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Atomreaktor in Sachsen für Kampf gegen Krebs gefordert

Ein Rossendorfer Zyklotron für die Kleinproduktion kurzzeitig strahlender Isotope für die radiopharmazeutische Diagnose und Therapie gegen Krebs. Foto: Heiko Weckbrodt
Ein Rossendorfer Zyklotron für die Kleinproduktion kurzzeitig strahlender Isotope für die radiopharmazeutische Diagnose und Therapie gegen Krebs. Foto: Heiko Weckbrodt

Radiopharma-Industrie steckt Viertelmilliarde in neue Zyklotrone und andere Anlagen – mancher trauert Rossendorfer Meiler hinterher

Dresden/Radeberg, 8. Januar 2026. Weil der Weltmarkt für radiopharmazeutische Krebsmedikamente mit Raten um die 34 Prozent pro Jahr wächst, wollen die Unternehmen und Institute des Verbundes „Nuklid“ in den nächsten Jahren in Dresden und Radeberg eine knappe Viertelmilliarde Euro in leistungsstärkere Zyklotrone, Reinraumlabore und andere Ausrüstungen investieren. Damit möchten die Sachsen ihre führende Position in Deutschland ausbauen und „das neue Schwert im Kampf gegen Krebs“ – wie die Radioliganden-Therapien teils genannt werden – schärfen. Einige Branchenvertreter fordern zudem den Bau eines Atomreaktors in Rossendorf, damit Sachsens aufstrebende Radiopharma-Industrie neben kleinen Präparatmengen für die Diagnostik auch massenhaft strahlende Therapie-Mittel gegen Tumore herstellen kann. Das hat sich bei einer Tour des sächsischen Wirtschaftsministers Dirk Panter (SPD) im „Radiopharmacy Cluster Dresden – Nulkid“ herauskristallisiert.

Sachsen wollen Führungspositionen aus DDR-Zeiten zurückerobern

„Zu DDR-Zeiten war Rossendorf der wichtigste Lieferant für radiopharmazeutische Präparate im ganzen RGW-Raum“, umreißt Transferchef Björn Wolf von Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf die dahinter stehenden Ambitionen. „Dort wollen wir wieder hin.“ Diese Ziele teilt auch Panter: Nur mit Innovationen wie eben im boomenden Radiopharma-Technologiesektor könne Sachsen den Strukturwandel, der in vielen anderen Industriebranchen derzeit immense Lücken schlägt, bewältigen.

Kurzstrahlende Isotope verbessern Krebs-Erkennung und Therapien

Um dies zu erreichen, setzen die Helmholtz-Forscher und die Radiopharma-Unternehmen aus dem Umfeld auf den Bau größerer Zyklotrone und anderer Beschleuniger, die mehr und verschiedene Isotope liefern können. Diese für kurze Zeit radioaktiv strahlenden Atomkern-Variationen gängiger Elemente wiederum werden für die individuelle, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene Diagnose und Behandlung verschiedener Krebsarten gebraucht, bei denen die Ärzte mit Chemo- oder Strahlentherapie nicht weiterkommen.

Neue Ringbeschleuniger in Rossendorf und Radeberg geplant

So plant das HZDR den Bau eines rund 70 Millionen Euro teuren Ring- oder Linearbeschleunigerkomplexes in Radeberg, um die Produktion strahlender Kupfer-Isotope für neue Krebsmedikamente anzukurbeln. Derweil hat „Eckert & Ziegler Isotope Technologies Dresden“ bereits im Gewerbegebiet Rossendorf die Bodenplatte für ein rund 40 Millionen Euro teures Zyklotron gegossen, das ab 2029/30 medizinische Isotope liefern soll. ABX hat unterdessen für 35 Millionen Euro einen neuen Radiopharma-Komplex in Radeberg gebaut, dessen Zyklotron ab dem Sommer 2026 in Betrieb geht. Darüber hinaus plant das Unternehmen auf einer Radeberger Brache eine neue Halle für die sterile Produktion neuer Radiopharmaka, die etwa 25 bis 30 Millionen Euro kosten dürfte. 2026 soll auch Baustart für 40 Millionen Euro teure neue Fabrik des Radiopharma-Präparatehersteller „Rotop“ im Gewerbegebiet Rossendorf sein – gleich neben Eckert & Ziegler. Zudem sind weitere Investitionen in neue Scanner-Technik am Uniklinikum und womöglich auch bald bei CUP und Trimt in Radeberg in der Pipeline.

Branchenvertreter plädieren für privat-staatliche Finanzierung neuer Zyklotrone

Und damit ist längst nicht Schluss: Wenn Sachsen über Deutschland hinaus auch in Europa oder gar weltweit in der obersten Liga der Radiopharmazie mitspielen wolle, müssten Land und Privatwirtschaft gemeinsam weitere Zyklotrone bauen, die weitere Isotop-Arten liefern und damit auch Ansiedlungen von US-amerikanischen und andere internationalen Branchengrößen anziehen könnten. So schlagen Gunnar Mann und Lars Flemming eine staatlich-private Partnerschaft nach belgischen Vorbild vor. Ziel könnte der Bau eines Ringbeschleunigers sein, der neben strahlenden Isotopen von Jod, Fluor, Kupfer oder Kohlenstoff, wie ihn die bisherigen sächsischen Zyklotrone erzeugen, auch Astat-, Blei- oder Yttrium-Isotope für die Medizin liefern könnte.

„Was wir wirklich in Sachsen brauchen, ist ein Atomreaktor“

Einen Schritt weiter geht Geschäftsführer Marco Müller von ABX Radeberg: „Was wir wirklich in Sachsen brauchen, um ein führender Radiopharmazie-Standort zu werden, ist ein Atomreaktor für schwere Elemente“, meint er. „Beschleuniger-Technologien für die Nuklidproduktion sind vielversprechend, aber letztlich nur Spielerei im Vergleich zu Reaktoren, die das 10.000-fache an Ausbeute liefern.“ ABX sei auch bereit, sich an einer solchen Milliarden-Investition im Freistaat zu beteiligen – „wenn wir dann den Reaktor mit ausbeuten dürfen.“ Zudem ist Müller überzeugt: Auch andere Unternehmen aus dem Nuklid-Cluster Dresden-Radeberg würden sich mit gewissen Beträgen an einer privat-staatlichen Finanzierung beteiligen.

Atommeiler könnte Radiopharma-Produktion drastisch steigern – und auch schwere Isotope für Therapien liefern

Wichtig sei ein solcher Kernreaktor vor allem, um den Schritt von der Diagnostik zur Therapie konsequenter zu gehen, sagt der ABX-Standortchef. Sprich: Viele Isotope und daraus erzeugte Radioapharma-Präparate aus Sachsen sind zwar wegweisend, um in bildgebenden Anlagen wie etwa Positronen-Emissions-Tomographen (PET) heimtückische Tumore und Metastasen genauer als mit klassischen Methoden zu erkennen. Um diese Wucherungen aber auch zielgenau durch strahlende Zielsuch-Moleküle zu zerstören, sind in vielen Fällen Metalle und schwerere Elemente nötig, als sie Sachsens Zyklotrone erzeugen können.

Reaktorbetrieb in Rossendorf um 1970. Fotonachweis: VTKA
Reaktorbetrieb in Rossendorf um 1970. Fotonachweis: VTKA

Wiedereinsteig in Reaktorbau umstritten

Hinter Müllers Forderung, einen neuen Atomreaktor in Sachsen zu bauen, stehen – vor allem angesichts erwartbarer Proteste von Atomkraft-Gegnern – zwar längst nicht alle im „Nulkid“-Verbund. Aber viele geben ihm zumindest in einem Punkt recht: Es war „jammerschade“ oder gar „katastrophal“, dass das einstige Kernforschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften der DDR ihren bereits fertigen Forschungsreaktor in Dresden-Rossendorf nach der Wende wieder abbauen musste. Und auch Panter sieht das Konfliktpotenzial solch einer Forderung: Eine privat-staatliche Fondsgesellschaft, die in Sachsen beispielsweise fehlende Zyklotrone für den Kampf gegen Krebs, Diabetes, Alzheimer und andere schwere Krankheiten mitfinanziert, kann sich der Wirtschaftsminister zwar sichtlich vorstellen. Davon, dem demontierten Rossendorfer Reaktor ewig nachzutrauern, davon hält der Wirtschaftsminister allerdings nichts: „Wir müssen nach vorne schauen.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen, HZDR, Rotop, Eckert & Ziegler, ABX, CUP, Trimt, SMWA

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger