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Dresdner Stasi-Zentrale wird als Gedenkstätte ausgebaut

Das Stasi U-Hafthaus an der Bautzner Straße soll Teil des Dresdner "Campus' der Demokratie" werden. Abb.: hw

Das Stasi U-Hafthaus an der Bautzner Straße soll Teil des Dresdner „Campus‘ der Demokratie“ werden. Abb.: hw

Restaurierung im Mai fertig – Umbau dauerte halbes Jahr länger als geplant

Dresden, 14. März 2014: Mit mehrmonatiger Verzögerung wird die sanierte und umgebaute Gedenkstätte in der ehemaligen Stasi-Bezirkszentrale an der Bautzner Straße im Mai wiedereröffnet – 25 Jahre nach den gefälschten DDR-Kommunalwahlen. Das hat Herbert Wagner, der Vorsitzende des Trägervereins „Erkenntnis durch Erinnerung“, angekündigt. Die Gedenkstätte ist durch die 2,35 Millionen Euro teure Sanierung deutlich repräsentativer geworden und kann DDR-Unrecht nun aus Opfer- wie Täterperspektive zeigen.

Winterpech und Pleiten verzögerten Arbeiten

Eigentlich wollte der Verein das Haus bereits im Oktober 2013 wieder eröffnen. Weil jedoch die beauftragte Trockenbau-Firma pleite ging und der wechselhafte Winter die Arbeit behinderte, verzögerte sich die Übergabe immer weiter, hieß es vom Immobilien-Eigentümer, der Stadt. Inzwischen sei die Gedenkstätte jedoch „im Großen und Ganzen fertiggestellt“, teilte Finanzbürgermeister Hartmut Vorhohann (CDU) mit. Einige Mängel seien in den nächsten Tagen noch zu beheben. Am 11. März soll die Feuerwehr das letzte Okay geben und die Brandmeldeanlage scharf stellen. Dann könne „das Objekt an den Nutzer übergeben werden“, erklärte Vorjohann.

Im Anschluss können auch die Mitnutzer einziehen: die Dresdner Stasiaktenbehörde und die „Vereinigung der Opfer des Stalinismus“. Mit einem Festprogramm wird die Gedenkstätte in der zweiten Maiwoche eingeweiht. „Es wird Führungen und Vorträge geben und wir planen eine Überraschung“, sagte Wagner.

Videoimpressionen aus der Gedenkstätte (Heiko Weckbrodt):

Überrascht wird wohl manch Gast auch vom neuen Bild der Gedenkstätte sein, die durch die Konzentration auf zwei Häuser – Stasi-U-Haft und Repräsentanzgebäude – gewonnen hat: Ein gläsernes Foyer und künstlerisch veredelte Stahlplatten im Stil umgekippter Zellentüren markieren den zur Westseite verlagerten Haupteingang. Von dort kann man ins bedrückende Untersuchungsgefängnis der Stasi abbiegen oder durch einen unterirdischen Gang in den Fuchsbau gelangen, wo einst der sowjetische Geheimdienst NKWD seine Häftlinge einsperrte.

Alternativ geht es per Fahrstuhl in den Stasi-Festsaal, der im DDR-Stil renoviert wurde: zwei Geschosse hoch, verkleidet mit den typischen Billigholzimitat-Platten an den Wänden und „Blutwurst-Granit“ am Boden, an den Seiten das modernste, was es an DDR-Farbfernsehern so gab, vorne eine Bühne mit Kinoleinwand. Den Saal will Wagner künftig vor allem für politische Bildungsveranstaltungen nutzen.

Selbstgebasteltes Fluchtflugzeug ausgestellt

Mit solch einem selbstgebastelten Flugzeug hatte der Dresdner Michael Schlosser versucht, in den Westen zu fliegen. Er wurde jedoch vorher geschnappt, das Original-Flugzeug ist seitdem verschollen. Schlosser hat es daher für die Ausstellung nochmal neu gebaut. Foto: Heiko Weckbrodt

Mit solch einem selbstgebastelten Flugzeug hatte der Dresdner Michael Schlosser versucht, in den Westen zu fliegen. Er wurde jedoch vorher geschnappt, das Original-Flugzeug ist seitdem verschollen. Schlosser hat es daher für die Ausstellung nochmal neu gebaut. Foto: Heiko Weckbrodt

Als Clou steht im Saal das Flucht-Flugzeug, das der Dresdner Michael Schlosser in den 1980er Jahren aus einem Trabant-Motor und anderen Teilen selbstgebastelt hatte, um in den Westen abzuhauen. Schlosser wurde nach den ersten erfolgreichen Flugversuchen jedoch von einem Kollegen verpfiffen. Er wanderte in den Knast, die Stasi beschlagnahmte den Selbstbau-Einsitzer. Das Original ist verschollen, daher hat Schlosser seine Kreation für die Gedenkstätte nachgebaut.

Repräsentieren die rekonstruierten Zellen im Hafthaus und im Fuchsbau die Perspektive der Opfer von Stasi- und SED-Willkür, findet der Besucher über dem Saal, in der dritten Etage, die Täterperspektive: Durch einen dunklen Gang sind das Büro und der Beratungsraum von Dresdens letztem Stasi-General Horst Böhm erreichbar. Beide Zimmer befanden sich ursprünglich im Nachbarhaus. Sie wurden vollständig in das Haupthaus der Gedenkstätte transferiert – in der Originalkubatur und samt aufbereitetem Hellerau-Interieur.

Stasi-Devotionalien geplündert

Die einst mit Stasi-Devotionalien gefüllten Schränke Böhms wurden nach der Erstürmung der Stasi-Bezirksverwaltung im Dezember 1989 geplündert. Daher kann der Verein in den Ausstellungs-Räumen zunächst nur Schaudepots mit verliebenen Stasi-Exponaten einrichten. Zu sehen sind da Handschellen, Schlagstücke, Briefsiegel und Repro-Technik der Dresdner Schlapphüte. Wagner hofft indes, doch noch das eine oder andere Original-Stück von den Dresdnern zurückzubekommen. Notfalls werde man danach auf den Flohmärkten in der Stadt fahnden, kündigte Vereins-Sprecher Michael Schmidt an.

Auf dem Gelände an der Bautzner Straße befanden sich vor 1945 Villen, in denen teils Nazi-Bonzen wohnten. Nach dem Krieg übernahm der NKWD das Areal und richtete eine unterirdische Haftanstalt ein. Die Namen der zum Tode verurteilten Häftlinge sind heute im „Fuchsbau“ aufgelistet. 1953 übergaben die Sowjets das Gelände an die ostdeutschen „Bruderorgane“, die das Areal als Bezirksverwaltung ausbauten. Nach Erstürmung und Wende gingen Teile an Stadt und Land über. Heute befinden sich eine Wohnvilla, ein Ärztehaus und eine Disko neben der Gedenkstätte. Einen Großteil der Stasi-Häuser hat die „Ventar Immobilien AG“ gekauft, die dort Eigentums-Wohnhäuser einrichten will. Autor: Heiko Weckbrodt

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