Rotop Dresden wächst durch weltweiten Radiopharma-Boom

Fabrikneubau in Rossendorf startet in diesem Jahr
Dresden, 19. Januar 2026. Radiopharmazeutische Medikamente gegen Krebs und neurodegenerative Krankheiten werden in den kommenden Jahren eine wachsende Rolle spielen – für die Branche selbst, die sich davon erhebliches Marktwachstum verspricht, vor allem aber für die Patienten selbst, die durch solche kurzzeitig strahlenden Krebszellen-Suchmoleküle weit weniger Nebenwirkungen erleiden müssen als durch klassische Therapien. Das hat Wissenschaftschef Eik Schiller vom sächsischen Unternehmen „Rotop“ eingeschätzt.
Studie: Globaler Radiopharma-Markt wächst bis 2032 um zwei Drittel
Und mit dieser Meinung steht Schiller nicht allein da: Die Marktforscher bei „Data Bridge Market Research“ gehen in einer Branchen-Analyse davon aus, dass der globale Radiopharma-Markt von derzeit 16,3 Milliarden Dollar (14 Milliarden Euro) bis 2032 auf rund 27 Milliarden Dollar (23,2 Milliarden Euro) Umsatz zulegen wird. Dies entspräche einem jährlichen Wachstum um 6,6 Prozent.

Neben Pharmariesen wollen auch Verbünde in Sachsen und Belgien mitmischen
Davon profitieren vor allem Pharma- und Medizintechnik-Riesen wie die Schweizer „Novartis“, „Siemens Healthineers“ und „Bayer“ aus Deutschland oder US-Konzerne wie Lantheus und GE HealthCare. Gerade wer sich wie Novartis den Zugriff auf Kernreaktoren mit starker Isotopenproduktion gesichert hat, kann ordentlich Gewinne scheffeln. Zudem bilden sich – wenn auch immer noch in weit kleinerem Maßstab – neue Radiopharma-Standorte in Deutschland und Europa: in Belgien zum Beispiel, aber eben auch im Raum Dresden-Radeberg, wo sich mehrere Unternehmen und Institute zum Verbund „Nuklid“ zusammengetan haben. Viele von ihnen entwickeln und produzieren derzeit innovative Krebsmedikamente beziehungsweise Diagnostika, mit denen sich Tumore, ja selbst einzelne Krebszellen weit genauer als früher in PET-Scannern sichtbar machen lassen, um sie dann zielgenau mit andockenden strahlenden Molekülen zu zerstören.
„Chemo“ ist der Holzhammer gegen Krebs, Nuklide dagegen wie Präzisionsschlüssel
„Diese Präparate sind wie ein Präzisionsschlüssel für die individualisierte Medizin“, erklärt Schiller den anhaltenden Boom der Radiopharmazie weltweit. „Dagegen sind Chemo- und Strahlentherapie wie ein Holzhammer.“

Millionenteurer Fabrik-Neubau – vor allem für Auftragsproduktion
Die Institutsausgründung baut daher nun ihre Radiopharma-Produktion in Dresden-Rossendorf aus und erwägt inzwischen auch den Aufbau eigener Produktionskapazitäten in den USA. So baut das Unternehmen ab 2026 im benachbarten kommunalen Gewerbegebiet Rossendorf eine weitere millionenteure Fabrik. Entstehen sollen dort insgesamt auf etwa 15.000 Quadratmetern neue Forschungs- und Produktionslabore für radiopharmazeutische Diagnostika und Therapeutika. Rotop reagiert damit auf die stark steigende Nachfrage für Auftragsfertigungen durch Kunden, die eigene Präparate bei den erfahrenen Dresdnern herstellen wollen oder dafür Zulieferungen brauchen. Parallel dazu will das Unternehmen die Entwicklung und Produktion eigener Nuklid-basierter Medikamente vorantreiben.
Neben Krebskranken profitieren auch Parkinson-Patienten von neuen Diagnostika und Therapeutika
Im Fokus stehen in nächster Zeit unter anderem bessere onkologische Therapien, Präparate gegen Parkinson und andere neuro-degenerative Krankheiten, weitere Kohlenstoff-Isotope und Krebsmedikamente auf der Basis von Isotopen wie Actinium 225, die durch ihre energiereiche Alpha-Strahlung Tumore und Metastasen besonders gut zerstören können. Die Auftraggeber und Kunden dafür sind zumeist Unternehmen aus Deutschland, der Schweiz und der USA.
„Cold Kids“ für Kunden weltweit – die „heißen“ Präparate haben Lieferradius von wenigen Stunden
Ein Teil der in Reinräumen gefertigten Medikamente sind vorbereitete, noch nicht radioaktive „Cold Kits“, in die die Abnahmer dann eigene Nuklide vor Ort einbringen – damit beliefert Rotop Kunden rund um den Globus. Parallel dazu produziert das Unternehmen Präparate, die bereits radioaktive Isotope enthalten. Die werden zumeist von der einstigen Mutter – dem benachbarten Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) – mittels Zyklotron-Beschleuniger erzeugt und an die Rotop-Fabrik auf dem HZDR-Campus geliefert. Diese Präparate haben aber zumeist Halbwertszeiten von wenigen Stunden oder gar Minuten, können also nur an nahe Krankenhäuser oder Partnerunternehmen in Deutschland, Mittel- oder Osteuropa weiter geliefert werden, bevor sie ihre Strahlkraft verlieren.
Neuer Kernreaktor oder ganz viele Beschleuniger
Und weil dabei Menge und Tempo besonders zählen, wünscht sich mancher die Infrastrukturen aus DDR-Zeiten zurück: Vor der Wende gab es auf dem Campus des Akademie-Instituts für Kernforschung – aus dem später das HZDR wurde – noch ein Rohrpostsystem für eilige Lieferungen. Außerdem gab es einen Forschungsreaktor, der einerseits große Mengen an Isotopen, andererseits auch strahlende Versionen schwerer Elemente ausbrüten konnte. Er musste nach der Wende aber abgebaut werden.

Diese früheren Infrastrukturen könnten heute für die wachsende Radiopharma-Industrie im Raum zwischen Dresden-Rossendorf und Radeberg für erhebliche Wettbewerbsvorteile sorgen. Dass aber eine Rückkehr zur Kernspaltungstechnologie politisch durchsetzbar ist, glauben nur wenige wie etwa der Radeberger ABX-Chef Marco Müller. Die meisten Forscher und Radiopharma-Experten in Sachsen gehen davon aus, dass die Isotopen-Produktion mit – allerdings weniger ergiebigen – Ring- und Teilchenbeschleunigern der gangbarere Weg ist. „Die Zukunft gehört den Beschleuniger-Technologien“, ist auch Rotop-Wissenschaftsdirektor Schiller überzeugt. Denn Beschleuniger brauchen zwar auch meterdicke Abschirmwände, haben nicht so viele Sicherheitsauflagen wie Kernreaktoren. Zudem liefern sie Isotope in größere Reinheit und erzeugen kaum langfristig strahlende Nebenprodukte.
Liefern bald Eilpost-Drohnenschwärme die Krebsmedikamente mit kurzer Halbwertszeit aus?
Doch auch wenn Sachsen – anders als viele Radiopharma-Standorte in den USA und in anderen europäischen Ländern – letztlich wohl doch keinen neuen eigenen Forschungsreaktor baut: In jedem Fall sind aus Sicht der Unternehmen noch Engpässe bei der Nuklid-Versorgung und der Transport-Infrastruktur zu lösen: Erstens wünschen sich viele Branchenvertreter ein gefördertes Zentrum für klinische Studien, um neue Medikamente aus Sachsen zur Marktreife zu führen, statt eigene Neuentwicklungen letztlich an große Pharmakonzerne mit dem nötigen Kapital lizenzieren zu müssen. Zweitens haben sich seit der Corona-Seuche und der Auslastungs-Krise, in der die sächsischen Flughäfen stecken, die schnellen Transportmöglichkeiten per Flugzeug ab Leipzig und Dresden verringert, warnt Rotop-Betriebsleiterin Antje Sterger. Zur Debatte stehen zumindest für Stadt-zu-Stadt-Transporte schnell abklingender Krebsmedikamente sogar schon Pendel-Drohnen. Drittens kann das derzeitig genutzte HZDR-Zyklotron nebenan langfristig nicht genug Nuklide und Nuklid-Arten liefern, wie sie eigentlich gebraucht werden.

Cluster „Nuklid“ plant neue Zyklotrone, Labore und Fabriken für knappe Viertelmilliarde
Daher investieren nun mehrere Mitglieder des sächsischen „Nuklid“-Verbundes insgesamt fast eine Viertelmilliarde Euro in den Bau neuer Ring- und Linearbeschleuniger sowie Produktionshallen, um die Isotopenproduktion auch ohne Kernreaktor anzukurbeln: Helmholtz selbst plant einen Teilchenbeschleuniger für radiopharmazeutische Forschung in Radeberg, „Eckert & Ziegler Isotope Technologies Dresden“ hat wenige Hundert Meter weiter die Bodenplatte für ein eigenes Zyklotron gegossen. ABX hat kürzlich in Radeberg ein neues Zyklotron fertig gestellt und plant eine weitere Produktionshalle. Dazu kommen die bereits erwähnten Rotop-Investitionen.
Für Rotop steht letztlich auch US-Fab zur Debatte
Mit Blick auf die Wachstumschancen in den USA und Donald Trumps Wirtschaftskrieg gegen die Welt erwägt Rotop inzwischen auch, eine Produktionsstätte in den Vereinigten Staaten zu bauen – wenn auch nicht „jetzt und gleich“. Ein US-Büro haben die Dresdner schon mal eingerichtet.
Erster DDR-Forschungsreaktor lieferte ab 1959 Rotop-Isotope für ganzen Ostblock
Die Herstellung von Radiopharma-Präparaten unter der Marke „Rotop“ hat in Dresden eine lange Tradition: Ab 1959 lieferte hier der erste Forschungsreaktor der Akademie der Wissenschaften der DDR erste Kernteilchen, die das Kernforschungszentrum Rossendorf zu Radiopharmaka unter dem Namen „Rossendorfer Isotope“ (Rotop) aufbereitete. Zu den Abnehmern gehörten die Medizinische Akademie in Dresden und schließlich fast der gesamte RGW-Raum in Ost- und Mitteleuropa.

Ausgründung zur Jahrtausendwende
Nach der Wende musste das Zentralinstitut für Kernforschung seinen Reaktor abbauen, wurde zunächst ein Forschungszentrum der Leibniz-Gemeinschaft, ab 2011 dann der Helmholtz-Gemeinschaft. Bereits im Jahr 2000 gründete das Institut seine Radiopharma-Produktion unter dem Namen „Rotop“ aus. In den Folgejahren wuchs dieses Unternehmen auf dem HZDR-Campus, entwickelte eigene Nuklid-Präparate, baute aber auch die Radiopharma-Auftragsproduktion im Auftrag externer Kunden aus. 2014 übernahm die sächsische Biotech-Gruppe von Wilhelm Zörgiebel das Unternehmen. Heute hat Rotop 220 Beschäftigte. Genaue Umsatzzahlen nennt Rotop öffentlich nur selten, aber es dürfte sich zuletzt um über 18 Millionen Euro gehandelt haben.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Rotop, HZDR, Data Bridge Market Research, Oiger-Archiv

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