Geschichte, zAufi

Das Virtual-Reality-Kino der Kaiserzeit

Entwurf zum Detailabschnitt "Tod des Generals Kraußhaar" für das Dresdner Panorama "Erstürmung von St. Privat am 18. August 1870" von Louis Braun. Repro (hw) aus: Ausstellungskatalog „Krieg. Macht. Nation, Sandstein-Verlag

Entwurf zum Detailabschnitt “Tod des Generals Kraußhaar” für das Dresdner Panorama “Erstürmung von St. Privat am 18. August 1870” von Louis Braun. Repro (hw) aus: Ausstellungskatalog “Krieg. Macht. Nation”, Sandstein-Verlag

1883 sorgte in Dresden das Rundbild „Die Erstürmung von St. Privat“ für Furore

Dresden, 24. August 2020: Raffinierte 360-Grad-Panoramen mit 3D-Effekten sind keine Erfindung des Digitalzeitalters: Schon zu Kaiser Zeiten erfreuten sich Rundgemälde, auf denen Schlachten gezeigt wurden, großer Beliebtheit. Ein reichliches Jahrzehnt nach der Reichsgründung sorgte beispielsweise in Dresden ein Schlachten-Panorama, das ganz besonders den sächsischen Beitrag zum deutsch-französischen Krieg heraussstreichen sollte, für Furore.

3D-Effekte des 19. Jahrhunderts: aus der Leinwand ragten Hände und Beine

So wie Robert Duvall als Lieutenant Colonel Bill Kilgore in Francis Ford Coppolas Vietnam-Antikriegsfilm „Apocalypse Now“ bekannte, den Geruch von Napalm am Morgen zu lieben, weil das irgendwie wie Sieg rieche, so waren die Besucher damals entzückt, wenn sie glauben, dass ihnen Schießpulverschwaden in die Nase stiegen oder dass der Boden ob heranpreschender Kavallerie vermeintlich vibrierte. Im patriotischen Überschwang nach dem Sieg über den „Erbfeind“ Frankreich wurden Rundgemälde, die Ereignisse aus dem Krieg 1870/71 darstellten, im frisch gegründeten Deutschen Reich große Publikumserfolge, verbanden sie doch vortrefflich Massenspektakel und Volksbelustigung mit patriotischer Erbauung und Teilhabe. Zwischen Betrachter und Leinwand befand sich in der Regel ein mit Erde, Pflanzen und Kriegsgerät gefüllter Streifen. Im unteren Bereich des Bildes ragten schon mal künstliche Hände oder Beine aus der Leinwand. Die Panoramen gelten als die ersten „Bildmassenmedien“. Eine deutsche Spezialität war das nicht, es gab auch entsprechende Rundgemälde in anderen Ländern.

Gefragt war eine „fotorealistische“ Wiedergabe des Kriegsgeschehens

Gefragt war eine geradezu „fotorealistische“ Wiedergabe der Ereignisse. So lobte ein Redakteur in der Beilage der „Berliner Börsen-Zeitung“ vom 23. Februar 1881: „Von großer Wahrheit ist die Ausführung des landschaftlichen Theils, […]. Wer einmal dort gewesen ist, wird auf dem Bilde jede Allee, jeden Weg, jede Bodensenkung oder -erhebung wiedererkennen.“

Aus Kriegsberichterstattern wurden Panorama-Maler

Um diese Realitätsnähe zu erreichen, besuchten die Künstler, die zum Teil schon als künstlerische „Kriegsberichterstatter“ den Feldzug begleitet hatten, das Schlachtfeld und fotografierten das Terrain. Die anhand dieser Fotografien entwickelten Skizzen wurden auf Glasplatten fotografiert und mit Hilfe der Camera obscura auf die Leinwand im Panoramagebäude projiziert und auf die Leinwand übertragen. Das Schlachtgeschehen als solches rekonstruierten sie mit Hilfe der offiziellen Kriegstagebücher, privater Aufzeichnungen und der Befragung von Beteiligten.

Der „entscheidende Moment“ war gefragt

Für die reportagehafte Wiedergabe des Geschehens wurde gern der entscheidende Moment des Kampfgeschehens ausgewählt. Der „entscheidende Moment“ der Schlacht von Gravelotte aus preußischer Sicht war aber nicht unbedingt der, der den Anteil der sächsischen Regimenter am Sieg ins rechte Licht rückte.

Sachsen wollten eigenes Großgemälde

Insofern war man in Sachsen wenig erbaut von dem von Anton von Werner für Berlin geschaffenen Nationalpanorama. So wurde in Dresden eine eigene Darstellung des „Sturms auf St. Privat“ in Auftrag gegeben. Im Zuge der die Reichseinigungskrieg in den Blick nehmenden Ausstellung „Krieg. Macht. Nation“, die derzeit im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden zu sehen ist, ist eben dieses Diorama ein Thema.

Panorama-Maler Louis Braun (1836-1916) in seinem Atelier (um 1910). (Repro (hw) aus: Ausstellungskatalog "Krieg. Macht. Nation", Sandstein-Verlag

Panorama-Maler Louis Braun (1836-1916) in seinem Atelier (um 1910). (Repro (hw) aus: Ausstellungskatalog “Krieg. Macht. Nation”, Sandstein-Verlag

Besucher meinten, den Pulverdampf zu riechen

Gestaltet wurde das Werk von dem aus Schwäbisch Hall stammenden Maler Louis Braun, der einen exzellenten Ruf hatte, was das Meistern von Besucher zuhauf anlockender Panoramagemälde anging. Diese waren so lebendig gemalt, dass dem Betrachter förmlich das Gefühl kam, es würden ihm Schießpulverschwaden in die Nase steigen und heranpreschende Kavallerie den Boden vibrieren lassen.

Louis Braun malte Panoramen in Serie

Brauns Schöpfungen waren 360-Grad-Breitbild-Spektakel auf bis zu 120 Meter langen und 15 Meter hohen Leinwänden. Solche frühen Varianten eines „Virtual-Reality-Kino mit Spezialeffekten“ zogen damals oft mehr als 200 000 Besucher an. Und Louis Braun, der beim berühmten Historienmaler Horace Vernet in Paris in die Lehre gegangen war, führte Regie. Was Regisseure wie Michael Bay und Roland Emmerich im heutigen Krach-Wumm-Genre waren, das war Braun damals. Die Schlachten von St. Privat, Weißenburg, Mars-la-Tour und allen voran Sedan, wo sich das „Königlich Sächsische 2. Jäger-Bataillon Nr. 13“ Meriten erwarb, waren längst geschlagen. Doch in den Köpfen der Menschen waren sie immer noch präsent – wobei es wohl hilfreich war, dass man in diesem Krieg gesiegt hatte. Viele Veteranen erkannten offenbar markante Geländeabschnitte und Kampfszenen wieder.

Penible Recherchen

Wenn Braun, der von der Leipziger Illustrierten Zeitung und dem König von Württemberg als Bildberichterstatter an die Front geschickt worden war, eine Schlacht nicht selbst miterlebt hatte, recherchierte er penibel nach, machte sich vor Ort ein Bild von der Landschaft und den Lichtverhältnissen.

Braun malte sein 1. Schlachten-Panorama 1880 in Frankfurt

1880 malte Braun das erste, in Frankfurt am Main präsentierte Panorama: die Schlacht von Sedan auf 2000 Quadratmetern. Ein holländischer Unternehmer gründete für die Schau eigens eine Kapitalgesellschaft. Braun bekam 5000 Mark Honorar, eine bemerkenswert hohe Summe damals.

Gebäude für das Panorama "Erstürmung von St. Privat am 18. August 1870" von Louis Braun in Dresden. Repro (hw) aus: Ausstellungskatalog "Krieg. Macht. Nation", Sandstein-Verlag

Gebäude für das Panorama “Erstürmung von St. Privat am 18. August 1870” von Louis Braun in Dresden. Repro (hw) aus: Ausstellungskatalog “Krieg. Macht. Nation”, Sandstein-Verlag

Privatwirtschaftlich finanzierte Spektakel für die nationale Erbauung der Deutschen

Auch für Investoren war Sedan eine Goldgrube. Panoramen, die Betrachtern eine Art Standbild des Geschehens in einem „Weitwinkel“-Ausschnitt vermittelten, waren keine Staatsaufträge, sondern privatwirtschaftlich finanziert, meist durch deutsche Tochtergesellschaften belgischer oder französischer Panorama-Unternehmen.

Maler im Rundbild-Fieber

Braun fiel ins Rundbild-Fieber: Zwischen 1880 und 1894 malten er und seine Gehilfen acht solche Panoramen. Darunter war auch seine Version der „Erstürmung von St. Privat am 18. August 1870“, die er 1883 binnen sechs Monaten in seinem Atelier in München anfertigte. Dazu porträtierte er vor Ort in Dresden militärische Führer sowie weitere Schlachtenteilnehmer und befragte sie zu Details der Kämpfe. Nicht immer ging es um die Bataillen von 1870/71. Auch die Kämpfe bei Murten 1476 sowie Lützen 1632 führte er den Betrachtern vor Augen.

Auch König Albert wollte das Panorama sehen

Bei der Eröffnung des Dresdner Panoramas zur Schlacht von St. Privat waren König Albert und seine Gemahlin Carola anwesend. Albert, damals noch Kronprinz, hatte mit seinem XII. Armeekorps entscheidenden Anteil am Sieg gehabt. Die Verluste waren damals unglaublich hoch gewesen. Beispielhaft dafür steht die Leibfahne des „8. Königlich Sächsischen Infanterieregiments Nr. 107“, die heute zur Sammlung des Militärhistorischen Museums in Dresden gehört. Sie war und ist berühmt, weil am 18. August 1870 fünf ihrer Träger nacheinander starben und ein sechster schwer verwundet wurde.

3D-Effekte, Trümmer, hyperrealistische Details: Viele Besucher waren überwältigt

Die Besucher waren von Brauns Darstellung der Schlacht von St. Privat überwältigt: Dreidimensionale Gegenstände wie Trümmerteile, herumliegende Ausrüstungen oder eine Mauer ließen den Übergang vom Gemälde zum Raum verschwimmen.

80.000 Besucher binnen 6 Monaten

Dennoch war die Schau letztlich kommerziell kein großer Erfolg: In den ersten sechs Monaten nach der Eröffnung besuchten 80 000 Menschen das Panorama. Die Organisatoren hatten indes 120 000 Besucher erwartet. Allerdings: 80 000 Besucher binnen sechs Monaten – soviel wird in den meisten heutigen Ausstellungen in Dresden nicht mal ansatzweise erreicht.

„Ein bleibend Denkmal der Erhebung“

Im Dresdner Anzeiger war zu lesen:

„Es schweift der Blick zurück in jene Zeiten, / Wo kampfbereit, in heil’ger Gluth entbrannt / Die deutschen Heldensöhne muthig streiten / Für deutsches Recht, für’s deutsche Vaterland…. Das Panorama aber mög’ für Groß und Klein / Ein bleibend Denkmal der Erhebung sein.“

Doch wirklich bleibend war Brauns Panorama nicht: Bis heute sind nur eine Mappe mit Fotodrucken des ausgeführten Panoramas sowie Skizzen überliefert.

Der Glaube an den Fortschritt ließ noch kurz vor dem Krieg viele Menschen annehmen, es könne unmöglich noch einmal zu einem Völkergemetzel kommen. Welch ein Irrtum! Foto: Neue Visionen

Der Glaube an den Fortschritt ließ noch kurz vor dem Krieg viele Menschen annehmen, es könne unmöglich noch einmal zu einem Völkergemetzel kommen. Welch ein Irrtum! Zu dieser Zeit kamen Fotografie und 3D-Fotografie auf und ließen die Panorama-Gemälde alt aussehen. Foto: Neue Visionen

Nach dem Krieg der Maschinen wirkten Rundgemälde wie aus einer Puppenstubenwelt

Braun starb Mitte Februar 1916 in München an einer Gesichtsrose. Seine Welt war untergegangen. Panorama-Bilder waren um die Jahrhundertwende von neuen Medien wie Film und Fotografie überrollt worden. Und das Hurra auf militärische Herrlichkeit wirkte spätestens mit Beginn des Ersten Weltkriegs, dem „Krieg der Maschinen“ (zumindest an der Westfront), wie aus einer Puppenstubenwelt.

In Wellen kamen Panoramen immer wieder mal in Mode – und verschwanden

Panoramen blieben kurze Launen der Kunstgeschichte, wenn auch wiederkehrende. Nur Kenner wussten etwa um das 1894 geschaffene Panoramabild, das 1946 von Lemberg ins nun polnische Breslau gebracht wurde und den Sieg der polnischen Armee über die russische 1794 in der Schlacht bei Racławice unter Führung des polnischen Generals Tadeusz Kosciuszko zeigt. Neueren Datums ist das Bauernkriegspanorama, das Werner Tübke auf Geheiß der DDR-Führung zwischen 1976 und 1987 in Bad Frankenhausen schuf. Und dann sind da all die monumentalen Panoramabilder, die Yadegar Asisi in den letzten Jahren schuf, um Amazonien, die untergegangene Titanic oder das Dresden der Barockzeit wiederzuerwecken. Eines seiner jüngeren Panoramen ist derzeit in Berlin zu sehen: Dort zeigt er in 360-Grad-Perspektiven das Leben im antiken Pergamon.

  • Weitere Informationen über das Dresdner Panorama „Die Erstürmung von St. Privat am 18. August 1870“ sind nachzulesen im exzellenten Katalog zur Ausstellung „Krieg. Macht. Nation“ (Sandstein Verlag, 432 Seiten, 474 meist farbige Abb., 48 Euro) im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr. Eine Leseprobe gibt es hier.

Autor: Christian Ruf

Quellen: Ausstellungskatalog „Krieg. Macht. Nation“

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Über Christian Ruf:

Christian Ruf wurde 1963 in München geboren und hat Geschichte sowie Politologie in München und Bonn studiert. Bereits vor dem Mauerfall reiste er mehrmals in die DDR, nach Polen und in die Sowjetunion. Nach der Wende zog er nach Sachsen um. Heute ist er als freier Journalist mit den Schwerpunkten Kultur und Geschichte in Dresden tätig, wenn er nicht gerade in anderen Ecken der Welt unterwegs ist.