„Sämtliche Chips ausschließlich in Europa herzustellen ist unrealistisch“

Ifo-Studie: Rechnet man Ausrüstungen ein, ist Deutschland schon heute ein Schlüsselland der globalen Halbleiter-Produktion
München, 15. Februar 2025. Ohne deutsche und europäische Zulieferungen würden viele Chipfabriken weltweit über kurz oder lang zum Erliegen kommen oder müssten auf suboptimale Lösungen umgerüstet werden: Unternehmen wie Zeiss und Jenoptik zum Beispiel liefern wichtige Komponenten für klassische wie auch EUV-Belichter, die wiederum von der niederländischen ASML an Halbleiterriesen auf der ganzen Welt verkauft werden. Tekscend und das AMTC in Dresden erzeugen Chip-Belichtungsmasken, Siltronic steuert Silizium-Wafer bei und FCM Freiberg ist Marktführer für viele Verbindungshalbleiter-Wafer. Und die Reihe ließe sich fortsetzen. „Betrachtet man nicht nur den Handel mit fertigen Chips, sondern auch das Equipment zur Herstellung und die Rohmaterialien, exportiert Deutschland mehr als es importiert“, streicht deshalb Außenwirtschafts-Expertin Lisandra Flach vom Münchner Ifo-Institut heraus. Insofern gehöre Deutschland bei der globalen Halbleiterproduktion zu den neun wichtigsten Ländern weltweit.
Studie: Sorgen vor Asiens Dominanz sind unbegründet, Abhängigkeit ist wechselseitig
Darüber hinaus sind Deutschland und Europa in der Produktion vieler Spezialchips, -sensoren und -mikrosystemen führend, beispielsweise bei Leistungshalbleitern, optischen Chips oder die Mikrelektromechanischen Systeme (Mems) von Bosch und NXP, die weltweit in zahlreichen Smartphones, Autos und anderen Maschinen stecken. Insofern seien die vielbeklagten Abhängigkeiten Europas von Schaltkreisen aus Asien relativ, meint Flach: „Abhängigkeiten in der globalen Halbleiterproduktion sind nicht einseitig, sondern wechselseitig.“
Taiwan und Südkorea dominieren Highend-Chipproduktion und Speichermarkt
Mit großen Abstand führend sind allerdings Taiwan, Südkorea und die USA bei der Produktion neuester Prozessoren und Speicher, deren kleinste Strukturen nur noch wenige Nanometer messen. In diesem Massengeschäft ist Europa weit abgehangen. Ähnliches gilt für moderne 3D-Chipmontagetechnologien nach dem Chiplet-Prinzip, das ebenfalls stark von TSMC in Taiwan dominiert wird. Hinzu kommen die etwas älteren Chipgenerationen, deren Massenproduktion sich in wachsendem Maße in China konzentriert – wobei das Reich der Mitte auch im Spitzensegment langsam Boden gut macht. Und ein Großteil der Chipendmontage-Fabriken („Backend“) ist ohnehin bereits seit Dekaden in Asien angesiedelt, unter anderem in Singapur, Malaysia und China. Unterm Strich produzieren allein Südkorea, Taiwan, Singapur, Malaysia und China über 50 Prozent der Chips, mit denen weltweit gehandelt wird.
Planvorgaben aus EU-Chipgesetz oder Handelskriege gegen China sind „wenig zielführend
In der Konsequent zieht die Ifo-Ökonominnen den Sinn und Zweck von Europas Aufholjagd bei den globalen Chipproduktions-Marktanteilen, wie sie im EU-Chipgesetz fixiert ist, erneut in Zweifel: „Sämtliche Chips künftig ausschließlich in Europa herzustellen, ist ebenso mit hohen Unsicherheiten verbunden und wenig realistisch“, meint Studien-Koautorin Dorothee Hillrichs. „Auch mit Handelsbeschränkungen oder Exportkontrollen auf die vermeintliche chinesisch-taiwanesische Dominanz zu reagieren, ist nicht zielführend. Stattdessen sollten Regierungen differenzierte politische Ansätze in Betracht ziehen, die Innovation in jeder Phase des Produktionsprozesses fördern, von der Entwicklung und Herstellung bis hin zur Montage, Prüfung und Verpackung.“
Kommentar: „Stärken stärken“ funktioniert offensichtlich – die Ansiedlung auf der „grünen Wiese“ nicht unbedingt
Hintergrund: Europa will seit Jahr und Tag seinen Marktanteil in der weltweiten Mikroelektronik-Produktion von sieben bis zehn Prozent derzeit auf 20 Prozent hochtreiben. Schon im ersten Versuch vor über zehn Jahren war die EU damit gescheitert, hat aber in ihren „Chipgesetz“ einen neuen Anlauf dafür festgeschrieben. Viele Branchenbeobachter halten diese Zielvorgabe aber für stark unterfinanziert und irrealistisch. Zudem waren mit der Intel-Großansiedlung in Magdeburg und der Wolfspeed-Ansiedlung im Saarland erst kürzlich zwei hochsubventionierte Vorzeigeprojekte des EU-Chipgesetzes gescheitert. Allein in Dresden, wo es bereits ein funktionierendes Halbleiter-Ökosystem gibt und teils schon zu DDR-Zeiten gab, kommen die Chipgesetz-Projekte voran, darunter der Bau einer TSMC-Europafabrik, der Ausbau der Infineon-Fabs und die 3D-Chipmontage-Pilotlinie Apacs. Gerade aber die führenden Positionen in der Ausrüstungsindustrie und im Cluster Dresden heißen wohl eher: Europa sollte seine vorhandenen Stärken in diesem Sektor stärken – aber nicht jegliche wirtschaftspolitische Initiativen in diesem Sektor einstellen.
Wichtig wäre es dann aber auch, dass sich Europa nicht mit den US-Wirtschaftskriegen gegen China und andere Länder gemein macht. Die haben nämlich nur wenig „nationaler Sicherheit“ zu tun, wie auch unter Joe Biden behauptet, sondern mit den Versuchen der USA, eigene wachsende Rückstände machtpolitisch auszugleichen und das Rad der Zeit bei Freihandel und Globalisierung zurück zu drehen. Und gerade dies liegt ganz und gar nicht im deutschen oder europäischen Interesse.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Ifo München, Oiger-Archiv
Wissenschaftliche Publikation:
„Complexities and Dependencies in the Global Semiconductor Value Chain” von Dorothee Hillrichs und Anita Wölfl, in: „EconPol Policy Report 54“, 2025, Fundstelle im Netz: https://www.econpol.eu/publications/policy_report_54/dependencies_in_the_global_semiconductor_value_chain

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