Geschichte, Wirtschaft
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Im Osten technisch top, im Westen Billigmarke

Robotron lockten einst die selben Gründe nach Dresden wie später Infineon & Co.: Gute Leute und passende Wissenschaftslandschaft
Gerhard Merkel. Abb.: privat

Gerhard Merkel. Abb.: privat

Dr. Gerhard Merkel kennt die Computerindustrie der DDR aus dem Eff-Eff: Er war dabei, als die ostdeutschen Rechenmaschinen elektronisch wurden, war Entwicklungs-Chef bei Robotron, zeitweise Vize-Elektronikminister und Leiter der Chipschmiede ZFTM. Heute beschäftigt sich der 76-Jährige mit historischen Forschungen. Heiko Weckbrodt unterhielt sich mit ihm über die Hochs und Tiefs der DDR-Computerindustrie, über Eingriffe „von oben“, den Einfluss der Sowjetunion und was von Riesen Robotron bleibt.

Wollten Sie schon als Kind Computerkonstrukteur werden?

Eigentlich sollte ich mal die Holzfirma meiner Familie übernehmen, die wurde jedoch von den Russen demontiert. Da habe ich Uhrmacher gelernt, dann studiert, bis ich schließlich zur Rechentechnik kam und Direktor des Dresdner Instituts für Datenverarbeitung wurde.

Bei der Forschung ist es aber nicht geblieben!?

Besonders ab Mitte der 60er Jahre hat Ulbricht die Elektronik und Rechentechnik sehr gefördert. Und so bekam der Minister für Elektrotechnik und Elektronik dafür zwei extra Stellvertreter und einer davon war ich, zuständig für die Datenverarbeitung. Wir haben damals Strukturpolitik gemacht, wie man sie sich wünscht – systematisch und konsequent. Elektronische Rechentechnik braucht viele Komponenten und die mussten erst einmal produziert werden. Deshalb haben wir die Fernseher-Produktion nach Staßfurt verlagert und Radeberg auf Datenverarbeitungsanlagen umgestellt. Die Produktion von Magnetbändern hat Carl Zeiss übernommen und für die Vorfertigungen haben wir die einen ehemaligen Braunkohlebetrieb in Oelsnitz umprofiliert. Aus den Hauern wurden Ingenieure für Fertigungstechnik. Das war auch die Zeit, in der die Kombinate gebildet wurden. Da spielte das Vorbild kapitalistischer Konzerne durchaus eine Rolle. So entstand 1969 auch Robotron.

Warum wurde ausgerechnet Dresden Hauptsitz von Robotron?

Dresden hatte den richtigen wissenschaftlichen Hintergrund. Hier gab es die TU mit dem Institut für maschinelle Rechentechnik, an der Professor Lehmann den Tischrechner D4a konstruiert hatte. Außerdem existierten in Dresden die Institute für Regelungstechnik und für Mikroelektronik. Auch waren diverse Hersteller von Rechenmaschinen in Dresden und Chemnitz angesiedelt. Diese ganzen Institute sorgten zudem für Nachwuchs in der Branche – das hat ja nach der Wende auch bei der Ansiedlung von Siemens und AMD wieder eine Rolle gespielt.

„Viele Betriebs- und Kombinatsdirektoren wollten nach dem Wechsel zu Honecker von Rechentechnik nichts mehr wissen“

Wie hat sich der Wechsel zu Honecker bemerkbar gemacht?

Ich bin nach meiner Zeit im Ministerium in die Industrie zurück gegangen und wurde Chefkonstrukteur für Rechentechnik bei Robotron. Ulbricht hatte uns sehr unterstützt, aber er stellte zuletzt überzogene Forderungen. Das hat der Sache sehr geschadet, viele Betriebs- und Kombinatsdirektoren wollten nach dem Wechsel von Rechentechnik nichts mehr wissen. Ab 1971, mit Honecker, ging es radikal runter mit Robotron. Wir bekamen weniger Absolventen und die Investionen gingen runter, von 400 Millionen Mark auf nur noch 200 Millionen Mark.

In den Mitarbeiterzahlen spiegelt sich das aber nicht wieder.

Robotron hat Jahre immer mehr Betriebe geschluckt. Das war teils Kapazitätsproblemen geschuldet und anderseits war das die Linie von SED-Wirtschaftssekretär Günter Mittag. Wenn dem Kombinat Bauleute fehlten, wurde ein Baubetrieb eingegliedert, wenn keine Klimatechnik zu haben war, sollten wir einen Klimatechnik-Betrieb kaufen. Außerdem hat Robotron 1978 das „Schwesterkombinat“ Zentronik übernommen.

Im Westen hat Robotron geringe Erlöse gemacht, im RGW satte Gewinne – wie das?

Im Westen haben wir vor allem Schreibmaschinen verkauft. Mit dem Kerngeschäft von Robotron, der Rechentechnik, hatten wir dort keine Exportchancen. Wer hätte schon Computer gekauft, die eine Generation hinterher hingen? Unter den sozialistischen Ländern waren wir dagegen technologisch führend und haben deshalb sehr gute Preise in der Sowjetunion erzielt.

Hat Robotron auch Militär-Computer exportiert?

Die spezielle Produktion hatte einen geringen Anteil. Es wurde zum Beispiel Richtfunktechnik hergestellt für das Parteinetz. Man muss bedenken, dass die russischen Militärs konservativ waren bezüglich Computern. Das war übrigens auch bei der sowjetischen Zentralverwaltung für Statistik so: Die wollten keine Computer, sondern unbedingt unsere traditionelle Buchungsmaschinen. Mit den konnte man reden, so viel man wollte, da führt kein Weg rein.

„Margot Honecker war der Meinung, so etwas habe in der sozialistischen Volksbildung nichts zu suchen – sie hat bis 1985 verhindert, dass wir über Informatik an Schulen auch nur sprachen.“

Hat das Kombinat den Trend hin zu PC und Heimcomputer verschlafen?

Ich habe schon 1970 vorgeschlagen, an Schulen Rechner zu installieren. Aber Margot Honecker war der Meinung, so etwas habe in der sozialistischen Volksbildung nichts zu suchen – sie hat bis 1985 verhindert, dass wir über Informatik an Schulen auch nur sprachen. Auch deshalb kamen der Heim- und der Bildungs-Computer so spät. Und um eine PC-Produktion aufzubauen, brauchte es erhebliche Investitionen – wir hatten aber einen Investitionsstau. Als der PC nicht mehr zu umgehen war, hatten wir große Probleme, genug elektronische Bauelemente, Floppy-Laufwerke und Festplatten zu erhalten.

Hinzu kam der Spagat zwischen den vielen Chip-Plattformen: Genau wie die SU hatte sich die DDR zunächst auf den Nachbau von Intel-Technologie orientiert. 1977 hieß es dann, wir könnten den Rückstand schneller aufholen, wenn wir auf ZILOG-Mikroprozessoren setzen. Hintergrund war, dass die Beschaffungsorgane an die Unterlagen des No-Name-Anbieters ZILOG besser heran kamen als an Intel – die wussten ihre Betriebsgeheimnisse zu schützen. Und so kam es durch Wirtschaftssekretär Günther Mittag und Wissenschaftsminister Herbert Weiz zur – ökonomisch schwerwiegenden – Entscheidung: Für den Computer-Eigenbedarf setzen wir auf ZILOG, für den SU-Export auf Intel-Technik. Dazu gab es weitere Entwicklungslinien, Robotron hat sich völlig verzettelt.

Ähnlich war es mit den Festplatten. 1964 gab es den Plan, in Radeberg Plattenspeicher zu produzieren. Durch die RGW-Arbeitsteilung haben wir das dann an die Bulgaren abgegeben. Von denen war aber jede fünfte Festplatte Ausschuss. In den 80er Jahren beschloss die DDR daher, wieder selbst Festplatten zu bauen. Das ist aber nicht mehr zustande gekommen.

„Blaulicht ist gut, aber wenn jeder Dritte in der Stadt mit Blaulicht fährt, geht es daneben.“

Der nach VAX-Vorbild konstruierte 32-Bit-Rechner "K 1840" der DDR. Abb.: Procolotor/Wikipedia

Der nach VAX-Vorbild konstruierte 32-Bit-Rechner "K 1840" der DDR. Abb.: Procolotor/Wikipedia

Großprojekte wie der 32-Bit-Rechner liefen im Sonderregime. Behinderte das die „normale“ Forschung?

Staatssekretär Karl Nendel hat den 32-Bit-Rechner kurzerhand zur Verteidigungsaufgabe erklärt und konnte dort fast unbegrenzt Mittel hinein leiten. Für die Entwicklung dieses Rechners war das gut, für die normalen Robotron-Leiter eher Mist. Denn sie hatten keinen Einblick in die Sonderregime-Zonen und die abgeordneten Entwickler rissen anderswo Lücken. Blaulicht ist gut, aber wenn jeder Dritte in der Stadt mit Blaulicht fährt, geht es daneben.

Nach der Wende wurde das Kombinat Robotron aufgelöst – spurlos?

Von der Hardware-Produktion ist so fast nichts geblieben. Dafür sind einige Software-Unternehmen wie RDS und SRS, die ihre Wurzeln bei Robotron hatten, bis heute erfolgreich am Markt. Viele Robotron-Mitarbeiter haben nach der Wende Firmen gegründet, von denen aber nicht alle überlebt haben. Geblieben sind aber indirekte Spuren von Robotron – die gute wissenschaftlich-technische Bildung der Leute hier und ihre Fähigkeit, selbst aus schwierigen Situationen noch etwas zu machen.

(Das Interview entstand bereits im April 2005)

Zum Weiterlesen: Robotron – DDR-Computerriese im Dauerspagat

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