Desaströse Zwischenbilanz durch Rechnungshof: Chipziele der EU bleiben außer Reichweite

Silicon Saxony warnt davor, Mikroelektronik-Aufholjagd nun abzubrechen
Luxembourg/Brüssel/Dresden, 29. April 2025. Die EU-Kommission wird ihr per „Chipgesetz“ ausgegebenes Ziel, den europäischen Anteil an der weltweiten Chipproduktion bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln, deutlich verfehlen. Das hat der „Europäische Rechnungshof“ in einem Sonderbericht eingeschätzt. Dennoch und trotz aller Rückschläge dürfe Europa seine Bemühungen um eine stärkere eigene Mikroelektronik nicht aufgeben, reagiert der sächsische Hightech-Verband „Silicon Saxony“ auf den ernüchternden Zwischenbefund aus Luxembourg.
„Die EU muss ihre Strategie für die Mikrochip-Industrie dringend einem Realitäts-Check unterziehen.“
Annemie Turtelboom, Berichtautorin und Mitglied des Europäischen Rechnungshofs
„Die EU muss ihre Strategie für die Mikrochip-Industrie dringend einem Realitäts-Check unterziehen“, fordert nun EU-Rechnungsrätin Annemie Turtelboom im Sonderbericht. „Wir hinken unseren ehrgeizigen Zielen derzeit weit hinterher. Das 20-Prozent-Ziel ist sehr hoch angesetzt – um es zu erreichen, müssten wir unsere Produktionskapazität bis 2030 etwa vervierfachen. Ein solches Tempo ist momentan in keinem Bereich erkennbar.“
Prognose: EU-Halbleiteranteil steigt bis 2030 nur auf 11,7 statt 20 %
Tatsächlich, so schätzen die Rechnungsprüfer, werde die europäische Mikroelektronik ihren Weltmarktanteil in der Halbleiter-Produktion wohl nur von knapp zehn Prozent auf 11,7 Prozent bis zum Ende der Dekade steigern können. Hauptgründe: Das EU-Chipgesetz ist zu vage, die EU investiert dabei zu wenig, während private und staatliche Akteure in Taiwan, den USA, in Japan, China, Südkorea und anderen Staaten ein Vielfaches in den Ausbau ihrer Mikroelektronik stecken. Zudem sind die Energiepreise in Europa zu hoch, der Fachkräftenachschub zu gering.
Schon 2013 hatte die EU einen ähnlichen Anlauf gemacht, Europas Chipanteil auf 20 Prozent zu verdoppeln – war aber auch damals gescheitert. Das nahende US-Chipgesetz wie auch die Lieferkettenstörungen der europäischen Industrie durch Corona, die Piraterie im Roten Meer, eine Blockade des Suezkanals und andere Probleme gaben dann den Ausschlag für einen zweiten Anlauf, Europa unabhängiger von auswärtigen Halbleiterquellen zu machen. Das EU-Chipgesetz trat 2023 in Kraft, wobei sich schon im Vorfeld die Expertenwarnungen mehrten, dass die Ziele der Kommission irrealistisch seien.

Ansiedlungen in Dresden – doch in Magdeburg hat Intel seine Fab-Pläne auf Eis gelegt
Zwar gelang durch das Chipgesetz auch mancher Paukenschlag, von denen der eine oder andere aber wieder rasch verhallte: Intel hat sein Megafab-Projekt in Magdeburg auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt und Wolfspeed hat seine Ansiedlung im Saarland wieder abgesagt. Gut funktioniert haben die Chipgesetz-Sondersubventionen vor allem dort, wo es schon seit über sechs Jahrzehnten ein wachsendes Halbleiter-Ökosystem gibt: in Sachsen. So wächst die Dresdner Infineon-Fabrik Nummer 4 derzeit in die Höhe und auch die TSMC-Fabrik dürfte zustande kommen.

Silicon Saxony: Chipsubventionen sind mit anderen Zuschüssen nicht vergleichbar
Aus Sachsen kommt daher auch der Wunsch, sich durch den Zwischenbericht der Rechnungsprüfer nicht entmutigen zu lassen: „Die technologische Souveränität Europas entscheidet sich in einem beispiellos hart umkämpften und extrem kapitalintensiven Markt“, argumentiert „Silicon Saxony“-Geschäftsführer Frank Bösenberg in Dresden. „Subventionen für die Halbleiterindustrie sind mit denen anderer Industrien nicht vergleichbar. Mikrochips sind das Rückgrat nahezu aller Zukunftstechnologien von Mobilität über Energie bis hin zu KI. Investitionen in Milliardenhöhe erscheinen hoch, sind aber notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas überhaupt zu sichern.“
Chipgesetz funktioniert vor allem dort, wo Stärken gestärkt werden
Und dort, wo bestehende Stärken gestärkt wurden, habe das Chipgesetz auch positiv gewirkt: „Regionen wie Silicon Saxony, aber auch die anderen in Silicon Europe organisierten Halbleiter-Ökosysteme wie stellvertretend Rhône-Alpes, Leuven, Eindhoven oder Villach sind Erfolgsbeispiele und beweisen schon heute, dass Wachstum und Innovation möglich sind. Um jedoch die ehrgeizigen Ziele Europas im Chipsektor zu erreichen und die Wettbewerbsfähigkeit wirklich nachhaltig zu sichern, müssen diese starken Regionen gezielt gestärkt und weitere Technologiezentren aufgebaut werden. Entscheidend dafür sind wettbewerbsfähige Energiepreise, gesicherter Zugang zu Rohstoffen, beschleunigte Genehmigungsverfahren und eine europäische Fachkräfteoffensive.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Silicon Saxony, Europäischer Rechnungshof, Oiger-Archiv, Wikipedia

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