Saxfusion: Sachsen rennt im Wettlauf um Kernfusion mit

Freistaat setzt auf eigene Energieforschung
Dresden/Chemnitz, 14. Oktober 2025. Sachsen will in der Kernfusion eine mitbestimmende Position in Deutschland und Europa aufbauen. Dafür haben das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), das Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik (IWS) Dresden und weitere Forschungseinrichtungen das Netzwerk „Saxfusion“ gegründet. Dieser Verbund bekommt zum Auftakt 2,4 Millionen Euro von EU und Freistaat. Das neue Netzwerk ist Teil einer energiepolitischen Offensive, mit der die Sachsen auf Zukunftstechnologien in diesem Sektor zielen, die eigene Energieforschung stärken und für mehr Ressourcen-Effizienz in der Mikroelektronik und weiteren Industriezweigen sorgen wollen. Das sieht ein Strategiepapier „Energieforschung in Sachsen – Standortbestimmung und strategische Leitlinien für die Weiterentwicklung“ vor, das der sächsische Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow (CDU) heute vorlegt hat.

Wasserstoff-Tech gilt generell als Schwerpunkt
„Dazu gehören Technologieentwicklung für die Wasserstoffherstellung und -speicherung, Energiespeichersysteme sowie Kernfusion“, betont Gemkow. „Bei letzterem hat der Freistaat alle Voraussetzungen und die Expertise, dieses Forschungsfeld technologisch voranzubringen und die Ergebnisse für Industrie und Gesellschaft nutzbar zu machen.“
Chipindustrie soll helfen, Energie zu sparen
Die aktualisierte Energie-Strategie sieht unter anderem vor, die starke Halbleiterindustrie in Sachsen zu nutzen, um auf technologischem Wege auch in anderen Wirtschaftszweigen deutliche Energieersparnisse zu erzielen. Außerdem will die Staatsregierung die Fachkräfte-Ausbildung- und Akquise für den Energiesektor ankurbeln, die Sachsen für Energieinnovationen begeistern und aus eigenen Mitteln die Energieforschung im Freistaat fördern.
Energiepreise sind für Kabinett in Dresden seit Jahren ein Top-Thema
Dass sich der Staat überhaupt in diesen Sektor so „hineinhängt“, hat in Sachsen mehrere Gründe: Erstens wiederholen Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), aber auch seine bisherigen SPD-Wirtschaftsminister Marin Dulig und Dirk Panter seit Jahren fast schon gebetsmühligartig immer wieder – auch beim Bund -, für wie entscheidend sie eine deutliche Energiekostensenkung und moderne Energietechnologien für die Rettung vieler Industrien in Sachsen und Deutschland halten. Zweitens entsteht durch den deutschen Kohleausstieg vor allem im Lausitzer Revier eine Bresche, für die es bisher noch keinen 100-prozentigen Lückenfüller gibt. Und drittens ist es seit der Ära Biedenkopf – und auch früher schon – ein zentraler wirtschaftspolitischer Ansatz in Sachsen, ausgewählte Zukunftstechnologien staatliche besonders zu fördern. Das war beim Erhalt der DDR-Mikroelektronik und der Autoindustrie schon so, später in der Biotechnologie. Inzwischen bahnen sich mit Software, Radiopharmazie, Energie und Quantentech weitere Schlüsseltechnologien an, in denen die Staatsregierung besonderes Potenzial sieht – und sie auch besonders fördert.

Greifswald und München vorne
Etwas überrascht hat in diesem Zusammenhang die neue Schwerpunktsetzung auf Kernfusion: In diesem Sektor gelten als führende deutsche Standorte bisher eigentlich eher Greifswald („Wendelstein 7X“), München („Proxima Fusion“, „Marvel Fusion“), Garching (Max-Planck-Institut für Plasmaphysik), Biblis und Darmstadt. Sie alle hoffen, im weltweiten Wettbewerb um eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle nach dem Vorbild der Sonne die Nase vorn zu haben.
Sachsen will mit Superlasern, Supercomputern, Reaktormaterialien und Plasma-Expertise punkten
Sachsen hofft nun, sich in diesen Wettlauf noch einklinken zu können. Auf der Haben-Seite stehen da beispielsweise die besondere Superlaser-Expertise und Reaktorsicherheits-Forschung des HZDR und die Vielteilchen-Analysen der HZDR-Tochter „Casus“: Die Helmholtz-Forscher rechnen sich Chancen aus, damit beim Forschungspfad der lasergestützten Trägheitsfusion zu punkten, den beispielsweise die USA verfolgt. Als weitere sächsische Kompetenzfelder für „Saxfusion“ sehen sie die Entwicklung von Brennstoffkapseln inklusive der Diagnostik der Fusionsreaktion, hochbelastbare Reaktormaterialien und -werkstoffe sowie Simulationen und Datenanalysen. Aber auch die langjährigen Traditionen mit Plasmatechnik bis hin zu den einstigen Forschungen von Manfred von Ardenne zu DDR-Zeiten sind Pfunde, mit denen der Freistaat wuchern will.

Kooperationen mit Wendelstein und Iter auf der Agenda
Anfangs werden die Sachsen wohl eher kleine Brötchen backen: „Unser Ziel ist es, Sachsens Kompetenzen in dieser Zukunftsbranche sichtbar zu machen und an internationalen Entwicklungsprojekten mitzuwirken“, umreißt Netzwerk-Koordinator und Supercomputing-Experte Dr. Michael Bussmann vom Görlitzer Casus-Institut realistische Nahziele für „Saxfusion“. So wollen die Sachsen beispielsweise mit den Kollegen vom Stellarator-Reaktor in Greifswald und vom Iter-Tokamakreaktor in Frankreich kooperieren. Im Falle von Meck-Pomm nimmt diese Zusammenarbeit bereits konkrete Formen an: Helmholtz Dresden und die Uni Rostock planen bereits ein gemeinsames „High Energy Density Institut“ (Hedi) mit dem Schwerpunkt Fusionsforschung.
260 Akteure in Sachsen beteiligt
Insgesamt beschäftigen sich in Sachsen laut Wissenschaftsministerium rund 260 Akteure mit neuen Energietechnologien. Im Fokus stehen dabei unter anderem Hochtemperatur-Elektrolyseure, mobile Brennstoffzellen, Energiespeicher, Kernfusion und dergleichen mehr. „Allein zwischen 2015 und 2022 haben sächsische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mehr als 320 Patente für Energietechnologien eingereicht“, heißt es im neuen Energie-Strategiepapier. Speziell zu den „Saxfusion“-Partnern gehören das HZDR, das IWS, das Casus, die TU Dresden, die Hochschulen Mittweida sowie Zittau-Görlitz und die Leibniz-Institute für Festkörper- und Werkstoffforschung Dresden (IFW) sowie für Oberflächenmodifizierung Leipzig (IOM).
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: SMWK, HZDR, IWS, Oiger-Archiv, Wikipedia

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