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„Raising Steam“: Terrorzwerge kämpfen in der Scheibenwelt gegen die Dampfeisenbahn

Besonders die Kobolde von Ankh-Morpok erwärmen sich für die neue erfindung, die Dampflok. Foto: Terry Pratchett

Besonders die Kobolde von Ankh-Morpok erwärmen sich für die neue Erfindung, die Dampflok. Foto: Terry Pratchett

Im neuen Pratchett-Roman reitet Feucht von Lipwig auf dem Golempferd der Globalisierung entgegen

Im Paralleluniversum der Scheibenwelt, die von Magie statt Technologie getrieben wird, und irgendwann im Spätmittelalter stecken geblieben ist, erfindet der junge Simnel in der Pampa die Dampfeisenbahn. Als er damit in der Metropole der Scheibenwelt aufschlägt, wirbelt er mit seiner Erfindung alles durcheinander: Die Jungs wollen plötzlich alle Ingenieure statt Zauberer werden, die Pufferküsser formieren sich und der Rechenstab wird zur Ikone einer neuen Zeit. Das behagt dem Patrizier von Ank-Morpok – vom britischen Fantasy-Autor Terry Pratchett als eine Mischung aus dem antiken Rom, dem frühen New York und den norditalienischen Stadtstaaten skizziert – erst gar nicht. Doch als weitsichtiger Tyrann köpft er den jungen Simnel dann doch nicht, sondern fördern ihn: Er gibt ihm den umtriebigen Ex-Schurken und Nun-Bankdirektor Feucht von Lipwig zur Seite, der gegen den Widerstand fundamentalistischer Terrorzwerge dafür sorgt, dass das neue Lokomotivwesen unter Dampf bleibt.

„Raising Steam“ hat Pratchett daher auch seinen neuesten Scheibenwelt-Roman genannt, der bisher nur auf Englisch erschienen ist – Titel und Erscheinungsdatum für die deutsche Ausgabe sind noch nicht bekannt. Ähnlich wie schon „Ab die Post“ spiegelt der die Folgen von Modernisierung und Globalisierung Welt in einer magischen Gegenwelt. Dramaturgisch verzettelt sich der Brite diesmal zwar etwas, aber dennoch ist am Ende wieder ein vergnüglich-unterhaltsames Fantasieabenteuer herausgekommen.

Story verzettelt sich in zu vielen Orten und Akteuren

Darin begegnen uns allerlei alte Bekannte: Feuchts Ische Adora Bella Dearheart, genannt „Stachel“, die mit ihrem „Klack“-System das Internet vorwegnimmt, der brummige Kommandant Mumm natürlich, der sich diesmal in den Anti-Terrorkampf zwischen Ankh-Morpok und den Untergrundzwergen von Überwald verstrickt, und viele andere. Zu viele vielleicht, möchte man sagen, denn um sein Globalisierungssujet einer durch die Eisenbahn zusammenrückenden Welt durchzuexerzieren, springt Pratchett in seinem Roman in argem Tempo zwischen Schauplätzen, Akteuren und zahlreichen Nebenfiguren hin und her, worunter die Spannung etwas leidet.

Fazit: Unterhaltsam, aber nicht der stärkste Scheibenwelt-Roman

Terry Pratchett. Foto: Terry Pratchett

Terry Pratchett. Foto: Terry Pratchett

Natürlich strotzt die Story wieder nur so von Anspielungen auf unsere Populärkultur, die dramaturgische Dichte allerdings, die aberwitzigen Einfälle, die viele frühere Scheibenweltromane so fesselnd machten, fallen in „Raising Steam“ etwas blasser aus. Vielleicht ist Pratchetts erdachte komplexe Fantasiewelt in mittlerweile 40 Büchern einfach etwas auserzählt – richtig neue und spannende Ansätze vermisst man hier eher. Dennoch ist auch der neue Scheibenwelt kurzweiliges Futter für die Fan-Gemeinde – und sich den Filou Feucht von Lipwig vor dem inneren Auge vorzustellen, wie er auf unermüdlichen Golem-Pferden durch eine von Vampiren, Trollen, Werwölfinnen und Frühkapitalisten bevölkerte Welt reitet, um sie durch den Strang des Stahlrosses zu verknüpfen, ist einfach unterhaltsam. Autor: Heiko Weckbrodt

Terry Pratchett: „Raising Steam“, Doubleday 2013, engl. Ausgabe als eBook: 15 Euro, ISBN: 978-0857522276, Leseprobe hier

Zum Weiterlesen:

„Snuff“: Kommandant Mumm räumt mit Rassisten der Scheibenwelt auf

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Heiko Weckbrodt hat Geschichte studiert, arbeitet jetzt in Dresden als Wirtschafts- und Wissenschaftsjournalist und ist Chefredakteur und Admin des Nachrichtenportals Oiger. Er ist auch auf Facebook, Twitter und Google+ zu finden.

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