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Gleichzeitiger Ausstieg aus Kernkraft, Kohle und Gas nicht möglich

Die Gas- und Ölindustrie spielt eine zentrale Rolle für die russische Wirtschaft. Hier das Gasverarbeitungswerk Amur vom Gazprom. Foto: Gazprom (Pressefoto)

Gasverarbeitungswerk Amur vom Gazprom. Foto: Gazprom (Pressefoto)

Dresdner Energiewirtschaftsforscher Möst: Womöglich muss Deutschland den Kohleausstieg strecken

Dresden, 31. März 2022. Der gleichzeitige Ausstieg aus Kernkraft, Kohle und Strom wird nicht möglich sein, wenn Deutschland keine großflächigen kritischen Stromausfälle („Blackouts“) provozieren will. Das hat Prof. Dominik Möst von der TU Dresden mit Blick auf die aktuelle Debatte um das russische Erdgas eingeschätzt. Womöglich werde den deutschen Politikern nichts anderes übrig bleiben, als den vollständigen Kohleausstieg hinauszuschieben, erklärte der Energiewirtschaftler während eines Online-Vortrages „Versorgungssicherheit Strom in Deutschland: So sicher wie nie oder droht ein Blackout?“ am Ifo-Institut Dresden.

Ein Hintergrund sind einerseits die Forderungen der „Fridays for Futures“-Anhänger, sofort alle Erdgasimporte aus Russland zu stoppen. Anderseits hatte der Westen nach dem russischen Angriff auf die Ukraine weitreichende Sanktionen verhängt, auf die der Kreml unter anderem mit der – allerdings eher vagen – Drohung antwortete, den Gashahn nach Europa zuzudrehen. Das Gas aus dem Osten könne Deutschland aber – anders als die Erdöl- und Kohleimporte – keineswegs kurzfristig aus allen Quellen ersetzen, warnte Möst. Immerhin deckt Russland derzeit über die Hälfte des deutschen Erdgasbedarfs. Wenn das gesamte russische Erdgasangebot im Umfang von reichlich 1000 Terawattstunden vollständig vom Markt verschwinde – sei es durch westliche Sanktionen oder russische Boykotte -, dann könnten nur etwa 70 Prozent davon aus anderen Gasquellen bezogen werden und dies zudem zu deutlich höheren Kosten. Die letztlich dann noch fehlenden 322 Terawattstunden müssten dann auf Verbraucherseite herausgeschwitzt werden. Dies würde „extreme Anpassungen“ erfordern, warnte Möst.

Daneben stehen auch die langfristigen Probleme, die die deutsche Energiewende mit sich bringt: Wenn die Bundesrepublik alle Kernkraftwerke und alle Kohlekraftwerke abschalte und diese Kapazitäten bis 2030 durch Solar- und Windenergie ersetzen will, dann muss sich einerseits das Ausbautempo für neue Sonnen- und Windkraftwerkskapazitäten gegenüber dem bisherigen Stand verdreifachen. Und anderseits gehen alle bisherigen Pläne davon aus, parallel dazu neue Erdgaskraftwerke zu bauen, weil Wind- und Solaranlagen im Vergleich zu klassischen Kraftwerken zu unstet Strom liefern. Diese Konzept wird nun aber durch die jüngsten Entwicklungen im Zuge des russischen Krieges gegen die Ukraine in Frage gestellt.

Deshalb häufen sich nun die Stimmen aus Teilen der Wirtschaft und Politik, den deutschen Atomkraftausstieg noch einmal zu überdenken. Dafür allerdings sieht Prof. Möst keine politischen Mehrheiten in Deutschland. Zudem würde es auch einige Zeit dauern, die bereits gestellten Weichen wieder umzustellen und die Meiler zum Beispiel wieder für die nächsten Jahre mit Kernbrennstoffen zu füllen.

Eine weitere Alternative, um den Strombedarf der deutschen Wirtschaft und Privathaushalte zu decken, sieht der Professor in Stromimporten aus Europa. Allerdings müsse solch ein Konzept mit potenziellen Lieferländern langfristig abgestimmt werden. Nicht zuletzt drohe bei einer zu starken Importabhängigkeit auch die Gefahr, dass die Nachbarländer in Engpasssituationen bevorzugt die eigene Industrie versorgen, bevor sie elektrische Energie an Deutschland verkaufen. Dass dieses Szenario eintritt, ist auch gar nicht so abwegig: Denn sogenannte „Dunkelflauten“, bei denen Solar- und Windkraftanlagen nicht mehr genug Strom liefern, treten alle zwei bis fünf Jahre auf. Und sie können dann wetterbedingt eben womöglich nicht nur Deutschland, sondern fast zeitgleich auch die europäischen Nachbarn treffen.

Abhilfe kann in solchen Fällen zum Beispiel ein besseres Netzmanagement liefern, ein massiver Ausbau der Nord-Süd-Stromtrassen, aber auch ein Ausbau großer Netzpuffer – am besten solcher Speicher, die Strom nicht nur stundenweise puffern wie beispielsweise Großakkus, sondern die Energieüberschüsse aus dem Sommer in den Winter hinüberretten. Dafür kommen einerseits Pumpspeicherwerke in Frage, die heute aber meist an zu hohen Netzentgelten und Bürgerinitiativen scheitern. Viele Politiker plädieren daher für große Elektrolyseure der Megawatt-Klasse, die Stromspitzen als Wasserstoff speichern, um sie Monate später dann in Gaskraftwerken oder Brennstoffzellen wieder in elektrische Energie umzumünzen. Allerdings müsse jedem klar sein, dass bei diesen „Power to X“ genannten Umwandlungen etwa zwei Drittel der eingesetzten elektrischen Energie verloren gehen, betonte Möst.

Eine weitere Option sei es schließlich, den Kohleausstieg zu strecken und einen Teil der Kohlekraftwerke zumindest als Bereitschaftsreserve weiter am Netz zu lassen, erklärte der Energiewirtschaftler. Dies beiße sich dann allerdings mit dem Umweltschutzzielen: Eine „weitere Nutzung der Kohlekraftwerke in Europa würde zu einem Anstieg der CO2-Emissionen in der Größenordnung von 22 Millionen Tonnen CO2 führen“:

Autor: hw

Quelle: Online-Vortrag Möst am 30. März 2022 für Ifo Dresden