Zulieferer wollen auch ins Chipgesetz

Ausrüster von Chipfabriken möchten Subventionen, niedrigere Energiepreise und Steuern
Brüssel/Dresden/Brunn am Gebirge, 27. Juni 2024. Die EU sollte ihr Chipgesetz so ändern, dass es künftig auch die lokalen Zulieferer der europäischen Halbleiter-Industrie einbezieht und unterstützt. Das haben vier europäische Halbleiter-Zulieferer in einem gemeinsamen Positionspapier gefordert.
Positionspapier: Ohne ganze Lieferkette erreicht Europa seine Mikroelektronik-Ziele nicht
„Wenn Europa die ehrgeizigen Produktions- und Innovationsziele des EU-Chipgesetzes erfolgreich erreichen will, müssen die Entscheidungsträger unserer Meinung nach über die Fabrik hinausdenken und einen ganzheitlicheren Ansatz verfolgen, der auch die Bedürfnisse kritischer Lieferkettenelemente für die Chipfabriken und Auftragsfertiger einbezieht“, heißt es in dem Papier, das Toppan Photomasks Dresden, die österreichische „IMS Nanofabrication“, die schwedische „Mycronic“ und die Vistec Jena unterschrieben haben. „Werkzeughersteller, Optik- und Fotomaskenhersteller spielen eine entscheidende Rolle bei der Finanzierung europäischer Forschung, Entwicklung und Innovation sowie der Gesamtproduktion.“
Nur wenn die EU über die großen Chipfabriken hinaus das gesamte Ökosystem unterstützte, das Halbleiterfertigung erst möglich mache, könnten die Mikroelektronik-Wertschöpfungsketten in Europa krisensicher werden, argumentieren die Branchenvertreter. Zudem hänge von den Material- und Geräteherstellern die Wettbewerbsfähigkeit der Halbleiterindustrie ganz wesentlich mit ab,
Ohne Masken, Elektronenschreiber und Spezialmaterialien keine Schaltkreise
„Zukünftige Versionen des Chips-Gesetzes sollten kritische Elemente der lokalen Lieferkette – wie die Mitunterzeichner dieses Whitepapers – berücksichtigen, um die digitale Souveränität sicherzustellen“, fordert beispielhaft „Toppan Photomasks“-Europapräsident Adrian Phillips. Dabei gelte eben auch: „Keine Masken: keine Chips“. Und viele dieser Belichtungsvorlagen für die Chipproduktion kommen eben für zahlreiche wichtige Mikroelelektronik-Fabs in Europa auch von Toppan Photomasks und vom Dresdner Chipmaskenzentrum AMTC.
Die Forderungen: Energiekosten runter, 25 % Steuernachlass für Investitionen
Konkret fordern die Branchenvertreter von der EU unter anderem, sich für
- niedrigere Energiepreise stark zu machen, die
- lokale Fachkräfte-Ausbildung zu unterstützen,
- Visa für ausländische Fachkräfte in der Halbleiterindustrie zu liberalisieren sowie
- geistiges Eigentum besser zu schützen und die
- Cybersicherheit zu verbessern. Außerdem wünschen sich die Unterzeichner von der EU, das
- Verbot sogenannter Ewigkeits-Chemikalien (PFAS) für die Halbleiterindustrie so lange auszusetzen, bis Ersatz gefunden sei. Und nicht zuletzt haben die Mikroelektroniker-Zulieferer auch finanzielle Wünsche: So sollten staatliche
- Hightech-Subventionen auch für kleinere Unternehmen und eben lokale Zulieferer leichter zugänglich gemacht werden. Zu denken sei auch an
- eigene Chipgesetz-Hilfefonds für diese Zielgruppe und einen
- 25-prozentigen Steuernachlass für neue Mikroelektronik-Investitionen.
Starkes, aber kein ganz komplettes Ökosystem für Chipproduktion in Europa
In Europa gibt es zahlreiche Chipfabrik-Ausrüster und Zulieferer, die teils lokal oder regional ausgerichtet sind, teilweise aber auch internationale Spitzenpositionen inne haben wie etwa der Lithografie-Anlagenhersteller ASML aus den Niederlanden. Am inzwischen größten europäischen Mikroelektronik-Standort, in Sachsen, spielen auch kleinere und mittlere Spezialanbieter beispielsweise für Chipfabrik-Robotik, Klimatechnik und andere Teilsegmente eine wachsende Rolle für die regionale Wertschöpfung. Viele Mosaiksteine der Wertschöpfungskette sind aber in Europa gar nicht präsent oder befinden sich gerade im Aufbau. Dazu gehören beispielsweise die Chip-Endmontage (derzeit vor allem in Portugal im Aufbau), Chiplet-Design und einige Ausrüstungen für die Chipproduktion, die nur aus Japan oder den USA bezogen werden können.
Die Unterzeichner des Positionspapiers
Zu den Unterzeichnern des nun vorgestellten Positionspapier zählen folgende Ausrüster:
Die IMS Nanofabrication aus Brunn am Gebirge beliefert Unternehmen weltweit mit Elektronen-Mehrstrahl-Maskenschreiber – ihr Vorgängerunternehmen hatte übrigens bereits zu DDR-Zeiten enge Beziehungen zur Dresdner Mikroelektronik geknüpft. Auf solche Belichtungs-Masken für die Chipproduktion ist wiederum Toppan Photomasks – eine sächsische Tochter des japanischen Toppan-Konzerns. „Vistec electron beam“ ist ein Elektronenschreiber-Spezialist aus Jena. Mycronic aus dem schwedischen Täby wiederum liefert Produktionsausrüstungen für die Mikroelektronik.
USA, China, Japan, Südkorea und Indien stecken 750 Milliarden in ihre Chipindustrien
Und diese – und wohl auch weitere – Unternehmen aus Europas Halbleiter-Clustern sind überzeugt: Die EU muss sich ranhalten, wenn Europa im weltweit entbrannten Wettlauf um den Auf- und Ausbau jeweils eigener Halbleiter-Industrien nicht den Anschluss verlieren will: „Die EU ist bei weitem nicht der einzige Akteur, der auf eine starke Position auf dem globalen Halbleitermarkt hofft“, betonen sie. „Die USA, China, Japan, Südkorea und Indien haben bereits Investitionen im Wert von 750 Milliarden Dollar in den Sektor angekündigt, um ihren jeweiligen wirtschaftlichen Konkurrenten einen Vorsprung zu verschaffen.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Vulcan Consulting, Oiger-Archiv, Wikipedia, Vulcanconsulting

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