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Zum Neustart von „Plastic Logic“: Bitter, aber klug

Dresden, 17.5.2012: Dass sich Plastic Logic von seinem ehrgeizigen Plan verabschiedet, eigene eBuch-Lesegeräte herzustellen und in diesem Zuge Mitarbeiter in Dresden vor die Tür setzt, ist erst mal bitter: Für die betroffenen Menschen, die ihre Job verlieren, aber auch für den Standort – eigene Hightech-Endprodukte machen für das Renommee mehr her, keine Frage. Dennoch halte ich die Neuausrichtung des Unternehmen für klug. Warum?

Zukunftsweisende Konzepte gab es bei Plastic Logic sicher: Aus Kunststoffelektronik einen Bildschirm zu bauen, birgt die Chance auf ePapier, das man – anders als die siliziumbasierten Pendants – wie echtes Papier biegen, vielleicht gar zusammenfalten könnte, was die Akzeptanz elektronischen Lesens im Massenmarkt stark erhöhen könnte.

Schon „Cool Reader“ mangels Machbarkeit stillschweigend begraben

Auch der „Cool Reader“, den das sächsische Spitzencluster-Projekt „Cool Silicon“ eigentlich konstruieren wollte, hätte Charme gehabt: Mit flexiblen ePapier von Plastic Logic als Kernstück, beschichtet mit durchsichtigen Organiksolarzellen von Heliatek, Stromspar-Speichern von Qimonda Dresden und vielen anderen Innovationen wäre solch ein Gerät sich der Knüller gewesen – wenn es denn je gebaut worden wäre. Aber selbst dieser Zusammenschluss vieler Firmen und Institute hat dieses Projekt letztlich stillschweigend mangels praktischer Machbarkeit in absehbarer Zukunft stillschweigend begraben.

Für Hightech-Endprodukt bedarf es eines langen Atems und – viel Kapital

Denn für ein Vorzeige-Endprodukt wie einen eReader braucht man eben nicht nur gute Ideen, sondern langen Atem, die Fähigkeit, rasch eine echte Massenproduktion hochzuziehen nebst starker Vertriebskanäle und vor allem viel Kapital. All dies haben die großen Auftragsfertiger und Bildschirmfabriken in Taiwan, Südkorea und teils auch China – wenngleich ihnen (sieht man mal von Vollkonzernen wie Samsung ab) oft die forschungsintensiven Eigenentwicklungen abgehen.

Plastic Logic verabschiedet sich von der eReader-Produktion - kann nun aber auch echte Innovationen wie biegesames elektronisches Papier in Farbe vorweisen. Abb.: Plastic Logic

Mit seinem biegsamen, farbigen ePapier hat Plastic Logic jetzt ein Pfund zum Wuchern unjd eine gute Chance für den Neustart als Zulieferer. Abb.: Plastic Logic

Diese Konstellation hat Nachteile für den Wirtschaftsstandort Europa, da Massenproduktion jobträchtiger als Entwicklung ist, das einzelne europäische Unternehmen sollte sich jedoch diesen Realitäten stellen. Insofern hat sich Plastic Logic überhoben und die Konzentration auf seine Kernkompetenz Kunststoffelektronik-Entwicklung ist vielleicht die letzte Chance für das Unternehmen.

Beispiel Novaled: Erfolg als Kern-Zulieferer

Wie dies funktionieren kann, zeigt ein Blick auf die andere Elbseite, auf eine Firma aus einer verwandten Branche, mit ähnlicher Historie: Auch „Novaled“ wurde vor etwa zehn Jahren aus einer Uni ausgegründet, spezialisierte sich auf leistungssteigernde Kernzutaten für „Organische Leuchtdioden“ (OLEDs). Anders als PL drehte Novaled aber nicht am „großen Rad“, sondern profilierte sich als Kernzulieferer für die Asiaten – und fährt jetzt die Ernte ein, macht Gewinne und dürfte wegen des jüngsten OLED-Booms wohl bald stark wachsen.

Und erst jetzt beginnt Novaled, eigene Nischen-Produkte, nämlich OLED-Designerleuchten auf den Markt zu bringen, woraus sich ja immer noch Interessantes entwickeln kann. Vielleicht ein Vorbild für Plastic Logic… Heiko Weckbrodt

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