Ifo für neue Innovationspolitik: Weg von Großprojekten, hin zu „Missionen“

Bund soll konkrete Fortschritte in Schlüsseltechnologien unterstützen
München/Dresden, 16. September 2025. Deutschland sollte seine Wirtschaftsförderung stärker in Richtung einer „missionsorientierten Innovationspolitik“ neu ausrichten, statt sich weiter auf Großprojekte etablierter Unternehmen zu fokussieren. Dafür haben Ifo-Ökonomen aus München plädiert. „Missionsorientiert“ bedeutet dabei, konkrete Entwicklungs- oder Aufbauvorhaben in zukunftsweisenden Schlüsseltechnologien zu unterstützen.
Biotechnologie, Mikroelektronik und Quantentechnologie im Fokus
„Für nachhaltiges Wirtschaftswachstum braucht es Förderung und Innovation vor allem in den Schlüsseltechnologien wie KI, Biotechnologie, Mikroelektronik oder Quantentechnologie“, meint Ifo-Innovationsökonom Oliver Falck. „Eine missionsorientierte Politik ist zwar kein Allheilmittel, kann aber helfen, Ressourcen gezielter einzusetzen. Andernfalls droht Deutschland bei wichtigen Zukunftstechnologien international zurückzufallen.“
Leuchtturm-Politik schon länger umstritten
Der Forscher reflektiert damit eine bereits seit längerem schwelende Debatte über die Leuchtturm-Wirtschaftspolitik: Mittelständler, Handwerker, aber auch Wirtschaftsforscher kritisieren dabei oft die Ressourcen, die der Bund und Bundesländer wie Sachsen, Sachsen-Anhalt oder das Saarland an Großansiedlungen zum Beispiel von Mikroelektronik-Konzernen binden, die milliardenteuren Rettungspakete für Banken während der Finanzkrise oder seinerzeit für die Opel-Rettung, die Zuwendungen für Automobil– und Maschinenbau, während viele andere Branchen und kleinere Unternehmungen mit einem schmalen Budget ihre Innovationen vorantreiben. Gerade die Großansiedlungspolitik geriet zuletzt noch einmal stark in Kritik, nachdem die Chipfabrik-Projekte von Intel in Magdeburg und Wolfspeed in Ensdorf scheiterten. Wobei dabei nicht zu vergessen ist, dass sich andererseits die hochsubventionierten Investitionen von Infineon und TSMC in Dresden wiederum tatsächlich realisiert werden und einen echten Mehrwert in der deutschen Halbleiter-Wertschöpfungskette versprechen. Andererseits kamen und kommen zu diesen Ansiedlungs-Subventionen regelmäßig auch zahlreiche Förderzuwendungen für Forschungsprojekte solcher Großkonzerne hinzu.

Wirtschaftswissenschaftlich begründeter Zweifel an teuren Paketen, die nicht unbedingt immer echte Innovationen hervorbringen, kommt nicht nur aus dem Ifo-Institut: So gilt beispielsweise Prof. Reint E. Gropp vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) schon länger als dezidierter Gegner der Großprojekte-Förderung des Bundes. Seine Argumente bieten zwar Angriffsflächen, aber jedenfalls auch er plädiert dafür, lieber zukunftsweisende Innovationen zu unterstützen, die neue Perspektiven für die deutsche Wirtschaft eröffnen.
Ziele vorgeben, ohne einzelne Branchen zu bevorzugen
Ein weiteres Argument für einen Paradigmenwechsel bringt Nina Czernich vom Ifo vor: „Wenn Deutschland die jährlichen Ausgaben für F&E bis 2030 auf mindestens 3,5 Prozent des BIP steigern will, wie es der Koalitionsvertrag vorsieht, muss es Anreize für mehr private Investitionen in Zukunftsfeldern schaffen“, argumentiert sie. Eine missionsorientierte Politik könnte dies unterstützen, indem sie Ziele vorgibt, ohne einzelne Branchen zu bevorzugen.
„Chinas vergangene Innovationspolitik ist keine geeignete Blaupause für Deutschland“
aus: „Ist eine missionsorientierte Innovationspolitik die bessere Industriepolitik?“
Dabei dürfe man nicht der Verlockung erliegen, unter dem Eindruck der enormen wirtschaftlichen und technologischen Fortschritte, die die Chinesen in den vergangenen Jahren geschafft haben, deren Innovationspolitik in Deutschland zu kopieren. „Diese Forderung verkennt die unterschiedliche Ausgangslage in den verschiedenen Ländern“, warnt die Ifo-Studie. Wer zunächst Rückstände rasch aufholen wolle, wie seinerzeit China, könne erprobte Pfade anderer Länder nachverfolgen. „Für Länder an der Technologiegrenze hingegen, die im globalen Technologiewettbewerb stehen, ist der weitere Pfad nicht offensichtlich. Das gilt für Deutschland, es gilt inzwischen aber auch in vielen Bereichen für China, das nun im globalen Technologiewettbewerb vorne mit dabei ist.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Ifo, IWH, Oiger-Archiv, Spiegel.de, Bundestag.de, Stuttgarter Zeitung

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