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Hilfe für fragile Kinder und Eltern

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Intensivbetreuung fördert Mutter-Kind-Bindung

Dresden, 17. November 2014: Wie fragil kann ein Leben sein? Wie groß ein Mensch? Beine so klein wie Finger, der Kopf kaum größer als eine Orange. Extrem unreife Frühgeborene mit einem Gewicht von unter 1000 Gramm ringen oft Wochen mit ihrem Leben. Die Liebe und Nähe von Mutter und Vater können in dieser entscheidend sein: Für das Überleben des Kindes und auch dessen geistige Entwicklung.

Problem: Frühchen sehen kaum wie Babys aus

Doch wie ein Kind lieben, dass nicht wie ein Baby aussieht? Das eher wie ein Embryo wirkt, oder ein Alien. „Eltern haben Berührungsängste“, sagt Jörg Reichert, Leiter der Intensivbetreuung „FamilieNetz“ an der Uniklinik Dresden. „Menschen verfügen über ein natürliches Fürsorgesystem. Dieses greift jedoch bei sehr unreifen Frühchen nicht.“ Für viele Eltern sei es schwer, die Sprache der Winzlinge zu lesen, was bei reifen Babys kein Problem sei. „Viele haben schlichtweg Angst, sich auf die Kinder einzulassen, aus Angst sie wieder zu verlieren“.

„Brauchen Eltern ganz früh in der Klinik“

Damit dies nicht passiert und die oft überraschten Eltern Hilfe erfahren, kümmern sich am Dresdner Uniklinikum elf Mitarbeiter um die Familie. „Wir wünschen uns, dass jedes Frühchen seine kognitive und geistige Entwicklung aufholen kann“, sagt Reichert. „Deswegen brauchen wir die Eltern ganz früh in der Klinik.“

Selbst streicheln ist zuviel

Frühgeborene liegen sie oft mehrere Monate in der Klinik. Die Experten helfen bei organisatorischen Fragen um Mutterschutz, Elterngeld und Krankenkassenfragen. Sie erklären, wie die Winzlinge gebadet werden und berührt werden dürfen. „Ein Streicheln versendet zu viele Reize, das vertragen Frühgeborene nicht“, erklärt Reichert. „Besser ist es, einfach nur die Hand ruhig auf den Brustkorb zu legen“.

Kinder spüren dennoch Präsenz der Mutter

Denn auch dort, angeschlossen an den Inkubator, verbunden mit vielen Sonden und Schläuchen, mitten im Brutkasten verstehen Babys, ob ihre Eltern da sind. „Jedes Kind erkennt sein Mutter – auch mit 500 Gramm“, sagt Reichert. „Es ist ruhiger und ausgeglichener, wenn die Eltern da sind“. Der Experte ist überzeugt, dass die Nähe von Mutter und Vater für die Entwicklung des Babys ausschlagend sind. Eine Studie hat dies jetzt bestätigt. „Unser Kinder hier interagieren messbar besser, als Kinder die nicht intensiv betreut werden“, erklärt Reichert.

Wenn es hart kommt, wird der Pfarrer geholt

Das Team von "FamilieNetz". Foto: Uniklinikum Dresden

Das Team von „FamilieNetz“. Foto: Uniklinikum Dresden

Doch abseits der Kinder geht es um die Mütter und Väter selbst. Darum, dass das Warten jetzt über sie hereingebrochen ist, das Bangen um jedes Gramm, das Hoffen auf jede Bewegung, das elende Ausharren bis das Kind die Schwelle zum Leben endgültig genommen ist. Die Spezialisten bieten nicht nur Beratungen, sondern auch psychologisch-sozialmedizinische Betreuung. Manchmal, wenn es ganz hart kommt, bestellen sie einen Pfarrer und fertigen kleine Fußabdrücke, als Abschied. Meistens jedoch siegt das Leben.

„500 Gramm, das sind nur 2 Tafeln Schokolade…“

Zukünftig will Reichert mit seinem Team, das jährlich über 700 Familien betreut, die intensive Hilfe in Ostsachsen ausbauen. Die Frühgeborenen in allen Städten sollen die gleiche Chance haben. Denn immerhin, so soll ein Kleinkind mal auf der Station gesagt haben: „500 Gramm, das sind ja nur zwei Tafeln Schokolade.“ Autorin: Hannah Dembinski

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