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Zwickauer bauen eigenen Brennstoffzellen-Laster

Wasserstoff gilt als wichtiger Energieträger - zudem braucht die Chemieindustrie das Gas für viele Prozesse. Grafik: Heiko Weckbrodt
Wasserstoff gilt als wichtiger Energieträger – zudem braucht die Chemieindustrie das Gas für viele Prozesse. Grafik: Heiko Weckbrodt

Ehemalige Sachsenringer von der „FES“ wollen ihrem 18-Tonner mit Wasserstoff ordentlich Reichweite verschaffen

Zwickau, 19. Juli 2024. Weil Elektrolaster auf absehbare Zeit nicht die Reichweiten von Diesel-Aggregaten erreichen, gelten mit Wasserstoff (H2) betankte Trucks als mögliche Lösung für Langstrecken-Lkw. Daran arbeiten mehrere Fahrzeugkonzerne wie Daimler, Bosch, Scania oder Hyundai – aber eben auch mittelständische Akteure wie die „Fahrzeug-Entwicklung Sachsen“ (FES). Die will am Montag in Zwickau dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) ihren ersten Brennstoffzellen-Laster vorstellen – einen 18-Tonner.

Brennstoffzelle für den mobilen Einsatz in Lkws. Visualisierung: Bosch
Auch Bosch arbeitet an Brennstoffzellen für den mobilen Einsatz in Lkws. Visualisierung: Bosch

Einstieg in Brennstoffzellen-Technik vor 7 Jahren

Die FES beschäftigt sich seit etwa sieben Jahren mit der Entwicklung von Brennstoffzellensystemen sowie deren Applikation in Fahrzeugen, heißt es dazu aus der Staatskanzlei. So hatte das Unternehmen ab 2017 zunächst eine kleinere Brennstoffzelle für Gabelstapler und andere Flurförderfahrzeuge entwickelt. „Bereits im Serieneinsatz ist seit 2021 die FEScell, das weltweit kleinste Brennstoffzellensystem für autonom fahrende Intralogistikfahrzeuge, zum Beispiel im BMW-Werk Leipzig“, berichtet die FES. Darauf aufbauend hat das Unternehmen nun eine größere mobile Brennstoffzelle entwickelt und in einen Laster integriert. Das Unternehmen werde nun „seinen ersten Lastkraftwagen mit einem Gewicht von 18 Tonnen im Straßenverkehr zulassen“, berichtet die Staatskanzlei.

1992 aus Sachsenring-Werken als Auftrags-Entwickler ausgegründet

Die FES selbst hat langjährige Erfahrungen mit dem Fahrzeugbau: 1992 entstand die Firma aus der früheren Entwicklungsabteilung des früheren „Trabant“-Herstellers „Sachsenring Automobilwerke Zwickau“ heraus – damals mit rund 120 Beschäftigten. Seither ist die FED vor allem als Entwicklungsdienstleister für in- und ausländische Automobilhersteller am Markt aktiv. Parallel dazu entwickelt das sächsische Unternehmen inzwischen auch eigene Produkte. Neben dem Stammsitz in Zwickau hat es Niederlassungen in Ingolstadt und München. Insgesamt beschäftigt die FES heute rund 850 Menschen.

So soll der batterie-elektrische Laster "Semi Truck" von Tesla aussehen. Visualisierung: Tesla
Tesla beispielsweise setzt auf akku-elektrische Laster. Visualisierung: Tesla

Markt für Elektro-Lkw wächst – doch es gibt kaum schwere Stromer

Hintergrund: Mittlerweile kommen nach teils langen Vorarbeiten immer mehr Laster mit Akkus und elektrischem Antrieb auf den Markt, die teils auch schon als recht ausgereift gelten. Wegen der schweren Energiespeicher und der teils langen Ladezeiten sind solche E-Laster allerdings vorerst auf ausgewählte Marktsegmente begrenzt: vor allem für kurze oder allenfalls mittlere Distanzen deutlich unterhalb 1000 Kilometer sowie die Gewichtsklassen bis höchstens 15 Tonnen. Immerhin: Dieser Teilmarkt entwickelt sich inzwischen recht dynamisch: Nahezu alle großen Laster-Hersteller weltweit haben Stromer im Programm oder in der Entwicklung. Das britische Marktforschungs-Unternehmen „IDTechex“ rechnet in diesem Segment mit jährlichen Zuwächsen um die 15 Prozent. Bis 2044 werde der Weltmarkt für Elektro-Lkws auf 207 Milliarden Dollar wachsen, prognostizieren die Analysten.

Wasserstoff-Motor gilt eher als mögliche Brückentechnologie

Andererseits üben EU und nationale Regierungen aber starken Druck auf die Fahrzeughersteller aus, auch für die Langstrecken-Laster umweltfreundlichere Lösungen zu entwickeln. Als eine mögliche Brückentechnologie gilt da der Wasserstoff-Motor: Er ist ähnlich wie ein Diesel aufgebaut, insofern bewährte Technik, kann aber eben mit Wasserstoff statt Diesel betankt werden – und ermöglicht durchaus Reichweiten von 700 oder über 1000 Kilometer.

Dünnes H2-Tankstellennetz bleibt Knackpunkt

Allerdings entstehen bei Wasserstoff-Motor immer noch Stickoxide und andere Abgase. Das wiederum ist beim Brennstoffzellen-Laster anders: Soweit mit reinem Wasserstoff betankt, erzeugt die Zelle wirklich nur Wasser als Abprodukt, ansonsten eben Strom, mit dem sich dann die Elektromotoren am Antriebsstrang bewegen lassen. Allerdings sind mobile Brennstoffzellen immer noch teuer, schwer und nicht völlig ausgereift. Hinzu kommen die Probleme mit dem dünnen Wasserstoff-Tankstellennetz und praktische Probleme wie etwa Vereisung beim Tankvorgang selbst.

Ein Brennstoffzellen-Toyoto tankt an der neuen Wasserstoff-Tankstelle von Total an der Wiener Strasse in Dresden. Foto: Oliver Killig
Ein Brennstoffzellen-Toyoto tankt an einer Wasserstoff-Tankstelle von Total an der Wiener Straße in Dresden. Foto: Oliver Killig für die Drewag

Abzuwarten bleibt insofern, ob und in welchem Maße sich Brennstoffzellen-Lkws für die lange Strecke als Brückenlösung oder dauerhaft durchsetzen können. Immerhin spricht vieles dafür, dass technologische Fortschritte in der Akku-Produktion den Weg auch für schwere Stromer eben könnten – immerhin sind die Netze aus Ladestationen in Europa schon weit dichter als die H2-Netze.

Visualisierung des Wasserstoff-Brennstoffzellen-Fflugzeugs Hy4. Visualisierung: DLR
Visualisierung des Wasserstoff-Brennstoffzellen-Flugzeugs Hy4. Visualisierung: DLR

Auch H2-Antriebe für Flugzeuge, Motorräder und Bahnen geplant

Daneben gibt es gerade auch in Sachsen – das sich stark auf mobile Wasserstoff-Antriebe eingeschossen hat – Entwicklungsprojekte, die auf Brennstoffzellen-Antriebe in Straßenbahnen, Motorräder und Zügen zielen. Dort wäre das Tankstellen-Problem geringer, da Verkehrsbetriebe eigene H2-Zapfsäulen in ihren Betriebshöfen installieren können. Außerdem gibt es weltweit zahlreiche Anläufe, Flugzeuge, Hybrid-Schiffe und andere Nutz-Vehikel mit Wasserstoff anzutreiben.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: SSK, FES, Oiger-Archiv, IDTechex, AMZ

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger