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„Als wir träumten“: Gestrandet im Nichts

High Life nach dem Zusammenbruch des alten Systems mit seine Ordnung: Dani (links, Merlin Rose) und Rico (Julius Nitschkoff) klatschen bei rasender Fahrt durch Leipzig über dem geklauten Auto ab. Foto: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

High Life nach dem Zusammenbruch des alten Systems: Dani (links, Merlin Rose) und Rico (Julius Nitschkoff) klatschen bei rasender Fahrt durch Leipzig über dem geklauten Auto ab. Foto: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Die Verfilmung des Nachwenderomans von Clemens Meyer startet morgen in den Kinos

Der Film „Als wir träumten“ nach dem gleichnamigen Roman von Clemens Meyer erzählt die Geschichte von fünf Freunden im Leipzig der Nachwendezeit. Das Buch galt eigentlich als nicht verfilmbar. Regisseur Andreas Dresen („Sommer vorm Balkon“) ist dennoch ein authentischer Einblick in die Lebenswelt einer verlorenen Generation gelungen.

Leipziger Jugendclique im Fokus

Alles beginnt mit der Dunkelheit: Eine schwarze Leinwand, ein schmaler Lichtstrahl, der nervös herumflackert, ein Kinosaal, zerborsten, zerstört, verlassen. Eine abgehalfterte Ruine mit Sitzreihen. Darauf Mark (Joel Basman). Dani (Merlin Rose) findet ihn endlich. Nur sparsam lässt der Lichtkegel sein Gesicht erscheinen. Mark bleibt durch die Kamera unscharf. Klar ist er nämlich schon lange nicht mehr. Der symbolische letzte Schritt vor dem Ende.

Werbevideo (Pandorafilm):


Letztlich waren es die Drogen, die sich dazwischenschoben. Auch. Nicht als einziges, wohl aber als destruktivstes Element der wilden Leipziger Nachwendezeit. Sie rammten sich zwischen die Freundschaft der fünf Jungs, die Verbundenheit seit Kindertagen und auch zwischen die Zukunft. Da gerinnt Pitbull (Marcel Heuperman) zum Dealer und versorgt Mark mit Stoff. Der drückt und drückt und stirbt daran. Rico (Julius Nitschkoff) hat das Boxen aufgegeben und sucht sein Heil nun ebenfalls im schnellen Rausch. Versorgt sogar Sternchen (Ruby O Fee), die große Liebe Danis, heimlich auf der Toilette mit Stoff.

Pornokino als Heimat

Der Nachwenderoman „Als wir träumten“ war Clemens Meyers Debüt und gleichzeitig sein großer Durchbruch. Die Republik – vor allem die Rezensenten aus dem westlichen Teil – feierten die Darstellung der Unterwelt. Das hat Meyer damals nicht so richtig verstanden. Hat er doch nur über die Jugend, auch über seine Jugend geschrieben. Eine Welt, wie sie viele kannten, bei denen die wilden anarchischen Neunziger mit der Pubertät zusammenfielen. Eine Welt, in der Nazis auf Punks trafen und umgekehrt, Drogen das Land fluteten und die Technoparties als musikalisches Auffangbecken die Städte und Dörfer eroberten oder die Kids in den Drogensog zogen.

Rico (Julius Nitschkoff) sitzt die Knarre locker. Foto: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Rico (Julius Nitschkoff) sitzt die Knarre locker. Foto: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Und schon sind wir wieder in der Dunkelheit. Im Saal des verlassenen alten Kinos. Damals haben die Jungs hier noch Filme gesehen. Pornos und Actionstreifen, ein Stück Heimat, es war warm und irgendwie geborgen. Fern von den angestrengten, streitenden und verzweifelten Eltern. Das Leben lag (hier) vor ihnen. Ganz ohne Regeln, eine große Spielwiese der Freiheit, alles schien möglich. Wenn nicht zwischendurch das leere Gefühl des Verlorenseins immer wieder zum großen Sprint ansetzte.

Eigentlich galt das authentische Buch als nicht verfilmbar. Nicht, weil der Inhalt an sich nicht darstellbar gewesen wäre. Doch Clemens Meyer hat die Handlung wie in einem Kunstwerk auf verschiedenen Zeitebenen miteinander verschränkt. Die Handlung im Roman hüpft von der späteren Jugend mit 17, als Mark schon fast tot ist, zur Kindheit und wieder zu den Erlebnissen dazwischen. Insofern ist es nachvollziehbar, dass der Film das Buch weder identisch abbilden kann, noch dieselbe Wucht entwickelt.

Eine Zeit ohne Lobby

Trotzdem: Regisseur Andreas Dresen hat sich allergrößte Mühe gegeben und eine verlorene Zeit – eine schon längst wieder vergrabene Zeit ohne Lobby – an das Tageslicht geholt. Er hat die alten Klamotten ausgepackt, die großen Brillen, das fahle Straßenlicht, die grauen Fassaden der heruntergekommenen Altbauten. Er hat Schlägereien inszeniert, brutale Nazis, illegale Technoschuppen. Er hat das Lebensgefühl eingefangen, das in dieser Zeit gleichsam quälte und faszinierte, abhängig von der eigenen Biographie, von Eltern, von Zufällen. Er zeigt, wie Zerstörung aus Spaß funktioniert, die Jungs in Trance Autos knacken und verzweifelt verliebt sind, wie sie euphorisch verloren durch die Straßen ziehen und Rico bei Boxkämpfen zufiebern.

Die Leipziger Clique gerät der Polizei in die Fänge. Foto: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Die Leipziger Clique gerät der Polizei in die Fänge. Foto: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Leben als Eroberung und Größenwahn

Der Regisseur zeigt das Vakuum, in dem die Grenze zur Illegalität verschwimmt. Feste Normen gibt es sowieso nicht mehr. Der Schulleiter ist jetzt Hausmeister. Das, was zählt, ist Leben als Eroberung und Größenwahn. Die Jungen lieben Fußball und Mädchen, saufen und klauen, randalieren und schlagen. Bis die Delikte schwerer und die Konsequenzen härter werden.

Dresen schickt den Zuschauer auf eine Reise – und viele Betrachter von außen, die weder Zeit noch Ort teilen – werden vielleicht von der Gewalt schockiert sein. Der Regisseur habe noch nie solchen brutalen Film gemacht, heißt es. Die gezeigte Härte könne für viele Zuschauer eine Hürde sein, mutmaßt er selbst.

Brutalität wirkt schmeichelhaft

Allerdings: Die Brutalität, die Leere und die Unbarmherzigkeit, die Meyers Schilderungen im Buch so authentisch und einzigartig machen, wirken bei Dresen fast schmeichelhaft. Man könnte fast sagen, er hat „Als wir träumten.light“ gedreht. Eine leichte Variante des schweren Romans. Eine verdauliche Version des Stoffs, der sonst nicht so leicht zu verdauen ist. Zusammen mit Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaas setzt Dresen die Schwelle niedriger, sich auf diesen räudigen Ausflug in die Nachwendezeit einzulassen.

Lebensgefühl der 90er konserviert

Darin liegt vielleicht auch sein großer Verdienst. Er hat ein Stück Leben und Lebensgefühl konserviert, für die Nachwelt nachvollziehbar gemacht. Und für das eigene Erinnern rekapitulierbar. Natürlich ist die Handlung in das Gewand der Fiktion gekleidet, Parallelen von damals jedoch nicht zu bestreiten. Wichtig: Hier geht es nicht um die DDR, die Stasi oder irgendwelche ehemaligen Funktionäre. Es geht um die, um die es noch nie ging.

Portrait einer Generation

Clemens Meyer, Jahrgang 1977 war im Jahr 2006, als sein Roman erschien, einer der ersten, der sich aus der Nachwende-Generation zu Wort meldete und publizistisch wahrgenommen wurde. Auf 518 Seiten zeichnete er in seinem autobiographischen Roman das Portrait einer Generation, die im Ostdeutschland der 90er Jahre erwachsen wurden. Die gestrandet ist im Nichts, losgelöst von alten sozialistischen Strukturen. Deren Eltern sich oft trennten, ihre Arbeit verloren, oder desorientiert herumirrten. Die mit ihrer Existenz kämpften, erfuhren, dass engste Freunde Stasi-Spitzel waren. Die ihre neue Freiheit ausloten oder ihr Wertsystem anpassen mussten.

Zarte Jugendliebe: Katja (Luna Rösner) und Dani (Chrion Elias Krase) waren DDR-Pioniere. Foto: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Zarte Jugendliebe: Katja (Luna Rösner) und Dani (Chrion Elias Krase) waren DDR-Pioniere. Foto: Rommel Film / Pandora Film / Foto: Peter Hartwig

Vakuum mit Nazis, Punks und Dealern

Hereingefallen in ein Vakuum, einen anarchischen Raum, in dem Nazis und Punks, Dealer, Schlägertruppen und organisierte Kriminelle um Deutungshoheit kämpften. Wer seine Jugend bis zum 18. Lebensjahr nicht im Wohnzimmer oder bei Sportvereinen verbrachte, kam früher oder später entweder unter die Räder oder rutschte in diesen Raum. Wurde Nazi oder auch Punk, kannte Dealer oder zog selbst Koks oder Speed. Schöne neue Welt im Rausch. Uwe Böhnhardt vom NSU-Trio ist übrigens der gleiche Jahrgang wie Meyer. Nur gehörte er zu der anderen Seite. Zu den Nazis und den Faschos, die durch die Lande zogen, um Russen zu klatschen und „Fidschis“ zu jagen.

Die dritte Generation Ost erlangte erst spät ihre Stimme. Bekannt wurde sie vor allem durch die Berliner Truppe, die ihre ostdeutsche Jugend und Prägung thematisierte. Heute streckt sich dieses Netzwerk über ganz Deutschland, Europa und die USA. Zahlreich erschienen Bücher, es gab Workshops und Podiumsdiskussionen. Selbst Bundespräsident Joachim Gauck kam einmal vorbei, um zu erfahren, was sich außerhalb der Bürgerrechtsbewegung noch so abspielte. Die Nachwende-Generation hat an Selbstbewusstsein gewonnen. Auch, weil ihr jetzt endlich mal zugehört wird. Clemens Meyer hat den Anfang gemacht, der Film setzt jetzt noch eins drauf.

Leipzig verlor fast 200.000 Einwohner

Leipzig hat als Industriestadt nach der Wende fast 200.000 Einwohner verloren. Das sind knapp so viele Menschen, wie in Erfurt heute insgesamt leben. Wer kurz nach 2000 den Leipziger Osten erkundete – in dem auch getreu dem Roman ein Großteil des Films abgedreht wurde – konnte vieles noch sehen: Die alten Fabriken und leeren Straßenzüge, das karge Licht, muffige Kneipen und verlotterte Gestalten. Überhaupt ein Stadtviertel, das fast komplett verlassen schien.

Heute gibt’s Lofts statt Ruinen

Jetzt sind die Häuser saniert, die Straßen hell, Gardinen in den Fenstern. Kinderwagen werden über das Kopfsteinpflaster geschoben. Die alte Fabrik am S-Bahnhof Anger-Grottendorf hat sich in den vergangenen Jahren zum Geheimtipp entwickelt. Noch zur Jahreswende reckten sich die Leipziger Ostler auf dem obersten Balkon gen Nachthimmel. Jetzt ist alles verbarrikadiert, neue Loftwohnungen entstehen. Damit wird ein Kapitel der Nachwendezeit und ihrer Jugend zugeschlagen. Andreas Dresen hat es für uns visuell aufgehoben. Als wir träumten. Als wir weinten. Als wir einfach nur erwachsen wurden.

Fazit: angucken!

Diesen Film sollte man unbedingt sehen, diesen Film sollte man nicht verpassen! Autorin: Katrin Tominski

„Als wir träumten“, Drama nach dem Buch von Clemens Meyer, Regie: Andreas Dresen, 117 Minuten

-> Wer Romanautor Clemens Meyer, Regisseur Andreas Dresen, die Darsteller Joel Basman, Merlin Rose oder Marcel Heuperrman kennenlernen will, hat dazu heute (25. Februar 2015)  in Dresden ab 19.30 Uhr im Programmkino Ost und ab 20.45 Uhr in der Schauburg Gelegenheit. Dort wollen sie bei Voraufführungen mit dem Publikum ins Gespräch kommen. Ab morgen ist der Film dann regulär in den Kinos zu sehen (in Dresden im PK Ost, im KiF und in der Schauburg)