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US-Chipindustrie sorgt sich um Führungsposition

Die US-Mikroelektronik - hier ein Intel-Wafer - dominiert mit 55 % Anteil ganz klar den Halbleiter-Weltmarkt. Europas Antel wrd auf nur 6 % geschätzt. Foto: Intel

Foto: Intel

Verband SIA fordert mehr wirtschaftspolitische Unterstützung für die Halbleiter-Branche

Washington, 9. April 2019. Manager und Wirtschaftspolitiker in den USA sorgen sich, dass ihr Land seine internationale Spitzenposition in der Mikroelektronik verlieren könnte. Denn China holt in diesem Sektor rasch auf. Zudem bereitet der Fachkräftemangel der Industrie wachsende Probleme – nicht zuletzt verstärkt auch durch den restriktiven Einwanderungskurs von Präsident Donald Trump (Republikaner). Ähnlich wie in Deutschland und Europa wird daher auch in den USA der Ruf nach einer aktiveren Industriepolitik lauter.

Wackelt die jahrzehntelang gepflegte Dominanz?

Zwar dominiert die US-Halbleiterwirtschaft immer noch den Mikroelektronik-Weltmarkt sowohl quantitativ als auch qualitativ. Intel ist der weltweit größte Produzent von mikroelektronischen Bauelementen mit einem Umsatz im Jahre 2018 von mehr als 70 Milliarden US-Dollar, obwohl inzwischen vom südkoreanischen Samsung zeitweilig eingeholt. Auch ist Intel gemeinsam mit dem taiwanesischen Unternehmen TSMC und Samsung eines von weltweit nur drei Halbleiterunternehmen, die die Produktion von den derzeit kleinsten Strukturen um die fünf Nanometer (Millionstel Millimeter) für Halbleiterchips beherrschen. Aber auch im Design von Halbleiterchips sind die USA führend. Und mit der Firma Nvidia residiert in den Vereinigten Staaten ein Champion für Elektroniklösungen im Segment für „Künstliche Intelligenz“ (KI).

SIA legt Forderungskatalog vor

Trotzdem wächst die Sorge in den USA, diese Führungsposition zu verlieren. Deshalb hat die Industrievereinigung der Halbleiterindustrie, die „Semiconductor Industry Assoziation“ (SIA) mit Sitz in Washington, in diesem Monat einen dringenden Appell an die Regierung gerichtet, die Halbleiterindustrie mit folgenden Maßnahmen massiv zu unterstützen:

1.Mehr Forschungs-Investitionen

Verdreifachung der Investitionen in die Halbleiterforschung auf fünf Milliarden Dollar pro Jahr, sowie Verdoppelung der Investitionen in halbleiternahe Bereiche (Materialforschung, Computer, angewandte Mathematik für Anwendungen wie KI, Quantenrechner und drahtlose Netzwerke).

2.Mehr qualifizierte Zuwanderung und Ingenieur-Ausbildungsoffensive

Weniger Begrenzungen für die Einwanderung von hochqualifizieren Personal mit Kenntnissen in den Ingenieur- und Naturwissenschaften, dafür 50 Prozent mehr Investitionen in die Ausbildung von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Außerdem sollte eine nationale Initiative gestartet werden, um die Zahl der amerikanischen Absolventen in den Ingenieur- und Naturwissenschaften bis 2029 zu verdoppeln.

3.Anti-Copy-Cat-Initiative

Freier Zugang zu globalen Märkten und Schutz des geistigen Eigentums durch Bestätigung und Modernisierung von Handelsverträgen, um Handelsbarrieren zu beseitigen und fairen Wettbewerb zu ermöglichen, sowie geistiges Eigentum zu schützen. Außerdem sollten die Mittel für die Durchsetzung von Rechten und für Geheimdienste erhöht werden, um den Diebstahl von geistigem Eigentum zu verhindern und zu verfolgen.

Hightech-Initiative „China 2025“ vor Augen

Auslöser dieser Initiative sind die ernsthaften Bemühungen Chinas, im Rahmen des staatlichen Programms „China 2025“ bis zum Jahre 2015 die führende Position in einer Reihe strategischer Industrien, darunter der Mikroelektronik, zu übernehmen. Die dabei erreichten Fortschritte sind unübersehbar. Bereits in diesem Jahr wird China einen Anteil von 16 Prozent an der weltweiten Produktion von Halbleiterbauelementen und bis 2020 einen Anteil von 20 Prozent erreichen.

Chinesen denken nicht nur an ihre Handelsbilanz

Das ist für China nicht nur wegen seiner Handelsbilanz wichtig, sondern auch, um sich unabhängiger von politischem Druck aus dem Ausland zu machen. Nachdem die amerikanische Administration unter Trump die chinesische Telekommunikationsfirma ZTE durch das Verbot der Lieferung von mikroelektronischen Bauelementen nahezu in die Insolvenz getrieben hatte, hat China seine Bemühungen um Importunabhängigkeit verstärkt.

Logo: Huawei

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Huawei-Streit heizt Chinas Autonomiekurs an

Und der neuerliche Streit um Huawei gibt ihnen Recht: Die US-Amerikaner hatten zuletzt den Druck auf Deutschland und andere europäische Verbündete verstärkt, die neuen 5G-Mobilfunknetze nicht mit chinesischer Technik aufzubauen. Offiziell begründeten dies die Amerikaner mit ihrer Sorge von chinesischer Spionage durch mögliche geheime „Hintertüren“ in der Huawei-Technik. Branchenbeobachter vermuten allerdings auch andere Motive: Womöglich hofft Trump darauf, den Verkauf von US-Netzwerktechnik, die zuletzt gegenüber den chinesischen Ausrüstungen technologisch etwas ins Hintertreffen geraten ist, wieder anzukurbeln. Zudem würde chinesische Netzwerktechnik wiederum die Zugriffsmöglichkeiten von US-Geheimdiensten auf den Daten- und Nachrichtenverkehr der Verbündeten erschweren.

EU-Aufholjagd geriet zum Schneckenlauf

Die EU hatte vor sechs Jahren auch ein Konzept, die Mikroelektronik in Europa zu stärken, um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu erhalten. Das Programm 10-100-20 sah vor, bis 2020 wieder einen Anteil Europas an der weltweiten Produktion von Halbleiterbauelementen von 20 Prozent zu erreichen. Im Gegensatz zu den Chinesen wurde dieses Ziel massiv verfehlt. Heute liegt der Anteil Europas an der weltweiten Halbleiterbauelemente-Produktion unter fünf Prozent. Das ist aber nur der quantitative Anteil. Qualitativ hat Europa den Anschluss an die Weltspitze verloren. Es gibt keine europäische Halbleiterfirma mehr, die in der Weltspitze technologisch mitmischen kann. Wegen Europa muss sich die amerikanische Halbleiterindustrie keine Sorgen machen.

Autoren: Bernd Junghans und Heiko Weckbrodt

Bernd Junghans. Foto: privat

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