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Halbleiter-Regionen fordern mehr EU-Hilfe für existierende Chipindustrie

Ein Quantenwissenschaftler testet ein Ionenfallenmodul im Quantenlab von Infineon in Villach. Foto: Infineon

Ein Quantenwissenschaftler testet ein Ionenfallenmodul im Quantenlab von Infineon in Villach. Foto: Infineon

Esra-Allianz trifft sich in Dresden: Neben Großansiedlungen wie Intel und TSMC braucht Europas Mikroelektronik Impulse für eigenes Wachstum

Dresden, 29. Mai 2024. Europas Mikroelektronik braucht neben Großansiedlungen wie TSMC in Dresden oder Intel in Magdeburg auch Impulse für ein eigenes, organisches Wachstum („Upscaling“). Zudem sind mehr geförderte Elektronik-Pilotlinien nötig, Steuerermäßigungen sowie Subventionen auch für kleine und mittlere Chip-Firmen, längere Übergangsfristen für das Verbot wichtiger Schlüssel-Chemikalien und eine neue Fachkräfte-Offensive. Das haben rund 100 Vertreter von 31 europäischen Halbleiterregionen der „Esra“-Allianz heute in Dresden in einem Positionspapier von der EU gefordert. Nur durch solche und weitere Hilfen könne sich die EU dem selbst gesteckten Ziel nähern, ihren Mikroelektronik-Weltmarktanteil bis zum Ende der Dekade auf 20 Prozent zu verdoppeln, hieß es zum ersten Jahrestreffen der vor einem knappen Jahr durch Sachsen initiierten „European Semiconductor Regions Alliance“ (Esra).

Michael Kretschmer (links) aus Sachsen, Giuliana Fenu aus Italien und Jan Grolich aus Mähren (rechts) beim Esra-Jahrestreffen in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Michael Kretschmer (links) aus Sachsen, Giuliana Fenu aus Italien und Jan Grolich aus Mähren (rechts) beim Esra-Jahrestreffen in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Esra-Vorsitzender: Gründung der Allianz war „goldrichtig“

„Die Gründung der Esra war goldrichtig“, meinte der sächsische Ministerpräsident und Esra-Vorsitzender Michael Kretschmer (CDU). „Damit erzeugen wir Sichtbarkeit und eine kompetente Ansprechstelle für die Europäische Kommission und für die nationalen Regierungen.“

Italiener und Tschechen sehen kaum noch Lücken in Europas Chip-Ketten

Zudem habe sich durch Esra erst offenbart, welche Mikroelektronik-Expertise in Europa bereits vorhanden sei, wo es Lücken und Ausbaubedarf gebe, ergänzte Giuliana Fenu namens der italienischen Mitglieds-Region Piemont. Dabei habe sich gezeigt: Größere Lücken in der Halbleiter-Wertschöpfungskette gebe es in Europa kaum noch, resümieren sie und der mährische Vertreter Jan Grolich. Allerdings müssten all diese Ketten-Glieder noch deutlich wachsen, um mit den USA, Taiwan, Japan und anderen globalen Halbleiter-Größen gleichzuziehen, betonte Grolich. Er wies auf eine weitere Esra-Forderung hin: Das europäische Chipgesetz und andere Förderprogramme sollten so geändert werden, dass nicht nur weltweit einzigartige neue Fabriken und Projekte, sondern auch ein organisches Wachstum bereits existierender Halbleiter-Kerne unterstützt werden.

Mehr Einsatz der EU für sinkende Strompreise gefordert

Daran dockt Kretschmer auch einen in Sachsen besonders vieldiskutierten Wunsch an: Brüssel möge sich bitte nicht in immer neuen Regulierungen verzetteln, sondern auch eine Senkung der Stromkosten und ähnliche für Wirtschaft und Gesellschaft essenzielle Probleme weiter oben auf die Agenda rücken. Zudem werde Europa sein 20-Prozent-Ziel nicht schaffen, wenn die EU mit ihren Verordnungen Chemikalien verbiete, ohne die heutige Chipproduktion nicht möglich sei, noch bevor dafür Ersatz gefunden sei. Dafür seien längere Übergangsfristen nötig.

Kretschmer: Zölle und Embargos à la USA sind der falsche Weg

Andererseits wandte sich der Esra-Vorsitzende gegen immer neue Eskalationsstufen in den weltweit entbrannten Handels- und Wirtschaftskrisen. Protektionismus nach US-amerikanischer Machart mit mit Abwehrzöllen, Subventionswettläufen und Embargos seien der falsche Weg für Europa, betonte Kretschmer. „Statt neuer Marktverzerrungen wollen wir eine wettbewerbsfähige Halbleiter-Industrie, die letztlich mit nur wenig oder ganz ohne Subventionen auskommt.“

„Ob Instrumente reichen, muss man sich ernsthaft fragen“

Wie schwierig es freilich ist, selbst in der Esra-Allianz, die immerhin über die Mikroelektronik einen kleinsten gemeinsamen Interessens-Nenner hat, zu einer geschlossenen Linie zu kommen, zeigt das in Dresden vorgestellte Positionspapier eben auch: In vielen Passagen ist es eher butterweich, als deutlich formuliert – der geneigte Leser merkt, dass Esra mittlerweile 31 Regionen mit ganz unterschiedlichen politischen Ausrichtungen umfasst. So fehlt etwa eine eindeutige Forderung nach einem Moratorium von Chemikalien-Verordnungen wie „Reach“. Auch wird nicht benannt, was eigentlich jeder Branchenkenner weiß: Selbst mit der Finanzausstattung aller EU-Mikroelektronik zusammen und dem gegenwärtigen Investitionstempo wird Europa auf keinen Fall sein Ziel erreichen, seinen globalen Halbleiter-Produktionsanteil bis Ende des Jahrzehnts auf 20 % zu steigern. „Das 20-Prozent-Ziel ist richtig“, versucht es Michael Kretschmer diplomatisch zu umschreiben. „Ob die Instrumente, die wir derzeit dafür zur Verfügung haben, dafür reichen, muss man sich allerdings ernsthaft fragen.“

Fachkräfte-Offensive soll schon im Kindergarten beginnen

Immerhin in einem Punkt sind sich – soweit erkennbar – alle Esra-Mitglieder einig: Einmal ganz abgesehen von den verfügbaren Investitionssummen entwickelt sich der Fachkräftemangel immer mehr zum Ausbrems-Faktor Nummer 1 für Europas Mikroelektronik-Regionen. Hier müsse ein mehrstufiges Nachwuchs-Fördersystem in Europa her, das schon im Kindergarten einsetzt, die wissenschaftlich-technische Begeisterung dann in der Schulzeit weiter entfacht, mehr Ausbildungskapazitäten für Facharbeiter und Akademiker bereitstelle und nicht zuletzt mit der entstehenden – freilich eher virtuellen – Europäischen Chipakademie auch Weiterbildungen anbiete.

Regionalminister Thomas Schmidt. Foto: Foto-Atelier-Klemm für das SMR

Regionalminister Thomas Schmidt. Foto: Foto-Atelier-Klemm für das SMR

Sachsens Regionalminister Thomas Schmidt (CDU), der Chipgesetz und Esra mitgeformt hatte, ist jedenfalls überzeugt, dass die noch junge Allianz bereits ein großer Fortschritt ist: „In einer dynamischen und komplexer werdenden Welt muss Europa vorne dabeibleiben und darf nicht weiter in wirtschaftliche Abhängigkeiten geraten“, meint er. „Solche Allianzen tragen dazu bei.“ In Zukunft wolle man noch enger dabei kooperieren, kündigten die Vertreter der 31 Regionen in Dresden an – weitere Hightech-Regionen sollen dem Vernehmen nach bald noch dazu stoßen.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Esra-Jahrestreffen 2024, Oiger-Archiv, Wikipedia, SSK, SMR

Das Logo der „European Semiconductor Regions Alliance“ (Esra). Repro: Heiko Weckbrodt

Das Logo der „European Semiconductor Regions Alliance“ (Esra). Repro: Heiko Weckbrodt

Anhang: Die 31 Esra-Regionen:

Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Saarland, Schleswig-Holstein und Thüringen in Deutschland, Andalusien, Baskenland, Katalonien, Madrid und Valencia in Spanien, Flevoland, Gelderland, Nordbrabant und Overijssel in den Niederlanden, Kärnten und Steiermark in Österreich, die Centro-Region und die Norte-Region in Portugal, Flandern in Belgien, Auvergne-Rhône-Alpes in Frankreich, Piemont in Italien, Tampere und Helsinki in Finnland, Südmähren in Tschechien, Skåne in Schweden, Wales und die Republik Irland

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt