Neue Zyklotrone sollen Radiopharma-Riesen nach Sachsen locken

„Eckert & Ziegler“ schlägt Wirtschaftsminister privat-staatliche Mischfinanzierung für fehlende Isotopen-Produktionsanlagen vor
Dresden, 10. Januar 2026. „Sachsen bringt beste Voraussetzungen mit, um sich langfristig als führender Standort für radiopharmazeutische Technologien zu etablieren.“ Das hat Vorstand Gunnar Mann von „Eckert & Ziegler“ bei einem Besuch von Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) im Unternehmen eingeschätzt.
Der Radiopharma-Anlagenhersteller will auch eigene Investitionen für den strahlenden Kampf gegen Krebs und andere schwere Krankheiten beisteuern: Im Gewerbegebiet Dresden-Rossendorf hat das Unternehmen erst kürzlich neue Fabrikgebäude für Heißzellen eröffnet – und nebenan bereits die Bodenplatte für ein eigenes, rund 40 Millionen Euro teures Zyklotron gegossen, das ab 2029/30 medizinische Isotope liefern soll. Darüber hinaus seien aber weitere Isotopen-Produktionsanlagen im Raum Dresden nötig.
Wurzeln in der DDR-Akademie der Wissenschaften
Die Berliner Muttergesellschaft ist eine Nachwende-Ausgründung aus der Akademie der Wissenschaften (AdW) der DDR: 1992 etablierten Dr. Andreas Eckert und Jürgen Ziegler aus dem AdW-Zentralinstitut für Isotopentechnik heraus die „Bebig Isotopentechnik und Umweltdiagnostik“ in Berlin. Bebig spezialisierte sich auf schwach radioaktive Strahlenquellen für Industrie und Medizin. In den Folgejahren wuchs das Unternehmen, 1997 entstand mit „Eckert & Ziegler“ eine Dachgesellschaft für die gewachsenen Töchter. 2005 beteiligte sich die Firma mehrheitlich an einem Zyklotronbetreiber in Adlershof. Ab 2017 kauften „Eckert & Ziegler“ nach und nach auch sächsische Firmen auf. Dabei handelte es sich wiederum größtenteils um Ausgründungen aus einer anderen AdW-Einrichtung: dem früheren Kernforschungszentrum in Dresden-Rossendorf.

Heißzellen aus Dresden weltweit gefragt
Inzwischen beschäftigt die Firmengruppe insgesamt über 1100 Menschen an 20 Standorten in zwölf Ländern. Rund 100 davon arbeiten bei den Dresdner Töchtern wie „Gamma-Service Recycling“ und „Isotope Technologies Dresden“ (ITD). Letztere hat sich auf den Bau von „Heißzellen“ spezialisiert, wobei das „heiß“ eher im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Dabei handelt es sich um millionenteure Produktionsanlagen für kurzzeit-radioaktive Isotope, Medikamente und Prüfsysteme, die besonders strahlensicher konstruiert sind. Das ist auch einer der Gründe, warum es oft Jahre dauert, eine einzige solche Anlage für externe Kunden oder den Eigenbedarf der „Eckert & Ziegler“-Gruppe herzustellen: Die Zellen müssen hochautomatisiert arbeiten. Zudem sorgen Druckluft-Kaskaden im Innern dafür, dass beim Zugriff von Menschen keine Strahlung nach außen gelangt. Die Kaskaden verhindern andererseits, dass „dreckige“ Außenluft die Krebs-Medikamente verunreinigt, die in den abgeschirmten Boxen hinter Bleiglas-Fenstern produziert werden.
ITD verkauft solche Heißzellen weltweit, wobei nicht alle für den Medizinsektor gedacht sind: Ein Teil der Kunden in Deutschland, den USA, Argentinien, Kasachstan und weiteren Ländern nutzt die Dresdner Systeme auch für Sicherheitstechnik, Öl-Exploration, Materialanalysen und dergleichen mehr.

Langer Atem gefragt: Bodenplatte für Zyklotron ist gegossen – doch bis zum 1. Schuss dauert es Jahre
Und ein weiteres Geschäftsfeld steht für die sächsische Tochter bereits auf der Agenda: Um im noch neuen städtischen Gewerbegebiet Dresden-Rossendorf künftig auch eigene strahlende Atomkernvarianten gewinnen zu können, darunter Actinium-Isotope, baut ITD dort auch ein eigenes Zyklotron. Die Bodenplatte ist schon gegossen. Weil der Bau aber technologisch aufwendig und mit vielen behördlichen Genehmigungsverfahren verbunden ist, wird dieser Ringbeschleuniger wohl erst 2029/30 in Betrieb gehen, kalkuliert Vorstand Gunnar Mann.
Staat soll Lückenschlüsse mitfinanzieren
„Eckert & Ziegler“ wäre auch bereit, noch mehr im Freistaat zu investieren: „Für uns ist Sachsen ein attraktiver Standort zügig arbeitenden Genehmigungsbehörden, die sich auch fachlich gut auskennen“, betont Mann. Andererseits sehen die Manager im wachsenden Radiopharma-Verbund „Nuklid“ im Großraum Dresden-Radeberg noch viel Potenzial – bis hin zu Großansiedlungen. „Große Konzerne wie Novartis könnten Sie hier anziehen, wenn man auch Quellen für kurzlebige Nuklide baut“, schlägt „Eckert & Ziegler“-Manager Lars Flemming dem sächsischen Wirtschaftsminister vor. Dafür seien weitere Beschleuniger (oder Meiler) nötig, die auch strahlende Isotope von Blei, Astat oder Yttrium liefern können – alles Schlüsselzutaten für neue Medikamente. Dafür seien aber über das künftige firmeneigene Zyklotron hinaus eben weitere Großinvestitionen um die 50 Millionen Euro nötig, an denen sich der Staat mindestens beteiligen müsste.
Privat-öffentliche Partnerschaft nach belgischem Vorbild vorgeschlagen
Dafür seien auch privat-staatliche Mischfinanzierungen denkbar, ergänzt Vorstand Mann: Er verweist auf Belgien, wo sich der Staat als Anteilseigner an Kosten, aber auch an Gewinnen solcher Großanlagen beteilige – inzwischen sei das kleine Königreich der wohl wichtigste Radiopharma-Standort in Europa.
Vorschlag stößt bei Sachsenfonds-Fan Panter auf offene Ohren
Ähnliche Konstrukte kann sich auch Panter vorstellen: Der Minister plädiert ohnehin schon länger für einen „Sachsenfonds“, der wirtschaftliche und infrastrukturelle Großprojekte im Freistaat kofinanzieren soll. Ein privat-staatlicher Mischfonds, der die fehlende Zyklotrone, vielleicht sogar Atommeiler für die Radiomedizin-Produktion in Sachsen mitfinanziert, wäre nicht weit weg von dem ohnehin geplanten Sachsenfonds-Konzept.
Zudem gibt es für solche Partnerschaften langjährige Vorbilder im Freistaat: Das Mikroelektronik-Labor „Namlab“ entstand 2007 in Dresden als Gemeinschaftsunternehmen von TU Dresden und Speicherchip-Hersteller Qimonda. Auch das Fraunhofer-Centrum für Nanoelektronik-Technologien (CNT) geht ursprünglich auf eine 2005 begründete „Public Private Partnership“ (PPP) des US-Prozessorkonzerns AMD, des deutschen Halbleiterherstellers Infineon und der Fraunhofer-Gesellschaft.
Auch Atommeiler steht zur Debatte
Zudem schlägt der ABX-Radeberg-Chef Marco Müller aus dem „Nuklid“-Verbund in eine ähnliche Kerbe: Sein Unternehmen baut bereits das zweite Zyklotron für die Produktion von radiopharmazeutischen Ausgangs-Isotopen, sieht in der dafür sachsenweit eingesetzten Ringbeschleuniger-Technologie aber Wachstums-Grenzen. Sachsen brauche daher einen eigenen Forschungs-Atomreaktor, um neueste Krebstherapeutika massenhaft ausbrüten zu können, fordert Müller, betont aber auch: „Wir würden uns an den Investitionen beteiligen, wenn wir dann den Reaktor mit ausbeuten dürfen.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Vor-Ort-Besuch Eckert & Ziegler Dresden, SMWA, Auskünfte Dirk Panter, Oiger-Archiv, Wikipedia

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