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Dresdner Antwort auf Prism und Google

Sächsisches Gegenstück zu "Google": Der "Inter:Gator". Abb.: Interface projects

Sächsisches Gegenstück zu „Google“: Der „Inter:Gator“. Abb.: Interface projects

Suchmaschine von „Interface“ durchforstet in großen Firmen und Ämtern die Datenberge

Dresden, 8. Juli 2013. „Google“ und „im Internet etwas finden“ sind so synonym geworden, dass selbst der Duden „googeln“ in die deutsche Sprache aufgenommen hat. Doch nicht erst seit der Snowden-Abhöraffäre sind viele deutsche Behörden und Mittelständler, die hausintern mit großen Datenmengen jonglieren, skeptisch geworden, einem US-Unternehmen ihre sensiblen Informationen anzuvertrauen. In diese Marktlücke ist „Interface Business“ hineingewachsen: Die vor 20 Jahren von TU-Experten gegründete Dresdner Firma hat ein intuitives Dresdner Pendant der übermächtigen US-basierten Suchmaschine entwickelt, eine Art „Unternehmens-Google“, die in zahlreichen Betrieben, Ministerien und Universitäten intern eingesetzt wird.

Such-Aggregator über Dateiformat-Grenzen hinweg

Wenn Uwe Crenze – einer der Gründer der Interface-Gruppe – seine Suchmaschine „Inter:Gator“ vorführt, sieht es ein wenig so aus, als ob er auf dem Bildschirm mit jenen Plasma-Kugeln jongliere, die in den 80ern so viele Jugendzimmer zierten – und so gar nicht wie die spartanische Trefferliste, die man von Google gewohnt ist. Die Blasen, die der 51-Jährige da mit der Maus hin- und herzupft, die er dreht und wendet, bis sie über dünne Fäden neue Blasen bilden, ziehen ihre Existenz aber nicht aus erregten Ionen, sondern aus den Datenmassen, die heutzutage in jedem größeren Betrieb oder Amt anfallen: E-Mails von Stellen-Bewerbern, elektronische Rechnungen, Produkt- und Personaldatenbanken… und jede davon brät ihre Extrawurst beim Datenformat.

Und hier beginnt eine der Stärken der Dresdner Suchmaschine zu greifen: Sie analysiert all diese Daten über Format- und physische Computergrenzen hinweg, führt sie zu einer universellen Suchdatenbank zusammen, deren Treffer dann in besagter Bläschenform dargestellt werden, damit der Nutzer intuitiv durch Ergebnisse navigieren kann.

„Denken Sie zum Beispiel an einen Personaldienstleister, der schnell einen erfahrenen Projektmanager für einen Hotel-Neubau vermitteln soll“, erläutert Crenze einen typischen Einsatzort für den „Inter:Gator“. „Um da rasch den Mann mit dem richtigen Profil zu finden, muss er die Kontakt-Datenbank, abgespeicherte Lebensläufe, die Erläuterungen der Bewerber im eMail-Verkehr und andere Quellen durchsuchen – und da kommt das Besondere unserer Lösung, die systemübergreifende Suche, zum Tragen.“ Vom „Inter:Gator“ als von einer Suchmaschine zu sprechen, sei eher eine Untertreibung – es handele sich vielmehr um ein Werkzeug für das Wissens-Management großer Organisationen.

Spionage-Angst: Manche Firmen verbieten Google-Nutzung

Uwe Grenze (r.) und Hellfried Lohse mit dem "Inter:Gator" in Aktion. Foto: Heiko Weckbrodt

Uwe Grenze (r.) und Hellfried Lohse mit dem „Inter:Gator“ in Aktion. Foto: Heiko Weckbrodt

Und dieses Werkzeug funktioniert so gut, dass zu den Kunden der Dresdner sowohl kleine Firmen mit einer Handvoll Mitarbeiter gehören, genauso aber Organisationen mit über 100 000 Beschäftigten – das Bundesinnenministerium zum Beispiel, der Fernsehsender „Pro 7“, große Logistikunternehmen, Verwaltungen vieler ostdeutscher Landeshauptstädte und andere. Deren Entscheidung, auf die Dresdner Suchmaschine statt die speziellen Suchlösungen der Konkurrenz aus Übersee zu setzen, hängt indes nicht allein mit der intelligenten und integrativen Treffer-Aufbereitung zusammen oder dem Umstand, dass zum Beispiel „Google“ recht exorbitante Preise für Unternehmens-Suchmaschinen fordert. „Viele Firmen haben es ihren Mitarbeitern regelrecht verboten, selbst für Internetsuchen Google zu verwenden“, verrät Crenze. „Denn wenn ein Wettbewerber oder ein ausländischer Geheimdienst die Suchanfragen aus einem Unternehmen systematisch auswertet, sind Rückschlüsse zum Beispiel auf laufende Forschungsprojekte möglich.“

„Prism“-Abhöraffäre verstärkt Vorbehalte im Mittelstand gegen US-Lösungen

Sein Kollege Hellfried Lohse – wie Crenze einer der Gründer und Chefs der „Interface“-Gruppe – ist sicher: „Besonders Mittelständler haben oft große Bedenken, dass auf diesem Weg Know-How nach China oder sonstwohin abfließt.“ Und diese Bedenken könnten sich, so prognostiziert er, durch die jüngste „Prism“-Affäre um die Lauschangriffe des US-Geheimdienstes NSA auch auf deutsche Netznutzer noch verstärken und deutsche Alternativlösungen wie den „Inter:Gator“ stärken. Die Dresdner haben sich jedenfalls das Ziel gesteckt, in naher Zukunft die Nummer 1 unter den deutschen Unternehmens-Suchmaschinen zu werden.

Von solch hochgesteckten Zielen hätten Lohse und Crenze freilich vor 20 Jahren noch nicht zu träumen gewagt, als sie mit einem Kollegen das Mini-Unternehmen „Interface Business“ gegründeten. Das half zunächst Kundenfirmen, die damals noch mit dem Betriebssystem „UNIX“ arbeiteten, beim Umstieg auf „Windows“, rüstete sie mit moderner Speichertechnik aus und kümmerte sich um andere Computer-Dienstleistungen. „Interface“ löste beispielsweise beim Dresdner Wasserbetrieb WAB die Fax-Verständigung zwischen den einzelnen Standorten durch eine internetbasierte Lösung ab, programmierte auch für das Hochwasserzentrum die automatische Pegelstandabfrage, entwickelte sich zu einem Schlüsselzulieferer von Speichersystemen für AMD, Globalfoundries, Solarworld, die Unis in Dresden, Leipzig und Chemnitz und viele andere Großkunden. Parallel dazu entwickelten die „Interface“-Experten ihre „Inter:Gator“-Suchmaschine.

Laut Angaben der Geschäftsleitung sind zehnprozentige Wachstumsraten pro Jahr Usus. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen 13,6 Millionen Euro um und es beschäftigt inzwischen 44 Mitarbeiter – „vor allem Informatiker“, so Crenze. Heiko Weckbrodt

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