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Finnische „Chipmetrics“ siedelt sich in Dresden an

Die Chipmetrics-Gründer (von links nach rechts): Feng Gao, Pasi Hyttinen und Mikko Utriainen. Collage: Chipmetrics, tlw. KI-generiert
Die Chipmetrics-Gründer (von links nach rechts): Feng Gao, Pasi Hyttinen und Mikko Utriainen. Collage: Chipmetrics, tlw. KI-generiert

Wafer für 3D-Testchips sollen in Sachsen in Serie gehen

Dresden, 13. Dezember 2024. Die Strahlkraft des „Silicon Saxony“ wächst: Angezogen durch das in Europa einzigartige Ökosystem aus großen Chipfabriken, Halbleiter-Zulieferern und Mikroelektronik-Instituten, siedeln sich in und um Dresden inzwischen auch immer mehr nordeuropäische Hochtechnologie-Unternehmen an. Diese Sogkraft hat jüngst erst die Elektronikprozess-Firma Alixlabs aus Südschweden dazu bewogen, eine Dresdner Tochtergesellschaft zu gründen, dazu stößt nun auch „Chipmetrics Oy“ aus Nordkarelien: Die Finnen wollen in Dresdner Reinräumen ihre Produktion von Testchips auf Siliziumscheiben (Wafer) ausweiten und neue Geschäftsfelder mit den Großen der Branche aufbauen. Das hat der Thomas Werner angekündigt, der derzeit für Chipmetrics die Dresdner Niederlassung im Nanocenter in Klotzsche aufbaut.

Fabrikloses Unternehmen aus Karelien nutzt Reinräume im „Silicon Saxony“

In Helsinki wie auch in Karelien sei „Silicon Saxony“ wohlbekannt , betont Thomas Werner: „Dresden gilt auch dort als der wichtigste Halbleiterstandort in Europa. Wer in der Branche aktiv ist, will in dieser Stadt präsent sein.“ In Finnland gebe es nicht die Möglichkeiten wie in Dresden, neue Chiptechnologien und -produkte in industrienahen Forschungsreinräumen oder gar in Megafabs in der Praxis zu erproben. Das Elektronikunternehmen „Chipmetrics“ wiederum entwickelt in Joensuu weitab der Hauptstadt in Nordkarelien Test-Chips für die Herstellung modernster 3D-Schaltkreise, besitzt aber keine eigenen Fabriken. Von daher sei die Ansiedlung in Sachsen ein logischer Schritt.

Thomas Werner koordiniert Chipmetrics Dresden. Foto: Sandra Schmutzler für Chipmetrics
Thomas Werner koordiniert Chipmetrics Dresden. Foto: Sandra Schmutzler für Chipmetrics

Sachse ebnet Finnen den Weg

Um die Gründung der Chipmetrics-Tochter in Dresden kümmert sich mit Thomas Werner ein Sachse, der das „Silicon Saxony“ genannte Technologiedreieck Dresden-Freiberg-Chemnitz wie seine Westentasche kennt: Geboren in Freiberg, absolvierte er bis 1996 ein Mikrosystemtechnik-Studium an der TU Chemnitz. Danach stieg er bei AMD Dresden ein, das später zu Globalfoundries wurde. 2015 wechselte er zum Boxdorfer 3D-Chip-Forschungszentrum „All Silicon System Integration Dresden“ (Assid) von Fraunhofer, dort kam er über ein EU-Projekt erstmals mit den Finnen in Kontakt.

Fraunhofer auf Finnisch: Ausgründung aus dem VTT

Die hatten ihr Unternehmen „Chipmetrics“ wiederum 2020 aus dem „VTT Technical Research Centre“ ausgegründet – eine Art Fraunhofer-Gesellschaft auf Finnisch. Die Ingenieure dort reagierten damit auf einen Trend, der in der internationalen Mikroelektronik eine wachsende Rolle spielt: Weil es immer schwerer wird, die Strukturen in modernen Schaltkreisen bis nahe an die atomare Ebene weiter zu verkleinern, setzen Branchengrößen wie TSMC zunehmend auf dreidimensionale Chipstrukturen. Dafür erzeugen sie in den Schaltkreis-Strukturen unter anderem dünne Schichten mittels der „Atomlagenabscheidungstechnologie“ (ALD), die schon 1974 in Finnland entwickelt wurde. Dabei ist es möglich, sehr tiefe Strukturen hauchdünn und gleichmäßig zu beschichten.

3D-Finissen in 2 Dimensionen

Ob diese Feinarbeit in der Nanowelt auch wirklich funktioniert hat, ist von außen nur schwer während der Halbleiter-Produktion nachzuprüfen. Deshalb bildet das elfköpfige Team um Chipmetrics-Chef Mikko Utriainen die 3D-Strukturen solcher Spitzen-Schaltkreise in speziellen Testchips gewissermaßen nach – ähnlich, wie man beispielsweise einen 3D-Kegel auf einem Blatt Papier abrollen kann. Dadurch vereinfachen sich die Schaltkreis-Tests erheblich. Erst kürzlich hatte Chipmetrics für die Weiterentwicklung dieser Technologie Geld von Risikokapitalgebern bekommen.

Testchip-Wafer von Chipmetrics. Abb.: Chipmetrics
Testchip-Wafer von Chipmetrics. Abb.: Chipmetrics

„Eine glückliche Fügung, aber kein Zufall“

Nun sind die Finnen soweit, dass sie den Schritt in die Serienproduktion dieser Testsysteme gehen, sie großen Mikroelektronik-Fabriken anbieten und ihre Verfahren auch weiterentwickeln wollen. Und dies soll eben in Europas Halbleiter-Hauptstadt Dresden geschehen. Für Thomas Werner sind die von ihm koordinierte Ansiedlung und der Team-Aufbau faszinierende Herausforderungen: „Noch mal von Null anfangen und etwas Neues aufzubauen, war die Herausforderung, die ich schon die ganze Zeit gesucht habe“, bekennt er.

Dass das in seiner Heimat Sachsen geschehe, sei „eine glückliche Fügung, aber kein Zufall“: In Dresden gebe es die großen Fabs ebenso wie die innovativen kleinen Tech-Firmen, die praxisnahen Forschungsreinräume von Fraunhofer und eine forschungsstarke Exzellenz-Uni, die für einen stetigen Fachkräfte-Nachschub sorge. Zwar seien die Chipmetrics-Chefs daheim in Finnland auch gelegentlich etwas irritiert, wie lange die bürokratischen Mühlen hier in Deutschland mahlen. Speziell aber in der Dresdner Halbleiter-Szene gehe es besonders unkompliziert und kooperativ zu: „Jeder kennt hier jeden und wenn man ein Problem lösen muss, gibt es im Silicon Saxony immer einen kreativen Menschen oder genau den passenden Spezialisten, der Dir weiterhilft.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Chipmetrics, Interview Thomas Werner, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger