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Gen-Schalter hetzt Immunsystem gegen Tumore auf

Darmkrebszellen mit PD-L1 Protein (grün) auf der Oberfläche, sichtbar gemacht mittels Immunfärbung, sowie Erbgut-Molekülen (blau). Das Tarnmolekül PD-L1 bremst wichtige Immunzellen aus und wird von vielen Krebszellen vermehrt gebildet. Mikroskopbild: Mirko Theis für das NCT/UCC Dresden

Darmkrebszellen mit PD-L1 Protein (grün) auf der Oberfläche, sichtbar gemacht mittels Immunfärbung, sowie Erbgut-Molekülen (blau). Das Tarnmolekül PD-L1 bremst wichtige Immunzellen aus und wird von vielen Krebszellen vermehrt gebildet. Mikroskopbild: Mirko Theis für das NCT/UCC Dresden

Forscher aus Dresden halten neue Krebstherapie für möglich

Dresden, 20. November 2020. Krebs segelt im menschlichen Körper oft unter falscher Flagge: Entartete Zellen maskieren sich mit bestimmte Tarnmolekülen, um das natürliche Immunsystem vom Kampf gegen einen wachsenden Tumor abzuhalten. Forscherinnen und Forscher aus Dresden haben nun im menschlichen Erbgut eine Art Schalter gefunden, der dem Krebs diese Maske herunterreißt und das Immunsystem wieder in Stellung bringt. Daraus lässt sich womöglich eine neue und universelle Immuntherapie gegen verschiedene Krebsarten entwickeln – auch wenn bis dahin noch ein weiter Weg zurückzulegen ist, schätzen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom „Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen und Uni-Crebscentrum“ (NCT/UCC) in Dresden ein.

MLLT6 beendet die molekulare Makerade

Für diese Experimente hatten sich Teams von NCT, der Hochschulmedizin Dresden und vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) zusammengetan. Sie untersuchten das Erbgut von Darmkrebszellen und schalteten nacheinander 1500 Gene darin einzeln aus. Und schließlich sprang das Immunsystem an: Die Krebszellen, bei denen das Gen mit der Kennung „MLLT6“ ausgeschaltet war, wurden von den zytotoxischen T-Zellen der Immunabwehr angegriffen. Grund: Wenn das Gen „MLLT6“ deaktiviert war, konnten die Krebszellen kaum noch Bremsmoleküle des Typs „PD-L1“ bilden, die normalerweise die Immunabwehr verwirren.

Nebenwirkungen unwahrscheinlich

„In Zellexperimenten führte das Abschalten des Gens MLLT6 dazu, dass Tumorzellen wieder durch Immunzellen angegriffen und vernichtet wurden“, betonte Studienleiter Dr. Mirko Theis vom NCT. „Ob sich dieser Effekt irgendwann in Therapien am Patienten übersetzen lässt, müssen nun weitere Untersuchungen zeigen.“ Aber die Wissenschaftler und Wissenschaftler sind hoffnungsfroh – denn das Ausschalt-Gen MLLT6 spielt laut anderen Untersuchungen anscheinend in gesunden Zellen keine essenzielle Rolle. „Dies lässt vermuten, dass eine mögliche therapeutische Hemmung von MLLT6 mit geringen Nebenwirkungen verbunden sein könnte“, erklärte Prof. Frank Buchholz, Abteilungsleiter für medizinische Systembiologie der TU Dresden. Nun will das Forscherkollektiv testen, ob ihr MLLT6-Schalter nur mit einzelnen Zellen in der Petrischale, oder auch in komplexen Geweben funktioniert.

Autor: hw

Quelle: NCT

Wissenschaftliche Publikation dazu:

Sandeep Sreevalsan, Marietta Döring, Maciej Paszkowski-Rogacz, Melanie Brux, Carolina Blanck, Marten Meyer, Frank Momburg, Frank Buchholz, Mirko Theis: MLLT6 maintains PD‐L1 expression and mediates tumor immune resistance. EMBO Rep (2020) e50155; https://doi.org/10.15252/embr.202050155

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