Auch die Bosch-Chipfabrik in Dresden wurde durch Subventionen mit ermöglicht. Foto/Visualisierung: Bosch
Trumps Erpressungspolitik und chinesische Drohgebärden sind ernste Gefahr für Liefersicherheit
Berlin/Dresden, 20. Oktober 2025. Wegen Trumps Wirtschaftskriegen und Chinas Drohgebärden gegen Taiwan sorgen sich viele deutsche Unternehmen, dass der Mikroelektronik-Nachschub aus Amerika und Asien versiegen könnte. Das haben Umfragen des deutschen Digitalverbandes „Bitkom“ aus Berlin ergeben. Dies wiederum erzeugt Rückenwind für die Bemühungen von EU, Bund und Sachsen, Europa durch eigene Chip-Fabriken und -Designhäuser unabhängiger von Zulieferungen aus Übersee zu machen.
Ralf Wintergerst. Foto: Bitkom
„Wir brauchen ein starkes Ökosystem rund um Halbleiter. So sind wir weniger erpressbar.“ Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst
„Halbleiter stehen im Mittelpunkt internationaler Wirtschaftskonflikte“, betont daher Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. „Wir brauchen daher ein starkes Ökosystem von Unternehmen rund um Halbleiter in Deutschland und Europa. So können wir Abhängigkeiten reduzieren und sind weniger erpressbar.“
Nur noch wenig Vertrauen in Halbleiter-Nachschub aus den USA
Konkret sorgten sich in der Erhebung 92 Prozent der deutschen Unternehmen, die Mikroelektronik stark nutzen, über den Nachschub aus Taiwan. Denn sollte China den Inselstaat, den Peking als abtrünnige Provinz betrachtet, tatsächlich erobern, würden die Chinesen durch die Einnahme von TSMC, UMC & Co. nicht nur auf einen Schlag zur Mikroelektronik-Supermacht aufsteigen. Sie könnten den Westen dann auch von Nachschub an neuesten Chips abschneiden. Aber es ist nicht allein das Reich der Mitte, dass deutschen Technologiefirmen Sorgen macht: Fast zwei Drittel der befragten Unternehmen haben gar kein oder nur noch geringes Vertrauen in die USA als Lieferant von Halbleitern. Denn US-Präsident Donald Trump hat bereits mehrfach bewiesen, dass er Erpressungen nicht scheut, um seine persönliche Agenda durchzusetzen.
Kein modernes Auto funktioniert mehr ohne Chips. Abb.: Infineon
Deutschland wiederum ist stark auf Halbleitern aus dem Ausland angewiesen: Heutige Werkzeugmaschinen, Autos, Medizintechnik und viele andere Produkte funktionieren ohne Schaltkreise, Sensoren und Mikro-Aktuatoren gar nicht. Laut Bitkom verwenden 91 Prozent der befragten Unternehmen Halbleiter. Für 80 Prozent von ihnen sind Halbleiter für das eigene Geschäft unverzichtbar.
72 % beziehen Chips aus USA, 63 % aus China
Europa allerdings hat nur – je nach Quelle und Zählweise – einen Anteil von sechs bis zehn Prozent an der weltweiten Halbleiterproduktion. Und Spitzenchips mit feinsten Strukturen unterhalb von zehn Nanometern, wie sie etwa für KI-Beschleuniger gebraucht werden, können die Europäer überhaupt nicht herstellen. So beziehen 72 Prozent der in der Bitkom-Erhebung befragten deutschen Firmen ihre Schaltkreise aus den USA und 63 Prozent aus China – von dort kommen vor allem billige Mittelklasse und einfache Chips. Auf Platz 3 liegen Halbleiter-Unternehmen mit dem Hauptsitz in Deutschland (54 Prozent), auf Platz 4 in Japan (36 Prozent). 28 Prozent beziehen ihre Halbleiter von Unternehmen mit Sitz in Taiwan, 27 Prozent von südkoreanischen Unternehmen und 26 Prozent aus der restlichen EU.
Mehrheit befürwortet Subventionen für Halbleiterfabriken
Angesichts dieser starken Abhängigkeiten auf der einen Seite und zunehmenden geopolitischen Spannungen, Wirtschaftskriegen und wiederholten Lieferkettenstörungen fordern 90 Prozent der befragten Unternehmen, Deutschland müsse einseitige Abhängigkeiten bei der Halbleiterversorgung beenden. 86 Prozent halten ein starkes Halbleiter-Ökosystem wichtig für die nationale Sicherheit und 85 Prozent für entscheidend, wenn es um die digitale Souveränität Deutschlands geht. 86 Prozent fordern Subventionen für die heimische Produktion, beispielsweise beim Bau von Halbleiterfabriken.
Eigene deutsche Mikroelektronik-Strategie ist noch jung
Dies stützt den erwähnten Teilautarkie-Kurs, wie ihn die EU in ihrem Chipgesetz vorgegeben, allerdings völlig unzureichend untermauert hat. Erst kürzlich hatte zudem die deutsche Bundesregierung erstmals eine eigene Mikroelektronik-Strategie vorgestellt – ein deutlicher Wandel gegenüber der Zeit der Chipkrisen 2008/09 und 2020, als noch die Überzeugung dominierte, der preiswerte Einkauf von Schaltkreisen aus Übersee sei die bessere Lösung gegenüber teuren Chipfabrik-Subventionen.
Das französische Mikroelektronik-Forschungszentrum Cea Leti in Grenoble. Foto: Heiko Weckbrodt
Diese Sichtweise hat sich bei der EU und beim Bund inzwischen deutlich gewandelt, auch wegen des jahrelangen Drängens aus Sachsen, das mittlerweile der wichtigste Mikroelektronik-Standort in Europa ist: Durch Ipcei-Projekte und Chipgesetz-Beihilfen sind in den vergangenen Jahren Milliarden-Subventionen in neue Chipfabriken, Fabrikausbauten und Halbleiter-Pilotlinien in Sachsen, im Raum Grenoble, in Flandern und anderswo geflossen.
Nachschubprobleme etwas entspannt, 42 % rechnen aber auch 2026 mit Schwierigkeiten
Womöglich hat dies auch bereits geholfen, manch Lieferkettenstörung abzufangen: In der Bitkom-Umfrage berichteten nur noch 60 Prozent derjenigen, die in diesem Jahr bereits Halbleiter gekauft haben, von Beschaffungsproblemen. 2023 lag diese Quote bei 89 Prozent und im Jahr 2021 bei 81 Prozent. 42 Prozent rechnen damit, dass die Versorgungslage 2026 entweder sehr kritisch (5 Prozent) oder eher kritisch (37 Prozent) sein wird.
Bitkom plädiert für mehr deutsche Chip-Fabriken
Der Mikroelektronik-Nachschub bleibt insofern, wenn auch abgemildert, für die deutsche Industrie ein Problem, meinen die Bitkom-Experten: „Die Lage auf dem Halbleitermarkt bleibt angespannt – auch wenn sich die schlimmsten Engpässe der vergangenen Jahre gelöst haben“, schätzt Bitkom-Präsident Wintergerst ein. „Lieferverzögerungen, Preissprünge und Exportbeschränkungen bleiben Bremsklötze für die deutsche Industrie. Um dauerhaft unabhängiger zu werden, braucht es mehr europäische Fertigungskapazitäten, strategische Partnerschaften und gezielte Maßnahmen, die die gesamte Wertschöpfungskette in den Blick nehmen. Dass die Bundesregierung dieses Problem mit einer eigenen Mikroelektronik-Strategie angehen will, ist daher ein wichtiger Schritt.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Bitkom, Oiger-Archiv, Wikipedia
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[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"] Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption]
Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger".
Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher
• Geboren 1970
• 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin
• 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten)
• 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten
• 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung)
• seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger