HalbleiterindustrieNewsWirtschaftspolitikzAufi

Halbleiter-Senior Junghans: Dresden hätte 1990 fast ein eigenes „Imec“ bekommen

Ein Mitarbeiter des Mikroelektronik-Forschungszentrums Imec im belgischen Löwen schaut sich prüfend einen 300-Millimeter-Wafer an. Falls eine Euro-Foundry gebaut wird, steht auch dieser Standort zur Debatte. Foto: Imec
Ein Mitarbeiter des Mikroelektronik-Forschungszentrums Imec im belgischen Löwen schaut sich prüfend einen 300-Millimeter-Wafer an. Foto: Imec

Bundespolitiker lenkten Gelder letztlich aber nach Itzehoe um

Dresden/Itzehoe, 12. August 2023. Die sächsische Landeshauptstadt hätte nach der Wende beinahe ein Mikroelektronik-Großforschungszentrum vom Format des belgischen „Imec“ bekommen – scheiterte dann aber an den förderalen Strukturen und politischen Befindlichkeiten der alten Bundesrepublik. Das behauptet zumindest Prof. Bernd Junghans, der zu DDR-Zeiten den ostdeutschen Megabit-Schaltkreis mitentwickelt hatte und nach der Wende unter anderen an der Standortsuche für solch ein „deutsches Imec“ beteiligt war.

Geschäftsführer Bernd Junghans 1999. Foto: privat
Bernd Junghans 1999. Foto: privat

Minister Riesenhuber wollte verstreute Chipforschung an einem Standort zusammenziehen

Der damalige Bundes-Forschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU) habe damals den Plan gefasst, die deutschlandweit verstreuten Mikroelektronik-Forschungsinstitute von Fraunhofer & Co. in einer schlagkräftigen Einheit zusammenzufassen. „Als Standort bot sich natürlich Dresden an“, berichtete Junghans während eines Treffens ehemaliger sächsischer Mikroelektroniker („Alumni“) in den Technischen Sammlungen Dresden. Denn in der Stadt gab es mit dem „Zentrum Mikroelektronik Dresden“ (ZMD) bereits eine starke Forschungseinrichtung aus DDR-Zeiten mit rund 3000 hochqualifizierten Chipexperten, dessen Fortbestand wackelte. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) sei jedoch gegen die Dresdner Lösung gewesen, so Junghans. Vielmehr hätten sich norddeutsche Haushaltspolitiker im Bundestag durchgesetzt, die erreichten, dass das neue Mikroelektronik-Forschungsinstitut 1990 in Itzehoe auf dem Lande bei Hamburg entstand.

Große Zündung in Itzehoe bis heute ausgeblieben

Dort hat sich allerdings bis zum heutigen Tage weder eine starke Chip-Industrie noch ein Forschungsinstitut vom Kaliber eines Imecs etablieren können. Zu nennen wären beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Siliziumtechnologie (Isit), in dem sich 180 Wissenschaftler auf Bauelemente für Leistungselektronik und Mikrosysteme spezialisiert haben. Außerdem unterhält der ostdeutsche Auftragsfertiger „X-Fab“ ein Chipwerk in Itzehoe mit rund 120 Mitarbeitern, das 2009 als Isit-Ausgründung entstanden war. Außerdem gibt es in der Nähe noch eine Fabrik von Vishay sowie paar kleinere Elektronikfirmen.

Silicon Saxony beschäftigt heute 70.000 Menschen, Chipindustrie in Itzehohe ein paar Hundert

Zum Vergleich: Im Hochtechnologie-Cluster „Silicon Saxony“, das rund um die Dresdner Chipfabriken gewachsen ist, arbeiten über 70.000 Menschen. Das Imec im belgischen Löwen beschäftigt rund 5000 Menschen. Ein vergleichbares Mikroelektronik-Großforschungszentrum gibt es in Deutschland bis heute nicht. Als Alternativentwurf hat Fraunhofer zwar die „Forschungsfabrik Mikroelektronik Deutschland“ (FMD) gegründet. Dabei handelt es sich aber um einen virtuellen Verbund von 13 aufs ganze Bundesgebiet verteilten Chipforschungs-Instituten.

Das IMEC im belgischen Löwen ist Europas größtes Mikroelektronik-Forschungsinstitut. Foto: IMEC
Das IMEC im belgischen Löwen ist Europas größtes Mikroelektronik-Forschungsinstitut. Foto: IMEC

Sachsen hatte nach der Jahrtausendwende noch einmal Versuche für eine kleine Imec-Lösung unternommen: Die freistaatliche Regierung wollte die Belgier überreden, in Dresden eine Imec-Außenstelle aufzubauen. Aber auch daraus wurde nichts.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Auskünfte B. Junghans, Isit, X-Fab, Oiger-Archiv

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger