Milliarden-Schub für Dresdner Biotech-Ausgründung „Seamless“

US-Pharmariese will Erbgut-Werkzeugkasten der Sachsen für Taubheits-Therapien nutzen
Dresden/Indiana, 8. Februar 2026. Die Dresdner Uni-Ausgründung „Seamless Therapeutics“ bekommt vom US-Pharmaunternehmen „Eli Lilly“ aus Indiana insgesamt 1,12 Milliarden US-Dollar (950 Millionen Euro) Lizenzgebühren und Entwicklungs-Entgelte. Das geht aus Mitteilungen vom Seamless und aus dem sächsischen Wirtschaftsministerium hervor. Die Amerikaner wollen die speziellen Gen-Editoren der Sachsen für Therapien gegen genetisch bedingten Hörverlust nutzen.
Gen-Werkzeugkasten aus Sachsen soll gegen vererbten Hörverlust helfen
„Lilly engagiert sich für die Entwicklung neuartiger Behandlungsansätze für genetische Erkrankungen und teilt unsere Vision, Patienten mit derzeit begrenzten Behandlungsmöglichkeiten genetische Medikamente zugänglich zu machen“, erklärt Seamless-Chef Albert Seymour. Die Kooperation mit dem US-Pharmariesen werde über das konkrete Einsatzszenario hinaus sicher helfen, das „therapeutische Potenzial programmierbarer Rekombinasen durch unsere firmeneigene Pipeline weiter auszubauen“. Sprich: Wenn erstmal eine Therapie für Taube mit dem Gen-Werkzeugkasten aus Dresden entwickelt und auf dem amerikanischen Markt zugelassen ist, lassen sich weitere Medikamente gegen andere Krankheiten leichter ableiten.
Entwicklungsaufträge aus den USA für Seamless
Konkret haben beide Seiten vereinbart, dass „Seamless“ für Lilly“ spezielle Enzyme („Rekombinasen“) entwickelt und lizenziert, die Reperatur-Sequenzen in defekte Erbgut-Moleküle von tauben Patienten einsetzen. Diese „Insertionen“ sollen die DNS der Kranken wieder in Ordnung bringen. Für diese Entwicklungsleistungen und die Lizenzen hat Lilly den Dresdnern besagte 1,12 Milliarden Dollar zugesagt.
Wirtschafts-Panter sieht Vertrag auch als Erfolg von Sachsens Biotech-Offensive
Als wichtigen Erfolg der zur Jahrtausendwende gestarteten Biotech-Offensive des Freistaates wertet der sächsische Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) die Vereinbarung von Seamless und Lilly: „Dieser außergewöhnliche Erfolg zeigt erneut, dass unsere langfristigen Investitionen in Forschung, Startups und Netzwerke wirken“, meint Panter. „Seamless Therapeutics steht beispielhaft für Innovation und Dynamik, die die sächsische Biotech-Landschaft auszeichnen.“

Systembiologe Frank Buchholz legte an der Uni Dresden den Grundstein für die Seamless-Gründung
Der Erfolg von Seamless hat eine lange Vorgeschichte – und zeigt, dass es gerade in der Biotechnologie oft langen Atem braucht, bis Wissenschaftler die Früchte ihrer Mühen ernten: Über viele Jahre hinweg hatte der Systembiologe Prof. Frank Buchholz nach Wegen gesucht, ein besonders präzises und dennoch universell einsetzbares biochemisches Werkzeug zu entwickeln, das besser als klassische Gen-Editioren beschädigte Segmente aus dem Erbgut-Molekül „Desoxyribonukleinsäure“ (DNS) heraustrennen und stattdessen „gesunde“ Ketten einsetzen kann. Die medizinische Vision dabei: Ist erst mal die richtige Reparatur-Sequenz für das beschädigte Erbgut-Molekül gefunden, wird diese Gen-Medizin in den Patienten eingeschleust. Am Zielorgan verrichtet die Medizin dann so lange ihr Werk, bis genügend Zellen repariert sind, so dass das Organ keine nennenswerten Mengen an „falschen“ Proteinen mehr produziert. Dies ebnet dann den Weg zur Heilung. Weil sich damit voraussichtlich ganz unterschiedliche Gen-Defekte beziehungsweise Krankheiten behandeln lassen, spricht man auch von einer „Plattform-Technologie“.
Blick richtet sich über den Großen Teich
2022 gründete das Forscherkollektiv um Prof. Buchholz schließlich „Seamless Therapeutics“ („SeamlessTX) aus der Uni Dresden aus. Der Firmenname soviel bedeutet wie „nahtlose Therapien“, weil sich die neue Rekombinase aus Dresden so exakt und vielseitig einsetzen lässt. Seitdem hat sich die Belegschaft auf 20 Mitarbeiter verdoppelt. Auch hat SeamlessTX eine US-Tochter nahe der amerikanischen Biotech-Metropole Boston gegründet.

„Dresden ist der Standort, an dem das zentrale Know-how zur Entwicklung unserer Plattform aufgebaut wurde“, betont Seamless-Chef Seymour. Jetzt arbeite das Dresdner Team zusammen mit Lilly „mit Hochdruck daran, das krankheitsmodifizierende Potenzial der Plattform weltweit in konkrete Patientenvorteile umzusetzen“.
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Seamless TX, SMWA, Oiger-Archiv, Wikipedia

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