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„Es liegt kein Antrag vor“: Kafkaesker Erfahrungsbericht aus der Jobcenter-Mühle

Entmenschte Bürokratie... Illustration: Jana Moskito, aus: "Es liegt kein..."

Entmenschte Bürokratie… Illustration: Jana Moskito, aus: „Es liegt kein…“

Arbeitslose Köchin plaudert über Arbeitsverwaltungs-Bürokraten und unbezahlte Praktika

92 Jahre, nachdem Franz Kafka seine Verwaltungs-Groteske „Das Schloß“ schrieb, ist die deutsche Bürokratie anscheinend kein bisschen menschlicher geworden, möchte man meinen, wenn man Johanna Richter Erfahrungsbuch „Es liegt kein Antrag vor“ liest: Die Jungköchin vom Niederrhein wurde in ihrem ersten Job kurz vor Ende der Probezeit gekündigt. Und weil nur Verlierer, nur Unterschichtler im Hartz-IV-Sumpf stecken bleiben, wie sie selbst meinte, wollte sich die damals 21-Jährige natürlich schnellstmöglichst von der Arbeitsagentur in einen neuen Job vermitteln lassen. Doch Fehlanzeige: Ihr Antrag ging in der Jobcenter-Bürokratiemühle verloren – der Beginn einer wochen- und monatelangen Odyssee durch Ämter und unbezahlte Praktika, die die Köchin nun in einem kurzweiligen Buch aufgepinselt hat.

Kreislauf: Kein Antrag, kein Termin, kein Geld

Denn ohne den besagten Antrag gab’s für sie keine Bearbeitungsnummer, und ohne die kein Arbeitslosengeld, keine Beratung, nicht mal einen Termin beim Sachbearbeiter. Zehn Wochen später war Richter so blank, dass ihr die Stadtwerke Heizung und Warmwasser abdrehten. Und als die Köchin dann doch Jobangebote vom Amt bekam, stellten sich die sich meist als wenig zielführende, berufsfremde und meist unbezahlte Praktika heraus.

Johanna Richter. Foto: PR

Johanna Richter. Foto: PR

Unterhaltsam statt analytisch

Aufgeschrieben hat die Köchin Richter diese labyrinthischen Abenteuer aber nicht in klagendem Duktus, sondern eher entspannt-unterhaltend – was zweifellos zu den Pluspunkten ihres 240-seitigen Buches gehört. Viel Analyse oder gar ein basis-investigatives Werk in Wallraff-Tradition sollte man indes nicht erwarten, die Autorin spult ihre Geschichte eher wie eine Story ab, wie man sie auf einer Party zur allgemeinen Belustigung erzählen würde. Zudem wird man das Gefühl nicht ganz los, dass der Schwarzkopf-Verlag hier ein Buchkonzept auszuwalzen versucht, dass aus der fluffigen Feder von Stefanie Mühlsteph („Nerdikon“, „Technik-Girl“) einmal funktioniert hat. Solche „Ich plaudere über die Welt, wie ich sie sehe“-Plots können sich indes schnell totlaufen…

Autor: Heiko Weckbrodt

Abb.: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Abb.: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Johanna Richter: „Es liegt kein Antrag vor“, Erfahrungsbericht, „Schwarzkopf & Schwarzkopf“-Verlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-86265-394-2, Taschenbuch: zehn Euro, Kindle-eBuch: sieben Euro, Leseprobe hier

 

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