Papier statt Plaste: Sachsens Verpackungsmaschinenbau wächst am Ökotrend

Deutsche Papierindustrie finanziert Professur für Kreislauf-Verpackungen an der TU Dresden
Dresden, 6. Januar 2025. Im Kampf gegen weltweit wachsende Kunststoff-Müllberge profiliert sich Dresden als Innovations-Zentrum für umweltfreundliche Verpackungstechnologien, die unter anderem auf Papier statt Plaste basieren. Neben der breiteren Forschung ist der Wiederaufstieg der Verpackungsmaschinen-Industrie am Standort unübersehbar. Dafür reanimiert die Branche alte Kompetenzen und baut neue auf. So finanziert die Papierindustrie für die TU Dresden nun eine Stiftungsprofessur für Kreislauf-Verpackungen, die Verträge dafür wollen Forscher und Industrievertreter am kommenden Montag unterzeichnen.
Kompetenzzentrum für Kreislauf-Verpackungen in Dresden geplant
„Mit der Einrichtung der Professur soll das Wissensgebiet der Materialkreisläufe für Verpackungen künftig weiter profiliert werden“, heißt es dazu von der Dresdner Exzellenz-Uni. Ein Ziel dabei sei es, „innovative und nachhaltige Lösungen für die Verpackungsindustrie zu entwickeln“. Damit werde die neue Stiftungsprofessur „einen Beitrag dazu leisten, die Verpackungsbranche aktiv auf dem Weg zu einer zirkulären und biobasierten Wirtschaft zu unterstützen“. Die deutsche Papierindustrie will diesen Lehrstuhl mit jährlich einer Viertelmillion Euro unterstützen.

36 Kilo Kunststoff-Müll pro Kopf
Hintergrund: Weltweit nehmen die Verpackungs-Abfälle aus Plaste und anderen Kunststoffen Jahr für Jahr zu. Allein in der EU trägt statistisch gesehen jeder Mensch mit durchschnittlich 36 Kilogramm zu diesen Müllbergen bei. Im Jahr 2021 waren dies im EU-Raum insgesamt rund 16,13 Millionen Tonnen, von denen nur rund 40 Prozent wiederverwertet worden sind. Das Problem ist der große Rest: „Kunststoffabfälle, die nicht recycelt werden, landen entweder auf Mülldeponien, werden verbrannt oder landen ungesammelt in der Natur, unter anderem an Stränden oder in Wäldern, Flüssen und Meeren“, warnt das Europaparlament in einem Exposé.
China will deutschen Plastemüll nicht mehr – und 2030 kommt Recycling-Pflicht für Verpackungen
Gerade Deutschland hatte über Jahre hinweg auch Millionen Tonnen Kunststoffabfälle de facto im Ausland abgeladen. Doch diese Müllexporte sinken seit etwa einer Dekade: Frühere Großabnehmer wie China, Vietnam und viele afrikanische Länder riegeln ihre Grenzen dafür ab. Zudem wächst der politische Druck, zu nachhaltigeren Lösungen zu kommen. Dazu gehören bessere Technologien für das „Recycling“ und „Upcycling“ von Kunststoffmüll– also die Produktion mindestens gleichwertiger neuer Produkte aus den Abfällen. Allerdings stößt auch dieser Pfad an umweltpolitische Grenzen. Denn die EU verschärft ihre Einwegplastik-Verbote aus dem Jahr 2019 weiter. Spätestens 2030 müssen alle Kunststoffverpackungen entweder wiederverwendbar oder rezyklierbar sein.

Zwischen Südhöhe und Gittersee hat sich ein „Packaging Hill“ etabliert
Daher versucht die Verpackungsindustrie nun verstärkt, Plaste durch leichter abbaubare und wiederverwertbare Materialien auf Zellulosebasis zu ersetzen. Dies freilich erfordert neue Verpackungsmaschinen, bessere Technologien, um Lebensmittel mit Papier wirklich dicht zu verpacken, und andere Lösungen für viele Praxisprobleme bei Umstieg von Plaste auf Papier. Viele Entwicklungsprojekte dafür sind in Instituten und Unternehmen im Großraum Dresden konzentriert. In der Landeshauptstadt selbst forschen unter anderem die TU Dresden und das Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) schon seit Jahren an effizienteren Maschinen, aber auch an veredelten Naturstoffen, die Plaste und Elaste als Packmaterial für Joghurt, Müsli, Wurst & Co. ablösen sollen. In Anlehnung an das „Silicon Saxony“ der sächsischen Mikroelektroniker sprechen Watttron-Chef Marcus Stein und andere Branchenvertreter bereits von einem „Packaging Hill“, weil sich diese Forschungseinrichtungen, aber auch Verpackungsmaschinen-Hersteller wie „Smartpac“, auf der Südhöhe und in Coschütz-Gittersee konzentrieren. Und was sich in Zeiten des Konzeptes „Papier statt Plaste“ zunehmend als Glücksfall erweist: Mit der „Papiertechnischen Stiftung“ (PTS) ist „gleich nebenan“ in Heidenau das zentrale Forschungsinstitut der deutschen Papierindustrie angesiedelt.

Traditionslinien aus Verpackungsmaschinenbau und Papierindustrie wachsen zusammen
Dass sich diese Kompetenzen gerade hier fokussieren, hängt mit alten wirtschaftlichen Traditionen zusammen. Schon in der Kaiserzeit galt Dresden als wichtiger Standort der Genusswaren-Industrie und damit verbunden auch als Zentrum des deutschen Verpackungsmaschinen-Baus. Zu DDR-Zeiten waren im Großraum Dresden einerseits – ökologisch sehr umstrittene – Zellulosewerke angesiedelt, andererseits mit dem Nagema-Kombinat einer der größten Maschinen-Hersteller für Lebensmittel-Verpackungen im gesamten Ostblock.

Sachsens Verpackungs-Maschinenindustrie erlebt Wiederaufstieg
Nach der Wende brachen die Produktionsmengen zwar drastisch ein, doch die Wachstumskerne blieben. Die Nachwende-Geschichte von Nagema ist eines der wenigen Beispiele, in denen ein westdeutsches Unternehmen nach der Übernahme eines ehemaligen VEBs letztlich ganz „in den Osten“ übersiedelte. Als „Theegarten-Pactec“ hält die Fabrik in Reick bis heute die Fahne des großformatigen Verpackungsmaschinenbaus in Dresden hoch. Auch Hersteller wie die 1992 gegründete „Jensen und Partner Maschinenbau GmbH“ in Sobrigau, die Kama in Reick oder der Tubenhersteller „Essel“ im Dresdner Technopark Nord gehen auf diese Maschinenbau-Traditionen zurück. Jenseits von Dresden sind diesem Industriezweig beispielsweise auch Schaumaplast in Nossen oder der Verpackungsmaschinenbauer „Gebrüder Leonhardt Blema Kircheis“ aus Aue zuzurechnen. Mittlerweile gehören 22 Unternehmen und Institutionen zum Branchennetzwerk „Packnet Dresden“ – der hiesige Verpackungsmaschinen-Bau erfährt sichtlich eine Renaissance.
Hinzu kommt: Die Papierwerke Heidenau waren letztlich der Grund, dass die gesamtdeutsche Papierindustrie an der Elbe ihr zentrales Branchen-Forschungsinstitut konzentrierte. Beide Entwicklungsstränge ergänzen sich nun, da papierähnliche Verpackungen immer mehr zur großen Plasteverpackungs-Alternative avancieren.

„Verstärkte Nachfrage für Verpackungslösungen aus Papier“
Diese besonderen wissenschaftlichen Kompetenzen haben auch bereits zu zahlreichen Ausgründungen gesorgt. Das auf energiesparende Keramik-Digital-Heizungen für Verpackungsmaschinen spezialisierte Unternehmen „Watttron“ in Freital beispielsweise entstand als gemeinsames Projekt von TU und IVV Dresden. Gleich nebenan hat sich im ehemaligen Glaswerk Freital mit „Formerfab“ eine Firma angesiedelt, die sich auf jene „Formschultern“ spezialisiert hat, die in Verpackungsmaschinen Plaste oder Papier in die richtige Form bringen. „In den letzten Jahren bemerken wir eine verstärkte Nachfrage für Verpackungslösungen aus Papier“, berichtet Geschäftsführer Henry Drut, der das Unternehmen 2004 aus der TU Dresden heraus gegründet hat und inzwischen 27 Menschen in seiner „Formerfab“ beschäftigt. Gerade bei den Beutelverpackungen gehe der Trend hin zu Papieren, die metallisiert oder auf andere Weise abgedichtet werden, damit der Inhalt nicht die Verpackung durchweicht oder Luft heranlässt.

Und an eben dieser interdisziplinären Schnittstelle zwischen Verpackungsmaschinenbau, Kreislaufwirtschaft und der Devise „Papier statt Plaste“ sehen viele Branchenbeobachter eine besondere Expertise, die im Großraum Dresden wächst. So schmieden TU, IVV und PTS derzeit an einem gemeinsamen Kompetenzzentrum mit der TUD-Stiftungsprofessur als Nukleus. „Diese neue Dresdner Struktur soll eine einzigartige interdisziplinäre Schnittstelle und damit eine zentrale Anlaufstelle beim Thema nachhaltige Verpackung in der Kreislaufwirtschaft bilden. Ihre Hoffnung: Das neue Zentrum könne „den Dresdner Standort weit über die regionalen Grenzen hinweg prominent sichtbar machen“.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: TUD, Europaparlament, Destatis, Formerfab, Oiger-Archiv, Wikipedia, LHD

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