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Weltweit erstes Karbonbeton-Haus in Dresden im Herbst 22 fertig

Prof. Manfred Curbach steht neben einer Treppe und einem Muster, die zeigen, wie dünn und doch stabil mit Carbonbeton gebaut werden kann. Foto: Heiko Weckbrodt

Prof. Manfred Curbach steht neben einer Treppe und einem Muster, die zeigen, wie dünn und doch stabil mit Carbonbeton gebaut werden kann. Foto: Heiko Weckbrodt

Betonverbrauch soll sich durch neuen Leichtbaustoff halbieren

Dresden, 3. Februar 2022. Das weltweit erste Carbonbetonhaus ist nun in Dresden rohbaufertig und soll im September 2022 fertig sein. Die Bauingenieure um Prof. Manfred Curbach von der TU Dresden wollen damit den Beweis antreten, das ihr neues Leichbaumaterial praxistauglich ist, ganz neue Architekturentwürfe zulässt – und das zu ähnlichen Kosten wie Stahlbeton. Vor allem aber soll der mit Stäben und Netzen aus Kohlenstofffasern bewehrte Beton eine ökologische Revolution in der Bauwirtschaft auslösen.

Die Visualisierung zeigt, wie der "Cube" aus Karbonbeton aussehen soll. Gut zu sehen ist hier die "Twist" genannte Schale, die organisch von einer Mauer ins Dach übergeht. Dort sollen die Dämmplatten von Evonik plaziert werden. Visualisierung: C3

Die Visualisierung zeigt, wie der „Cube“ aus Karbonbeton aussehen soll. Gut zu sehen ist hier die „Twist“ genannte Schale, die organisch von einer Mauer ins Dach übergeht. Dort sollen die Dämmplatten von Evonik plaziert werden. Visualisierung: C3

Curbach: Müssten Bauforschung eigentlich verhundertfachen

„Die Bauwirtschaft hat einen Anteil von etwa 5,3 Prozent am Bruttoinlandsprodukt, ist aber für 25 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich“, weißt Curbach auf ein ernstes Umweltschutz-Problem hin. „Eigentlich müssten wir die Ausgaben für Bauforschung verzehnfachen oder besser noch verhundertfachen, wenn wir in naher Zukunft klimaneutral bauen wollen. Tatsächlich aber wird auf den Baustellen immer noch so gearbeitet wie vor 50 Jahren.“

Magdeburger wollen ihre Hyparschale mit Carbonbeton retten

Das wollen Curbach und seine Mitstreiter und Mitstreiterinnen vom Verbund „C³ – Carbon Concrete Composite“ mit ihrem Carbonbeton ändern: Durch seinen Einsatz kann sich der Betonverbrauch auf den Baustellen halbieren, der Kohlendioxid-Ausstoß bei der Betonproduktion um 70 Prozent sinken, verspricht das Konsortium. Damit das ohne Kostenexplosion funktioniert, lässt C3 Carbonbeton-Fertigplatten durch Roboter in Betonwerken fertigen und setzt auf die Kostenvorteile beim massenhaften Einsatz dieser neuen Leichtbautechnologien. Mittlerweile gibt es bereits 130 Brücken, Häuser und andere Bauwerke, an denen Carbonbeton bereits eingesetzt wurde – meist zur Sanierung von Bauwerken, die mit Stahlbeton gar nicht mehr reparabel wären. Dazu gehören beispielsweise Autobahnbrücken und Hochschulgebäude. Und ihre „Hyparschale“ vom legendären Hallenbaumeister Ulrich Müther wollen die Madeburger ebenfalls mit dem Leichtbaumaterial aus Dresden retten.

So luftig könnte das geplante Großforschungszentrum „Lausitz Art of Building“ (Lab) dank moderner Karbonbeton-Technologien aus Dresden wirken. Visualisierung: Henn Architekten

So luftig könnte das geplante Großforschungszentrum „Lausitz Art of Building“ (Lab) dank moderner Karbonbeton-Technologien aus Dresden wirken. Visualisierung: Henn Architekten

„An die Grenzen des Machbaren gegangen“

Der „Cube-Twist“ in Dresden ist das bisher komplexeste Bauvorhaben mit Carbonbeton. Den in sich verdrehten „Twist“ – eine Wand, die in ein Dach übergeht – übernahm die Hentschke Bau GmbH: „Mit dem Cube haben wir den Grundstein für eine zukünftige Bauweise gelegt“, schätzte Hentschke-Projektleiter Jens Kretzschmar ein. „Dabei sind wir mit dem Material Carbonbeton an die Grenzen des Machbaren gegangen. Das Gebäude stellt einen Meilenstein in der Baugeschichte dar und ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass mit Carbonbeton viele neue anspruchsvolle Projekte möglich werden.“

Den kubischen Box-Trakt baute die „Bendl Hoch- und Tiefbau“ aus Sebnitz: „Mit dem Bau der Box beweisen wir, dass eine wirtschaftliche und massentaugliche Bauweise mit dem innovativen Material Carbonbeton jetzt schon möglich ist und mit den automatisierten Herstellverfahren können wir den Weg in die breite Anwendung ebnen“, betonte Ludwig Pickert vom Unternehmen Bendl.

Forscher wollen Karbon aus der Luft gewinnen

Derweil arbeiten die Ökobau-Forscher schon am nächsten Coup: „Im Moment wird Carbon meist noch aus Erdöl gewonnen“, ärgert sich Curbach. Erste Ansätze, die Kohlenstofffasern aus Bäumen zu gewinnen, gebe es bereits. Aber einen richtigen Knaller hat ein Münchner Kollege in der Schublade: Er bringt Blaualgen dazu, das Kohlendioxid in der Luft in Polyacrylnitril (PAN) zu verwandeln. Dieses Polymer könnte dann als Basisstoff für besonders umweltfreundliches Carbon dienen. Diese Technologie würde er zusammen mit den Münchnern im geplanten „Lab – Lausitz Art of Building“ weiterentwickeln – wenn er denn für dieses Bau-Großforschungszentrum im Sommer vom Bund den Zuschlag bekommen sollte.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Vor-Ort-Termin Cube, Interview Curbach, Stadt Magdeburg, C3, TUD, Oiger-Archiv