Kunst & Kultur

Kakofonie des Atomkrieges am Elbufer

Zu Manga- und Videoprojektionen auf der Fassade des Japanischen Palais' am Elbufer in Dresden interpretierten die Dresdner Sinfoniker die atomare Zerstörung von Hiroshima vor 70 Jahren musikalisch. Foto: Heiko Weckbrodt

Zu Manga- und Videoprojektionen auf der Fassade des Japanischen Palais‘ am Elbufer in Dresden interpretierten die Dresdner Sinfoniker die atomare Zerstörung von Hiroshima vor 70 Jahren musikalisch. Foto: Heiko Weckbrodt

Barfuß durch Hiroshima: Dresdner Sinfoniker inszenierten expressives Projektionskonzert in Dresden

Dresden, 6. August 2015. Mit einem expressiven multimedialen Konzert am Elbufer in Dresden haben heute Abend die Dresdner Sinfoniker des Atombomben-Abwurfs auf Hiroshima am 6. August 1945, also vor genau 70 Jahren, gedacht. Während ihrer 70-minütigen Performance projizierten sie Videoadaptionen und Auszüge aus dem Manga „Barfuß durch Hiroshima“ auf die Fassade des Japanischen Palais und interpretierten die Katastrophe musikalisch.

Trommeln des Krieges kündigen den Untergang an

Und dies gelang den Künstlern ausgesprochen eindrucksvoll: Mit viel Verve und Einsatz ließen sie sie ihre Instrumente wie MG-Feuer rattern, wie einschlagende Bomben detonieren, wie Sterbende kreischen, steigerten das visuelle Geschehen auf der ungewöhnlichen steinernen Projektionsfläche akustisch zu einer Kakofonie des Krieges. Dies gefiel zwar nicht allen der schätzungsweise über 2000 Besucher, die die multimediale Inszenierung auf den Elbwiesen verfolgten, fand aber doch mehrheitlich viel Zuspruch. Denn gerade durch diesen amelodiösen Ansatz meisterten sie eine alles andere als einfache Aufgabe: Das Rattern der Militärmaschine, die Vernichtung Zehntausender Leben auf einen Schlag, den Anblick lebendig Verwesender, von Strahlenkrankheit und Maden zerfressenen Leibern adäquat hörbar zu machen.

Videoimpressionen (hw):

Hiroshima-Überlebende zeichnete Manga-Vorlage

Dabei konnten sie sich an einer ohnehin besonders eindrucksvollen Vorlage orientieren: Der Autor des Comics „Barfuß durch Hiroshima“ hatte die Zerstörung seiner Heimatstadt als Sechsjähriger selbst erlebt, dabei Vater und Schwester verloren. Diese Erinnerungen verarbeitete Keiji Nakazawa später in einem mehrteiligen Manga (die japanische Form des Comics), der wegen seiner schonungslosen, expressiven Zeichnungen international viel Furore machte.

Viele, viele waren gekommen, um die Manga-Videoprojektionen und das Konzert "Barfuß durch Hiroshima" am Dresdner Elfufer zu verfolgen. Foto: Heiko Weckbrodt

Viele, viele waren gekommen, um die Manga-Videoprojektionen und das Konzert „Barfuß durch Hiroshima“ am Dresdner Elfufer zu verfolgen. Foto: Heiko Weckbrodt

Freilich, auch das muss man sagen, hat dieser Manga bei aller Eindrücklichkeit und Grausamkeit auch so seine Schwächen. So enthält er einige Irrtümer: Albert Einstein beispielsweise war nicht direkt am Bau der amerikanischen Atombombe beteiligt und auch saß China nicht mit am Verhandlungstisch der Konferenz von Jalta. Zudem schlägt Nakazawa zwar immer wieder die „Nie wieder Krieg“-Saite an, weist die japanische Kriegsschuld aber größtenteils nur dem Tenno zu – was doch eine etwas einseitige Sicht sein mag.

Die acht Musiker interpretierten den Manga auf oft eigenwillige, aber sehr gekonnte Weise. Foto: Heiko Weckbrodt

Die acht Musiker interpretierten den Manga auf oft eigenwillige, aber sehr gekonnte Weise. Foto: Heiko Weckbrodt

Multimediales Werk mit großer Sogkraft

Davon entwickelte die multimediale Manga-Interpretation, die in einem Gemeinschaftsprojekt der Dresdner Sinfoniker mit dem Videokünstler Oğuz Büyükberber entstand, seine ganz eigene, fesselnde Ästhetik und Sogkraft, der man sich kaum entziehen konnte. (Aktualisierung) „Wir hatten hinterher das Gefühl, dass das eine gute Gedenkveranstaltung war, die die Menschen auch sehr bewegt hat“, schätzte Projektmanagerin Therese-Eva Menzel von den Dresdner Sinfonikern ein. „Der Beifall war vielleicht etwas verhalten, aber sehr lange. Ich glaube, das liegt daran, dass die Besucher sich emotional so angesprochen fühlten und dies auch kein Jubelthema war.“ Autor: Heiko Weckbrodt