Das Incirt-Team entwickelt in Aachen schnelle Datenwandler. Foto: Incirt
Incirt aus Aachen lässt schnelle Datenwandler für Raumfahrt bei Globalfoundries Dresden statt in Fernost in Silizium gießen
Aachen/Dresden, 27. März 2026. Viele Tech-Firmengründer haben zwar eine innovative Idee, oft genug aber fehlt ihnen die eigene Fabrik, um das neue Tech-Produkt auch herstellen zu können. Viele greifen deshalb auf preiswerte Auftragsfertiger („Foundries“) aus Fernost zurück – die niedrigen Kosten dort erscheinen unschlagbar. Nicht so Oner Hanay: „Wir zeigen, dass Hochleistungschips auch mit europäischer Fertigungstechnologie realisierbar sind“, erklärt der Mitgründer und Chef der Aachener Mikroelektronik-Firma „Incirt“. „Das ist technologisch wie strategisch ein entscheidender Schritt in Richtung digitaler Souveränität Europas.“
Gründer wollen „Abhängigkeit von hochskalierter, außereuropäischer Fertigung“ vermeiden
Deshalb hat Incirt nun 4,8 Millionen Euro Risikokapital eingesammelt. Mit dem Geld kann die Ausgründung der RWTH Aachen ihre schnellen Datenwandler für Satelliten nicht nur weiterentwickeln, sondern auch gleich herstellen lassen: nicht in Taiwan, China oder Korea, sondern in der Globalfoundries-Chipfabrik in Dresden. „Das Einzigartige unserer Produkte ist – neben den überragenden technischen Eigenschaften – dass die Produktion in Europa und eben nicht nur in den USA oder Asien stattfinden kann“, erläutert das Unternehmen auf Oiger-Anfrage diese Entscheidung. „Die Chips werden auf 22-Nanometer-Technologie in Europa gefertigt und ermöglichen damit leistungsfähige Halbleiterproduktion ohne Abhängigkeit von hochskalierter, außereuropäischer Fertigung. Statt immer kleinerer Strukturen steht bessere Architektur im Mittelpunkt.“
Seit Corona mehren sich die Lieferketten-Störungen – nahe und zusätzliche Chip-Quellen in Europa werden daher beliebter
Diese Argumente zählen seit Corona doppelt: Schon während der Pandemie legten nicht nur staatliche Auflagen, sondern auch daraus erwachsende Lieferketten-Störungen viele Produktionsstätten weltweit lahm. Dass dies keine singuläre Krise war, zeigten in den Folgejahren der Schiffsunfall im Suezkanal, der russische Angriff auf die Ukraine, mehrere Erdbeben, Brände oder Winterschäden in Halbleiterfabriken weltweit, die Nexperia-Krise, Donald Trumps Wirtschaftskriege gegen den Rest der Welt, außerdem jüngst der israelisch-amerikanische Angriffskrieg gegen den Iran. Seither mühen sich viele europäische Unternehmen darum, beispielsweise zusätzliche Chip-Quellen in Europa zu erschließen, um zumindest nicht ausschließlich auf Lieferanten in China oder Taiwan angewiesen zu sein.
Auf „Shuttle“- bzw. „Projekte“-Wafern teilen sich mehrere Startups, Mittelständler, Forschungsinstitute oder andere kleine Auftraggeber mit ihren Chips in jeweils eine große Siliziumscheibe hinein. Für Globalfoundries Dresden gehört auch dies zu Geschäftsmodell – und auch TSMC plant solch eine Sparte in seiner Dresdner Fab. Visualisierung: KI Gemini, Prompt: Heiko Weckbrodt
„Multi-Projekt-Wafer“ für Mittelstand und Ausgründungen: Europas Megafabs sind sich auch für Kleinaufträge nicht zu schade
Hinzu kommen neue Möglichkeiten, die europäische Foundries für den Mittelstand und „Start-ups“ bieten. Für den sächsischen Ableger des US-Auftragsfertigers „Globalfoundries“ (Glofo) beispielsweise, der noch in den 90er und 2000er Jahren in AMD-Regie noch Computerprozessoren auf Masse baute, sind solche kleineren Aufträge wie aus Aachen längst Teil des Geschäftsmodelles geworden: Einen Teil der Siliziumscheiben, die Europas größte Reinraum-Fab durchlaufen, enthalten als „Shuttle-Wafer“ beziehungsweise „Multi Project Wafer“ Kleinserien oder Prototypen innovativer Schaltkreise, die Jungunternehmen, Mittelständler oder Uni-Institute bei den Dresdnern bestellt haben. Normalerweise sind solche Serien in modernen Megafabs für solche kleinen Auftraggeber viel zu teuer, schon allein wegen der hohen Kosten für die Chipbelichtungsmasken. Durch das Shuttle-Wafer-Prinzip können sich aber eben mehrere Kunden in jeweils ein Produktionslos hinein teilen, das für sie überhaupt erst erschwinglich wird.
Chipfabrik „um die Ecke“ ist Chance für Innovatoren
Beispiele dafür sind etwa die neuronalen Schaltkreise, die TU-Forscher für einen gehirnähnlichen Computer bei Glofo in Auftrag gegeben hatten, die Prozessoren und Signalchips aus dem Barkhausen-Institut Dresden, die Marathon-Läufer-Tracker von „Racemap“ oder die KI-Beschleuniger der TU München, die Prof. Hussam Amrouch ausdrücklich in der Dresdner Glofo-Technologie auf 22FDX-Basis fertigen lassen will, weil die besonders stromsparsame Elektronik möglich macht. Generell nutzen gerade in Sachsen viele kleinere Unternehmen und Institute die besonderen Möglichkeiten, die sich ergeben, weil im Großraum Dresden gleich mehrere Chip-Foundries „um die Ecke“ zu finden sind.
Prof. Hussam Amrouch zeigt seinen KI-Chip. Foto: Andreas Heddergott für die TU München
„Der Energiehunger Künstlicher Intelligenz ist eine der größten Herausforderungen der ganzen KI-Entwicklung. Dafür empfiehlt sich die sparsame Globalfoundries-Technologie besonders. Es ist ja auch kein Zufallm, dass in so vielen Handys Globalfoundries-Chiptechnik steckt.“ Prof. Hussam Amrouch, TU München
Aachener wollen mit ihren schnellen Datenwandlern Tausende Satelliten ausrüsten
Zurück zu „Incirt“: Das Gründerteam hofft, mit seinen neuen Datenwandlern „Made in Germany“ in der Raumfahrt einen Volltreffer zu landen: „Unsere Architektur ermöglicht Leistungssteigerungen, die mit klassischer Halbleiterentwicklung kaum noch erreichbar sind“, schätzt Incirt-Chef Hanay ein. Die neue Generation von Datenwandlern aus Aachen werde eine bis zu 100-mal schnellere Datenwandlung ermöglichen als bisherige Ansätze – und dies, dank der Glofo-Halbleiterarchitektur, bei sehr geringem Energieverbrauch. Nachfrage wittert Hanay beim Ausbau der Handy-Netze, vor allem aber in der orbitalen Raumfahrt: „Das schafft Spielraum im begrenzten Power-Budget, erlaubt mehr Antennen pro Satellit, mehr Daten pro Orbit und eine längere Missionsdauer.“ Ein klares Ziel hat sein Team bereits vor Augen: „In zehn Jahren werden alle europäischen Satellitenkonstellationen – wir sprechen von 5000 bis 10.000 Stück – mit Incirt-Technologie ausgerüstet sein.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Incirt, Oiger-Archiv
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[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"] Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption]
Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger".
Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher
• Geboren 1970
• 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin
• 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten)
• 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten
• 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung)
• seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger