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Zielsuch-Zerstörer gegen Bauchspeicheldrüsen-Krebs

Radioliganden sind Zielsuch-Moleküle, die sich - je nach Programmierung - zum Beispiel an Krebszellen anheften und dort dann ihre radioaktive Fracht freisetzen. Dadurch zerstören sie vergleichsweise genau die Metastasen, während das gesunde Gewebe ringsum geschont wird. Visualisierung: KI ChatGPT, Prompt: Heiko Weckbrodt
Radioliganden sind Zielsuch-Moleküle, die sich – je nach Programmierung – zum Beispiel an Krebszellen anheften und dort dann ihre radioaktive Fracht freisetzen. Dadurch zerstören sie vergleichsweise genau die Metastasen, während das gesunde Gewebe ringsum geschont wird. Visualisierung: KI ChatGPT, Prompt: Heiko Weckbrodt

Trimt Radeberg will Radiopharma-Diagnosemittel auch für Kampf gegen Metastasen fit machen – Geld für klinische Studie fehlt aber

Radeberg, 26. Januar 2026. Wer an der Bauchspeicheldrüse („Pankreas“) an Krebs erkrankt, sieht schwarz: Nur etwa ein Zehntel der Pankreaskrebs-Patienten lebt fünf Jahre nach der Diagnose noch. Denn diese Tumore liegen tief im Bauchraum, sind schwierig wegzuoperieren oder mit klassischen Strahlenkanonen zu zerstören. Zudem streuen sie ihre Metastasen in weitem Umkreis. Mit einem modernen Zielsuch-Strahlenmedikament will „Trimt“ aus Radeberg dies ändern.

Radioaktiv aufgeladenes Molekül heftet sich punktgenau an Biomarker von Krebszellen an

Das junge Unternehmen hat nämlich das – ursprünglich in München entdeckte – Radiopharmazeutikum „Trivehexin“ mit kurzzeitig strahlenden Gallium-68-Isotopen aufgeladen und so „programmiert“, dass es Pankreas-Krebszellen findet. Dann heftet sich das Präparat an die dort konzentrierten Kennzeichen-Moleküle (Biomarker) vom Typ „ανβ6-Integrin“ an und macht diese durch seine Strahlung in Positronen-Emissions-Tomographen (PET) sehr genau sichtbar – so dass die Onkologen dann zielgerichter gegen die Wucherungen vorgehen können.

Blick in eines der Labore bei Cup Radeberg. Foto: Heiko Weckbrodt
Blick in eines der Labore bei Cup Radeberg. Foto: Heiko Weckbrodt

Trimt-Team: Diagnostikum lässt sich zum Therapeutikum weiterentwickeln

Inzwischen ist das vierköpfige Trimt-Team allerdings überzeugt, dass dieser Radioligand nicht nur für solche Diagnose-Zwecke taugt, sondern auch als Therapeutikum. Sprich: Mit seiner kurzzeitig radioaktiven Fracht könnte das Zielsuch-Molekül selbst einzelne Metastasen und komplette Tumore nicht nur aufspüren, sondern sogar punktgenau zerstrahlen. Sollten sich diese – bisher im Labor und an Versuchstieren nachgewiesenen – Effekte tatsächlich ohne allzu viele Nebenwirkungen auf den Menschen übertragen lassen, könnte dies den besonders komplizierten Kampf gegen Bauchspeicheldrüsen-Krebs deutlich verbessern.

Dirk Freitag-Stechl hat seine CUP-Laboratorien in Radeberg gerade erst noch mal für 4,4 Millionen Euro ausgebaut, weil die Nachfrage für Radiopharmaka-Labortests so groß ist. Foto: Heiko Weckbrodt
Dirk Freitag-Stechl. Foto: Heiko Weckbrodt

Wir sind überzeugt, damit ein Therapeutikum gegen ganz viele Krebsarten gefunden zu haben.“
Trimt-Mitgründer Dirk Freitag-Stechl

Dirk Freitag-Stechl, der Trimt im Jahr 2021 als Schwesterunternehmen seines Radiopharma-Labors „Cup“ in Radeberg gegründet hatte, sieht sogar noch weitergehende Anwendungschancen auch jenseits von Pankreas-Krebs: „Wir sind überzeugt, damit ein Therapeutikum gegen ganz viele Krebsarten gefunden zu haben“, sagt er. Denn das Präparat hat sich bei Laborexperimenten auch an Zellen von Lungen-, Hirn- und anderen Krebsarten angeheftet. „Was wir jetzt brauchen, sind Investitionen in klinische Studien“, appellierte er bei einem Besuch des sächsischen Wirtschaftsministers Dirk Panter (SPD) an den Politiker. Denn sein CUP-Labor hat zwar weltweit einzigartige Prüfverfahren für neue radiopharmazeutische Präparate entwickelt und hat dafür auch zahlreiche Kunden. Doch solche Laborprüfungen ersetzen keine klinische Studie, ohne die kein neues Medikament eine Zulassung in Europa bekommt. Und solche Studien kosten viele Millionen Euro – Geld, das sich Nachwende-Gründungen wie Cup oder Trimt nicht mal ansatzweise leisten können.

Seit Ende der DDR-Kombinate ist Sachsens Pharma-Industrie zu kleinteilig, um klinische Studien stemmen zu können

Und solch eine Konstellation ist kein Einzelfall in der kleinteiligen Wirtschaft, die nach der Wende und dem Ende der großen DDR-Kombinate in Sachsen nachgewachsen ist: Das Unternehmen ABX, das ebenfalls in Radeberg residiert, war an der Entwicklung des strahlenden Zielsuch-Medikaments „Pluvicto“ gegen Prostata-Krebs wesentlich mitbeteiligt. Letztlich lizenzierte ABX das Präparat aber an das US-Unternehmen „Endocyte“ weiter, weil dem vergleichsweise kleinen sächsischen Radiopharma-Hersteller die Ressourcen fehlten, Studien, Zulassungsverfahren und weltweite Vermarktung selbst zu stemmen. Inzwischen gehört das Mittel zum Produktportefeuille des Schweizer Pharmakonzerns „Novartis“. Auch jenseits der Radiopharmazie gibt es immer wieder Beispiele von sächsischen Biotech-Unternehmen, die vielversprechende Innovationen in der Pipeline haben, aber nicht das Kapital für großangelegte klinische Studien. Deshalb mehren sich sowohl aus dem in Dresden und Radeberg konzentrierten Radiopharma-Verbund „Nuklid“ wie auch aus Sachsens Biotech- und Medizinbranche die Wünsche, dass der Freistaat ein Studien-Zentrum für eben solche Konstellationen einrichtet – und letztlich auch finanziert.

Dirk Panter. Foto: Jürgen Lösel für das SMWA
Dirk Panter. Foto: Jürgen Lösel für das SMWA

Wirtschafts-Panter: Radiopharma soll für Sachsen ähnliche Erfolgsgeschichte wie Mikroelektronik werden

Auf neue kostspielige Förderprojekte mochte sich Wirtschaftsminister Panter vorerst nicht festlegen. Denn ohnehin hat die Radiopharma-Branche bereits andere Wünsche geäußert: beispielsweise nach staatlich finanzierten neuen Ringbeschleunigern oder gar einem Forschungsreaktor, um mehr strahlende Anti-Krebs-Medikamente im Freistaat herstellen zu können. Allerdings will der Minister zumindest prüfen lassen, was für das Land machbar ist. „Ähnlich wie in der Mikroelektronik will Sachsen auch in der Radiopharmazie ein weltweit mitführendes Cluster sein“, erklärte Panter. „Dafür sind allerdings noch Investitionen nötig und dazu bedarf es auch einiger Absprachen mit dem Bund.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Geschäftsführer von Cup, Trimt und ABX, SMWA, Oiger-Archiv, Wikipedia

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger