ und „Böse“ anhören. Dass es möglich ist, in einen sachlichen Dialog selbst mit erzürnten Pegida-Anhängern zu kommen, vielleicht gar gemeinsame Nenner zu finden, hat erst jüngst der Dialogauftakt in der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung gezeigt.

Wutspirale ist Gift für Demokratie

Wer sich als weltoffener und international denkender Mensch versteht, mag zurecht erzürnt darüber sein, wie sich Pegidisten über „die Ausländer“, „die Tunesier“, „das System“ oder „die Lügenpresse“ auslassen. Doch ist der Demokratie wirklich geholfen, diese Menschen mit der verbalen Brechstange zum Schweigen zu bringen, damit sie sich zurückziehen, sich in Wut, vielleicht gar Hass noch weiter hineinsteigern, bei den nächsten Wahlen ihre Stimmen weit rechts vergeben oder das Heer der Nichtwähler Jahr für Jahr vergrößern? Diese Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen, ihre Bedenken ganz konkret und für sie akzeptabel auszuräumen, mag anstrengender sein, als „Nazi! NAZI!“ zu brüllen, ist aber nachhaltiger.

Wen man persönlich kennt, den spuckt man nicht leichten Herzens an

Doch das gelingt nur mit konkreten Schritten: Wenn Anwohner sich zum Beispiel fürchten, dass ihnen „die Ausländer“ aus dem Heim um die Ecke die Töchter vergewaltigen, mag das exaltiert klingen – doch da mag es eben helfen, die Leuten ein sicheres Gefühl zu geben, indem dort trotz aller Sparerei für eine gewisse Zeit die Polizeipräsenz erhöht. Auch kostet es natürlich Geld, Deutsch-Crashkurse für Asylbewerber anzubieten. Aber dieses Geld wird man wohl in die Hand nehmen müssen: Wenn man den „Anderen“ versteht, entstehen weniger Missverständnisse. Vor allem aber sollte man es nicht nur mit allgemeinen Appellen an irgendwen belassen, eine Willkommenskultur zu entwickeln. Da müssen sich die Behörden eben hineinknien und gemeinsame Feste und andere Veranstaltungen mit Asylheimbewohnern und Anwohnern organisieren. Denn wen man erst mal persönlich kennt, dem spuckt man nicht gedankenlos ins Gesicht. Autor: Heiko Weckbrodt

Zum Weiterlesen:

35.000 demonstrieren in Dresden für Weltoffenheit

1 Kommentare

  1. Vielen Dank für die offenen und mir aus dem Herzen gesprochenen Worte Herr Weckbrodt.

    Es fängt mir der diffusen Angst weit vor den Asylbewerbern an, sind doch schon Europäer oft vor Hürden gestellt, die es in anderen Städten nicht gibt. Warum sonst werden EU-Bürger nach der Anmeldung in Dresden zum Ausländeramt zitiert („Das ist nun mal so!“) um dann von den dortigen Kollegen dies zu erfahren, „Warum sind Sie denn da? Sie kommen doch aus der EU. Da müssen Sie doch gar nicht bei uns vorbeikommen!“

    Perplex geht man dann nach Hause und fragt sich, „Bin ich hier eigentlich willkommen?“

    Mehr Gespräche zwischen den Menschen, um zu verstehen, was das Besondere und Unbekannte (das kann schon im direkten Nachbarland ganz anders sein), ist Einzige, um gegenseitig mehr Wertschätzung und Verständnis gegenüber zu bringen. Daraus kann sich dann auch die für Dresden so nötige Integration von gebürtigen Nicht-Dresdnern entwickeln in diese wunderbare Stadt mit ihren Bürgern entwickeln. Toleranz gegenüber dem „Fremden“ ist da lediglich ein erster Schritt. Zum aktiven Handeln braucht es dann doch schon ein wenig mehr Energie und nicht zwangsläufig staatlich geförderte Programme.

    Dass es solche Schritte in der Stadt bereits gibt zeigen Initiativen wie International Friends Dresden, Dresden Business International Group und ähnliche.

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