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Kommentar: Keine Angst vor der Trollwiese Internet!

Foto: Ronny Siegel

Foto: Ronny Siegel

Man kann es leider gar nicht anders sagen: Als das Internet Ende der 1990er zum Massenphänomen wurde, starb auch die Netz-Etikette (Netiquette) weitgehend aus. Trolle krochen aus ihren Löchern und motzten auf ihrer neuen elektronischen Spielwiese, was das Zeug hält, verwandten die (Halb-)Anonymität des Internets, um all jene Beleidigungen herauszuschreien, die sie sich im realen Leben, Aug in Aug, ihrem Gegenüber niemals zu sagen wagten. Die legasthenischen Motz-Wettbewerbe in manchen Foren sprechen da Bände.

Trollunwesen versus Meinungsfreiheit

Andererseits darf man dabei auch nicht vergessen, dass freie Meinungsäußerung zu den Geburtsmerkmalen des Internets gehört und dies ist auch gut so: Außer an den legendären Stammtischen redet beziehungsweise schreibt wohl keiner so offen wie im Netz – und spätestens seit Gorbatschow wissen wir: „Glasnost“ (Transparenz) ist ein 1a-Heilmittel für verkrustete Gesellschaften.

Hilfe, keiner hat „Gefällt mir“ gedrückt!

Wenn der Bitkom-Verband nun in seiner jüngsten Umfrage ermittelt hat, dass sich jeder achte Netznutzer vor Beleidigungen im Internet fürchtet, ist dies zweifellos bedenklich und sollte uns alle dazu anhalten, in Netzdiskussionen nicht die Façon zu verlieren und Trolle zu isolieren. Zu diskutieren ist freilich, was da die Befragten innerlich alles als „Beleidigung“ fassten und was wohl die Alternative wäre. Ist es zum Beispiel schon eine Beleidigung, für einen Facebook-Beitrag Kritik einzustecken? Oder keine Antwort zu erhalten? Oder dass niemand den „Gefällt mir“-Knopf gedrückt hat?

Nicht in Lobhudelei ausweichen

So weit hergeholt ist das gar nicht: Erst kürzlich hat mir ein Freund erzählt, wie schön es doch sei, dass er in US-Foren viel mehr „+1“- und ähnliche ideelle Honorierungen für seine eingestellten Fotos erhält, und dort auch viel mehr gelobt werde als in deutschen Foren. Da fällt doch einem langjährigen DVD-Rezensenten gleich die Parallele zu den Bonussektionen auf Videoscheiben auf: Handelt es sich um einen Hollywood-Film, dann strotzen die Zusatz-Dokus meist vor gegenseitigen Lobhudeleien der Macher und Mimen bis zum Erbrechen. In europäischen Produktionen setzen sich die Beteiligten in solchen „Making-Of“-Dokus dagegen meist kritisch mit den Rollen und den Problemen während der Dreharbeiten auseinander. Ähnliches hört das ja auch immer wieder von Unternehmern, die in China aktiv sind: Bloß keinen Chinesen direkt kritisieren, dies wird als dort Affront betrachtet. Was ist da wohl vorzuziehen? Heiko Weckbrodt

 

(Kommentar zur Meldung: Jeder Achte ängstigt sich vor Beleidigungen im Netz

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