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14 % weniger Lohn für Ostdeutsche

Die Lohnlücke zwischen Ost und West liegt in Deutschland bei etwa 15 %. Themenfoto: Heiko Weckbrodt
Die Lohnlücke zwischen Ost und West liegt in Deutschland bei etwa 14 %. Themenfoto: Heiko Weckbrodt

Verdienstschere hat sich aber seit 2012 halbiert

Nürnberg/Dresden, 18. November 2025. Das Lohnniveau in Ostdeutschland bleibt 35 Jahre nach der Wiedervereinigung niedriger als in der alten Bundesrepublik: Ostdeutsche bekommen für ansonsten vergleichbare Tätigkeiten im Schnitt 14 Prozent weniger Lohn als ihre westdeutschen Kollegen. Allerdings hat sich die Einkommensschere seit 2012 nahezu halbiert. Das geht aus einer Analyse des „Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ der Arbeitsagentur (IAB) in Nürnberg hervor.

Keine DAX-Konzernsitze im Osten, ostdeutscher „Mittelstand“ ist bisher eher kleinteilig

Besonders hoch sind die Einkommensunterschiede für Spezialisten, Fachkräften und Experten – und da wiederum im Auto- und Maschinenbau. Dies dürfte daran liegen, dass es in Ostdeutschland keine DAX-Konzerne und gutgehende Mittelständler gibt, dafür viele nach der Wende gewachsene kleine Unternehmen, die selbst für hochqualifizierte Arbeit nicht so hohe Gehälter wie die „Großen“ zahlen können.

Mindestlohn-Sprünge haben Lohnunterschiede für Helfer verringert

Bei Jobs auf Helferniveau wiederum ist die Ost-West-Lohnlücke laut IAB am kleinsten und beträgt dort nur zehn Prozent. Das liegt vor allem an den Mindestlohn-Sprüngen der letzten Jahre. „Beschäftigte in Ostdeutschland und in Helfertätigkeiten profitieren besonders vom Mindestlohn, da er dort wegen der niedrigen Löhne stärker greift“, erklärt IAB-Forscher Holger Seibert.

Etwas relativieren sich die Lohnunterschiede durch die vier Prozent niedrigeren Lebenshaltungskosten. Ansonsten sei aber festzuhalten, „dass Beschäftigte in Ostdeutschland für die gleiche Arbeit vielfach noch immer einen niedrigeren Lohn erzielen als im Westen“.

IAB-Forscher plädiert für „Ansiedlung produktiver und zukunftssicherer Unternehmen“ im Osten

Um die Lohnschere zu schließen, plädieren die IAB-Forscher für eine gezielte Ansieldungspolitik inmitten von Transformation und Multikrise: „Die deutsche Wirtschaft steht vor Veränderungen durch Strukturwandel, De-Globalisierung und stärkere Ausrichtung auf Verteidigungsgüter“, argumentiert Seibert. „Dies sollte als Chance genutzt werden, die ostdeutsche Wirtschaft gezielt zu stärken – durch die Ansiedlung produktiver und zukunftssicherer Unternehmen – und auf diese Weise die Lohnaussichten im Osten anzuheben.“

Ansiedlungspolitik hat Sachsen wirtschaftlich gestärkt – Lohndifferenzen bleiben

Sachsen verfolgt diesen Pfad schon länger. Zu denken ist da etwa an die – oft hochsubventionierten – Mikroelektronik-Ansiedlungen von Siemens/Infineon, AMD, Bosch, TSMC, an die Autofabriken von VW, BMW und Porsche im Freistaat oder die Institute von Fraunhofer & Co. Dies hat zwar dazu geführt, dass Sachsen eine stärkere Industrie hat als die meisten anderen ostdeutschen Regionen, wirtschaftlich auch stärker den Trends der westlichen und süddeutschen Bundesländer folgt als andere ostdeutsche Länder. Doch die Lohnunterschiede zum Westen sind im östlichen Freistaat laut dem Deutschen Gewerbschaftsbund (DGB) sogar besonders deutlich: „Die mittleren Monatsentgelte liegen mit 3388 Euro in Sachsen deutlich unter denen in Westdeutschland mit 4117 Euro“, heißt es in einer DGB-Analyse für das Jahr 2024. Dies entspricht 18 Prozent Unterschied. „Aber auch gegenüber dem Medianlohn in Ostdeutschland in Höhe von 3539 Euro liegt Sachsen noch zurück. Es besteht dringender Handlungsbedarf, die Lohnlücken zu schließen.“

Ostdeutsche Lohnschere im Grenzraum zu Hessen und rund um Berlin geringer

Viel stärker als die Ansiedlungspolitik wirken sich offensichtlich die Nähe zu Gegenden mit höherdotierten Jobs aus: In Berlin und im Umland der Bundeshauptstadt zum Beispiel sind die Lohndifferenzen zum Westen geringer als anderswo, ebenso in Thüringen im Grenzraum zu Hessen. Sachsen hingegen hat Tschechien und Polen als Nachbarn, die das Lohnniveau eher drücken als heben. Insofern braucht der Ansiedlungspfad offensichtlich zumindest einen langen Atem, bevor er zu einer Lohnangleichung führt.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: IAB, Oiger-Archiv

Wissenschaftliche Publikation:

„Löhne in Ost- und Westdeutschland – Im Osten verdienen Beschäftigte immer noch 14 Prozent weniger“ von Holger Seibert, in: IAB-Kurzbericht 25-2025, Fundstelle im Netz hier

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger