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Mikroelektronik: „Silicon Saxony“ sieht vor 2030 keine Chance auf eine Europa-Foundry

Eine Fraunhofer-Mitarbeiterin zeigt im Reinraum einen 300-mm-Wafer (l.) und eine 450er Scheibe im Vergleich. Abb.: Fraunhofer IISB

Zeitweise waren die Ambitionen der Europäer recht hochgesteckt – auf dem Archivbild zeigt eine Fraunhofer-Mitarbeiterin einen 300-mm-Wafer (l.) und eine 450er Scheibe im Vergleich. Doch aus der vieldiskutierten 450-mm-Chipfabrik für Europa ist nie etwas geworden. Abb.: Fraunhofer IISB

Hightech-Verband setzt eher auf den Ausbau von Chip-Fabriken in Sachsen

Dresden, 1. März 2021. Der sächsische Hochtechnologie-Verband „Silicon Saxony“ sieht vorerst keine Chance für den Plan von EU-Kommissar Thierry Breton, hierzulande bis 2025 eine hochmoderne Halbleiter-Foundry anzusiedeln, die Europas Wirtschaft mit allerneuesten Computerchips der Strukturgeneration „2 Nanometer“ versorgt. Das geht aus einem „Offenen Brief“ hervor, den der Verband heute in Dresden veröffentlicht hat.

Frank Bösenberg. Foto: Silicon Saxony/ PR

Frank Bösenberg. Foto: Silicon Saxony/ PR

„Vision in diesem Jahrzehnt nicht darstellbar“

Die jüngste Initiative von 19 EU-Staaten, mit 145 Milliarden Euro „wichtige Projekte von gemeinsamem europäischen Interesse“ (IPCEI) in Europas Mikroelektronik voranzubringen, sei im Grundsatz richtig, heißt es in dem Brief an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sowie den Bundestag. Allerdings sind Vorstand Heinz Martin Esser und Geschäftsführer Frank Bösenberg von „Silicon Saxony“ auch überzeugt, dass Bretons „Vision in diesem Jahrzehnt nicht darstellbar“ sei. „Dafür fehlen heute und morgen die Voraussetzungen in Europa.“ Machbar sei ein Anschluss ans internationale Spitzen-Niveau vielleicht „in der nächsten Dekade“. Kommissar Breton und dem französischen Finanzministerium wird die seit kurzem zirkulierende Idee zugeschrieben, TSMC oder Samsung dazu zu überreden, in Europa eine große Foundry-Fabrik zu bauen, die hochintegrierte Halbleiter mit sehr feinen Chipstrukturen für die Autoindustrie, 5G-Funk, Künstliche Intelligenz und ähnliche Rechenkraft-hungrige Anwender für den europäischen Bedarf herstellt.

Silicon Saxony hält Subventionsquoten um die 20 bis 40 % für angemessen

Dagegen meint „Silicon Saxony“, Deutschland als Koordinator der zweiten IPCEI-Stufe sollte sich lieber zunächst darauf konzentrieren, das Förderprogramm rasch zu starten, so dass die ersten Projekte vorab am 1. Juli 2021 beginnen könnten. Im Mittelpunkt sollte stehen, die bereits bestehende Halbleiterbranche zu stärken. Dabei sollten EU und Bund die geplanten Chipfabrik-Investitionen zu 20 bis 40 Prozent staatlich subventionieren. Wichtig sei es auch, den Projektpartnern viel Spielraum zu geben. Als Schwere sieht der Vorstand die Ziele, „nötige Forschung, Entwicklung, Innovation und vor allem den Ausbau dringend benötigter Produktionskapazitäten“ zu fördern.

Bernd Junghans. Foto: privat

Bernd Junghans. Foto: privat

Prof. Junghans: Anschluss in sieben oder acht Jahren machbar

Kritik an diesen Positionen von „Silicon Saxony“ kam vom sächsischen Mikroelektronik-Experten Prof. Bernd Junghans, der zu DDR-Zeiten das Megabitchip-Projekt der DDR mitgeleitet hatte. „Bis 2025 her eine 2-Nanometer-Foundry anzusiedeln, mag zwar wirklich überambitioniert sein“, schätzte der Dresdner Vertreter des Leibniz-Instituts für interdisziplinäre Studien aus Berlin ein. Aber binnen sieben oder acht Jahren sei solch ein Ziel durchaus erreichbar – entweder durch den Aufbau einer Europa-Foundry aus eigener europäischer Kraft, durch ein Joint Venture mit international führenden Miktroelektronik-Unternehmen wie TSMC und Samsung oder per Ansiedlungs-Akquise.

Blick in einer der 300-mm-Chipwerke von Foundry-Primus TSMC in Taiwan. Foto: TSMC

Blick in einer der 300-mm-Chipwerke von Foundry-Primus TSMC in Taiwan. Foto: TSMC

Starke Abhängigkeit von Asien kritisiert

„Bei der EU hat man inzwischen verstanden, in welche starke Abhängigkeit die europäische Wirtschaft von Chip-Zulieferungen aus Asien geraten ist“, sagte Bernd Junghans. Doch wenn sich Sachsen als Deutschlands wichtigster Halbleiter-Standort nur auf Fabrikausbauten, Forschungsprojekte und Koordinierung beschränke und lediglich auf Subventionen schiele, werde der Anschluss an die Weltspitze nicht erreicht. Mindestens eine Spitzen-Foundry in Europa, vorzugsweise in Dresden, werde aber gebraucht, um die digitale Souveränität Europas zumindest teilweise wieder herzustellen und die deutsche Autoindustrie von Tropf der Fabriken in Taiwan und Südkorea zu lösen. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass beide Länder mit China und Nordkorea Nachbarn haben, denen eine „Wiedervereinigung“ mit gewaltsamen Mitteln durchaus zuzutrauen wäre. „Und das wäre gar nicht so gut, wenn die modernsten Mikroelektronik-Fabriken der Welt plötzlich in der Hand von Kim Jong Un und Xi Jinping wären“, warnte Junghans.

Mikroelektronik-Veteran: Sachsen hat womöglich Glauben an Hochtechnologiestandort von internationalem Format verloren

Ähnlich kritisch sieht das ein anderer Dresdner Mikroelektronik-Veteran: “Wenn Sachsen und Deutschland diese historische Chance, welche das EU-Papier von 12/20 bietet, von vornherein ablehnen, kommen bei mir  ernsthafte Zweifel auf, ob man überhaupt noch an einen europäischen zukunftsfähigen Hochtechnologiestandort glaubt, welcher dem Anspruch ,technologische Souveränität und Wettbewerbsfähigkeit’ nahekommt”, erklärte Bernd Hunger, der in den 1970ern als „Leiter der Strategischen Planung“ das DDR-Chipforschungszentrum ZMD in Dresden mitformte und 40 Jahre in der Halbleiterbranche bei ZMD , Xfab und MPD tätig war. “Offensichtlich denken hier einige Firmen, daß sie ihre „Nische“ gut eingerichtet haben und sie suggerieren eine trügerische) Sicherheit, zumindest  für die nächsten Börsenjahre.”

 

Heinz Martin Esser. Foto: Fabmatics

Heinz Martin Esser. Foto: Fabmatics

Silicon-Saxony-Vorstand Esser: 2 Nanometer hat für deutsche Autoindustrie derzeit keine Relevanz

“2-Nanometer-Halbleiter haben für die deutsche Autoindustrie im Moment keine Relevanz”, hält “Silicon Saxony”-Vorstand Heinz Martin Esser dagegen. “Da vergehen noch einige Jahre, bis sich das ändert.” Eine Gigafab der diskutierten Klasse würde zudem vermutlich Investitionen um die 15 Milliarden Euro kosten. Dies sei “ein schöner Wunsch, aber auch ein Riesenrad, an dem wir da drehen müssten”, betonte er. Wichtig sei es daher, sich zunächst auf machbare IPCEI-2-Projekte zu konzentrieren, ergänzte Frank Bösenberg. “Das heißt natürlich nicht, dass wir weitergehende Überlegungen blockieren wollen.”

Corona und Trump haben gezeigt, wie verletzbar die Lieferketten sind

Hintergrund: Seit dem Untergang von Qimonda gibt es in Deutschland kein Unternehmen mehr, das Speicher, Prozessoren oder andere Computerchips der höchsten Integrationsstufe massenhaft herstellen kann. Zwar unterhalten Globalfoundries, Infineon, ST Micro, Intel Irland und einige andere Unternehmen durchaus starke Mikroelektronik-Standorte in Europa, die haben sich aber zumeist auf Spezialtechnologien und Chipdesign konzentriert. Sie lassen ihre Halbleiter-Entwürfe für die neuesten Strukturgenerationen – machbar sind in Großserie derzeit Strukturen bis hinunter auf fünf Nanometer – zumeist von Auftragsfertigern (Foundries) in Asien herstellen. Donald Trumps Handelskriege, aber auch die Corona-Krise haben insbesondere der deutschen Leitindustrie – dem Automobilbau – schmerzlich vor Augen geführt, wie schnell Halbleiter-Lieferengpässe in Asien ganze Fabriken in Deutschland stilllegen könnten. Und andererseits führt gerade beim Trend hin zum autonomen Fahren bisher kaum ein Weg

Blick auf die wachsende Bosch-Chipfabrik in Dresden. Foto: Hasselblad für Bosch

Blick auf die wachsende Bosch-Chipfabrik in Dresden. Foto: Hasselblad für Bosch

2. IPCEI ist beschlossene Sache

Und auch in den zwei vergangenen Dekaden war Europas eigener Anteil an der weltweiten Mikroelektronik-Produktion immer weiter gesunken, statt gestiegen, wie von der EU-Kommission gewünscht. Die EU hatte deshalb in den vergangenen Jahren mit Sonderinstrumenten wie den IPCEI-Programmen begonnen, die Mikroelektronik-Subventionsobergrenzen zu lockern. Wohl nur dadurch kam auch der Bau der neuen Bosch-Chipfabrik in Dresden zustande. “Ipecei 1 hat hier am Standort Investitionen für fast vier Milliarden Euro möglich gemacht”, sagte Heinz Martin Esser vom “Silicon Saxony”. Dazu gehörten neben der neuen Bosch-Fabrik auch Ausbaustufen bei Infineon, Globalfoundries und X-Fab in Dresden.

Im Dezember 2020 hatten 19 EU-Staaten ein zweites Chip-IPCEI beschlossen, dass sich aus Corona-Wiederaufbaumilliarden speisen sollen. Damit will unter anderem Globalfoundries einen milliardenschweren Fabrikausbau in Dresden ko-finanzieren. “Wir sehen gute Chancen, dass Sachsen auch von diesem IPCEI 2 wieder stark profitiert”, betonte Verband-Geschäftsführer Frank Bösenberg.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: SilSax, Junghans, Oiger-Archiv