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EU-Kommission: Europa ist zu abhängig von Mikroelektronik aus USA und Asien

Siliziumkarbid-Wafer von Bosch. Die damit hergestellten SiC-Leistungshalbleiter sollen für weniger Energieverluste, schnellere Schaltungen und größere Reichweite von Elektroautos sorgen. Foto: Heiko Weckbrodt
In der Mikroelektronik hängt Europa insgesamt eher hinterher – hat allerdings Stärken in ausgewählten Halbleiter-Sektoren. Hier zum Beispiel ein Siliziumkarbid-Wafer von Bosch. Die damit hergestellten SiC-Leistungshalbleiter sollen für weniger Energieverluste, schnellere Schaltungen und größere Reichweite von Elektroautos sorgen. Foto: Heiko Weckbrodt

Zu wenig Chipdesign, zu wenig Endmontage, keine Mega-Foundry:

Brüssel/Dresden, 15. Mai 2021. Die politischen Forderungen nach massiven staatlichen und überstaatlichen Investitionen in mindestens eine eigene Europa-Halbleiterfabrik auf dem neuesten technologischen Stand werden in Brüssel lauter. Zudem plädiert die EU-Kommission dafür, die europäischen Schwächen im Chip-Design und der Elektronik-Endmontage auszubügeln. Dafür sollten auch die Milliarden aus den Corona-Wiederaufbauprogrammen eingesetzt werden. Das geht aus einer Aktualisierung für die „neue Industriestrategie“ der EU hervor, die die Kommission nun vorgelegt hat.

Für Sub-10-nm-Chips gibt’s weltweit nur 3 große Quellen – in Taiwan, Korea und USA

„Europa ist stark abhängig von den USA bei den Designwerkzeugen und von Asien bei der fortgeschrittenen Chipfabrikation“, warnen die Autoren des Strategiepapiers. In diesen Segmenten haben zwar laut anderen Quellen deutsche Fraunhofer-Institute viel Expertise aufgebaut, doch große und starke Unternehmen in diesen Sektoren sind in Europa dünn gesät. Und für die Produktion von neuester Mikroelektronik mit Strukturen unter zehn Nanometern gibt es für die europäische Wirtschaft eigentlich nur drei Quellen: TSMC in Taiwan, Samsung in Südkorea und – mit Abstrichen – Intel in den USA.

Ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung, doch nur ein Zehntel der Chipproduktion

Ein grobes Missverhältnis sei dabei nicht zu übersehen: Europa erzeugt zwar fast ein Viertel (23 %) der globalen Wirtschaftsleistung und ist dabei auch in hohem Maße von Halbleiter-Zulieferungen abhängig. Doch in der Mikroelektronik-Produktion hat Europa selbst nach den optimistischen EU-Berechnungen höchstens zehn Prozent Weltmarktanteil. Branchenexperten wie IC Insights beziffern den europäischen Anteil sogar nur auf sechs bis sieben Prozent.

Stärken: Ausrüster, Auto- und Stromsparchips

Allerdings hat Europas Mikroelektronik auch Stärken. Die liegen bei Unternehmen wie ASML, die zum Beispiel die weltweit einzige Bezugsquelle für neueste Belichtungsanlagen mit Extrem-Ultraviolett-Strahlen (EUV) für Chipfabrik-Ausrüster sind. Zudem sind Konzerne wie Infineon und Bosch stark in der Automobilelektronik. Zudem bieten Auftragsfertiger wie Globalfoundries besonders stromverbrauchsarme Chips an. Auch gibt es starke Anbieter für analog-digitale Mischlösungen, Sensoren und Leistungselelektronik in Europa.

USA, China, und Korea päppeln ihre Halbleiterwirtschaft gerade auf

Konkrete Einzelvorschläge macht das Strategiepapier zwar nicht. Aber wohin der politische Wind dreht, machen die Verweise auf die milliardenschweren Mikroelektronik-Programme der USA, Chinas und Südkoreas deutlich. Diese Protagonisten wollen nach den Erfahrungen mit Donald Trumps Wirtschaftskriegen, Corona, Suez und anderen jüngeren Störfällen alle ihre gegenseitigen Abhängigkeiten reduzieren – und auch Europa schwenkt da teilweise auf die Eigenversorgungsideen und Subventionswettläufe um. Wie realistisch solche Autarkie-Konzepte für die dicht vernetzte globalen Mikroelektronik-Wertschöpfungsketten umzusetzen sind, bleibt abzuwarten.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: EU-Kommission, Glofo, Oiger-Archiv, IDC, IC Insights

Zum Weiterlesen:

Silsax: Keine Chance auf eine 2-nm-Eurofoundry in dieser Dekade

Kommentar: Europa muss im Chip-Wettlauf endlich aufwachen

Denkfabrik: Eurofoundry würde Milliarden Steuergelder verbrennen

Repro: Oiger, Original: Madeleine Arndt

Heiko Weckbrodt

[caption id="attachment_177887" align="aligncenter" width="155"]Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski Heiko Weckbrodt. Foto: Katrin Tominski[/caption] Heiko Weckbrodt war 16 Jahre als Redakteur bei den "Dresdner Neuesten Nachrichten" tätig und betreute dort neben anderen Themen die Schwerpunkte Wirtschaft, Technologieunternehmen und Forschung sowie die Computerseite. Studiert hat er Publizistik und Geschichte mit dem Fokus DDR-Wirtschaftsgeschichte. Inzwischen ist er als freiberuflicher Journalist tätig und publiziert vor allem auf der Nachrichtenplattfom "Oiger", schreibt aber gelegentlich auch für andere Magazine und Publikationen. Lieblingsbeschäftigung: Lesen! Privat schreibt er über seine Ausflüge auf dem Blog "Reise-Oiger". Heiko Weckbrodt ist Autor der Sachbücher

Profile

Kurzvita:

•  Geboren 1970 • 1991-96 Studium der Geschichte und Publizistik an der Freien Universität Berlin • 1990-1997: zunächst nebenberuflich, später als Vollzeitjob freier Journalist (u. a. Siegener Zeitung, Sächsische Zeitung, Dresdner Neueste Nachrichten) • 1999-2000 Volontariat bei den Dresdner Neuesten Nachrichten • 2000-2014: Redakteur bei den Dresdner Neuesten Nachrichten (u.a. Gerichtsreporter, Sozialpolitik, Wirtschaft, Forschung) • seit 2015: freiberuflicher Journalist und Herausgeber des Nachrichtenportals Oiger