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60 Jahre Holzinstitut Dresden: Möbel aus dem Drucker und Schimmel-Biochips

Ingenieur Björn Weiß identifiziert im IHD-Labor eine Holzprobe. "Jede Holzart hat so etwas wie einen individuellen Fingerabdruck", sagt er. Abb.: hw

Ingenieur Björn Weiß identifiziert im IHD-Labor eine Holzprobe. "Jede Holzart hat so etwas wie einen individuellen Fingerabdruck", sagt er. Abb.: hw

Dresden, 10.5.2012: Das „Institut für Holztechnologie Dresden“ (IHD), das nun 60. Jubiläum feiert, gehört in Deutschland und ganz Europa zu den Topadressen für die Möbel- und Holzindustrie. Die 105 Mitarbeiter helfen durch ihre Forschungen zu Beispiel, IKEA-Einkäufe leichter zu machen, Möbel zu „öko-normen“ und sie führen Holz aller Art bis über die Belastungsgrenzen hinaus. Nun verheiraten sie die konservative Holzbranche mit der Hightech-Welt – indem sie Bio-Chips als Holzschimmel-Schnelltester entwickeln.

Notorischer „Einbrecher“ gehört zum Teststab

Bruno Bruch* ist ein notorischer Einbrecher: Stunden- ja oft tagelang hebelt er mit Stemmeisen Türen auf, fuhrwerkt mit Schraubenziehern an Fenster herum, malträtiert Holztore mit brachialer Gewalt. Und das Beste daran: Die Polizei lässt ihn gewähren und er lässt sich sogar in letzter Instanz von Staat und Wirtschaft dafür bezahlen. Ein Skandal ersten Ranges? Keineswegs. Denn unser Berufseinbrecher ist fest am Dresdner Holzinstitut angestellt und seine Arbeit mit dem Kuhfuß soll Häuser sicherer machen.

Roboter schlagen im Akkord Türen auf und zu

Denn auf dem ausgedehnten IHD-Campus am Zelleschen Weg unterwerfen die Holzforscher Möbel, Laminate und andere Holzprodukte im Auftrag von Unternehmen und Ministerium systematischen Belastungsproben. Mit teils aufwendigen Spezialapparaturen testen sie neue Konstruktionen und Materialien für den Hausbau,untersuchen  formschöne Designerideen für Jacht-Innenausstattungen auf Praxistauglichkeit, rütteln Snowboards unnachgiebig durch, damit sie im Labor und nicht später ander Bergleite brechen und formen auch ökologische Möbel-Normen mit.

In den Testhallen werfen sie Sandsäcke gegen Holzplatten (simuliert Briganten, dies sich gegen Eingänge werfen), lassen unermüdliche Roboter Türen 10.000 Mal auf- und zuschlagen, bis die Beschläge brechen, lassen Fenster künstlich dauerberegnen, bis die erste Feuchtigkeit durchsickert und unterziehen neue Möbel heißen Feuerproben.

Detektivische Hightech-Suche für Restauratoren

In einem speziellen Labor identifizieren sie zum Beispiel für das Grüne Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen rare Holzintarsien, die in der Barockzeit verwendet, aber nie genau katalogisiert wurden. Um solche wertvollen Stücke zu restaurieren, müssen die IHD-Experten anhand winziger Proben das rechte Holz herausfinden. Dafür haben sie eine eigene „Holzbibliothek“ mit rund 200 verschiedenen Vergleichs-Hölzern. Jedes Baumart habe in seiner Zellstruktur eine Art eigenen „Fingerabdruck“, anhand man die Holzart herausfinden könne, erläutert Laboringenier Björn Weiß.

IHD-Direktor Steffen Tobisch. Abb.: IHD

Steffen Tobisch. Abb.: IHD

„Etwa 60 Prozent unserer Arbeit machen durch Bundes- und Landesministerien kofinanzierte Forschungsprojekte aus, 40 Prozent sind Dienstleistungen für die Holzindustrie, etwa zehn Prozent sind Vorlaufforschung“, erklärt IHD-Direktor Steffen Tobisch. Und dazu gehören – ganz anders, als gängige Klischees über die Holzindustrien vermuten lassen – längst auch Hochtechnologien.

Holzdrucker erzeugt Furniere nach freier Wahl

Weil die Designwünsche der Kunden immer anspruchsvoller werden, entwickelte das Institut zum Beispiel einen riesigen Holzplotter mit. Die mannshohe Maschine kann Möbelteile mit Furnieren aller Coleur bedrucken – damit sind nicht nur nahezu beliebige Designs jenseits des üblichen Furnierfolienangebots möglich, sondern auch eben auch Einzelanfertigungen.

Über 60 Schmimmelpilze gen-sequenziert – Resultate flossen in Bio-Testchip ein

Mit der Dresdner Firma „Biotype“ zusammen wiederum vermählten die IHD-Ingenieure Holz- und Gentechnologie: Gemeinsam konstruierten sie Biochips, die mittels DNA-Analysen holzzerstörende und nun auch Schimmelpilze identifizieren. Der Bedarf an solchen Schnelltestern steige, betonte Tobisch. „moderne Häuser sind derart dicht gebaut, dass kaum noch Luftaustausch mit draußen stattfindet“, sagt der 47-jährige Ingenieur. „Dadurch ist auch die Schimmelgefahr in Neubauten gestiegen.“

Beispiele für Hausfäule, die vom IHD-Biotype-Biochip erkannt werden. Abb.: Biotype

Beispiele für Hausfäule, die vom IHD-Biotype-Biochip erkannt werden. Abb.: Biotype

Institut 1952 wegen der Holzknappheit der Nachkriegszeit gegründet

Bei ihrer Arbeit stützen sich die Holztechnologen auf 60 Jahre Erfahrung: 1952 gründete der Dresdner Ingenieur Herbert Flemming das „Institut für Holztechnologie und Faserbaustoffe“ (IHF). Das entwickelte zunächst wegen der Holzknappheit der Nachkriegszeit – als die Holzvergaser-Autos heiß liefen – Möbel mit sparsamem Holzverbrauch. Später übernahm die Forschungseinrichtung Entwicklungsaufträge für die gesamte ostdeutsche Möbel- und Holzindustrie, arbeitete mit namhaften Marken wie IKEA und den Deutschen Werkstätten Hellerau zusammen und konzipierte ganze Furnierwerke für die DDR-Industrie. „Angedockt“ war es allerdings am Kombinat für Schnittholz und Holzwesen. Bis zur politische Wende wuchs das IHF auf über 600 Mitarbeitern.

IKEA und Hellerau gehören auch heute zu den Partnern

Nach der Wende privatisierte die Treuhand das Institut, 1993 entstand dadurch das IHD als gemeinnützige GmbH, die von mittlerweile rund 90 Unternehmen und Einrichtungen der deutschen Holzindustrie getragen wird. Denn die Deutsche Werkstätten, Ikea, und andere Holzunternehmen arbeiten auch heute noch gern und oft mit den Dresdnern zusammen – die Hellerauer zum Beispiel, um ihre Möbeldesigns zu testen, die Schweden, um ihren Kunden giftstofffreie Möbel und möglichst leichtgewichtige Einkäufe zu sichern.

Holz wird wieder knapp – wegen „Energiewende“

Denn auch heute ist Holz wieder knapp: Im Zuge der Energiewende wird immer mehr von dem natürlichen Material unter dem Motto „Biomasse-Energieerzeugung = Öko“ verfeuert. Selbst Kohlekraftwerke kaufen Holz in Größenordnungen als Beiverfeuerung vom Markt auf, um – zumindest auf dem papier – ihre Öko-Bilanz zu verbessern.

Zudem wollen viele Deutsche Möbel in Tropenholz-Optik haben, doch gleichzeitig sollen die Wälder in der Dritten Welt geschont werden. Und da ist wieder und immer noch das Know-How der Dresdner beim Holzleichtbau und in der Holzveredlung gefragt. Heiko Weckbrodt

* Name geändert

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