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Nach Corona neue Ansiedlungs-Chancen für Sachsen

Wirtschaftsminister Martin Dulig (links) und Thomas Horn, der Chef der Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS) im Kraftwerk Mitte in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Wirtschaftsminister Martin Dulig (links) und Thomas Horn, der Chef der Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS) im Kraftwerk Mitte in Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Freistaat hat im Wettbewerb um neue Chip- und Roboterfabriken gute Karten, finden Wirtschaftsförderer Horn und Minister Dulig

Dresden, 11. Oktober 2021. Bei der Suche von Intel, TSMC und Samsung nach neuen Produktionsstandorten in Europa hat stehen die Chance nicht schlecht, dass einer dieser Halbleiterriesen dafür Sachsen auswählt. Das haben der sächsische Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) und der Chef der Wirtschaftsförderung Sachsen (WFS), Thomas Horn, eingeschätzt. „Ich denke, dass Sachsen gute Karten hat“, betont Minister Dulig.

Intel-Chef Pat Gelsinger. Foto: Intel

Hat angeblich 70 Bewerbungen von Standorten in ganz Europa für die geplanten Großfabriken bekommen: Intel-Chef Pat Gelsinger. Foto: Intel

Robotiker stecken Claims neu ab

Ähnliches gelte auch für die jüngsten Bemühungen von Unternehmern und Politikern, Sachsen in die obere Liga der europäischen Robotikstandorte zu bringen und eine große Roboterfabrik im Freistaat anzusiedeln: „In der Robotikindustrie werden seit ein, zwei Jahren die Claims neu abgesteckt“, sagt WFS-Chef Horn. Auch Sachsen reklamiere einen Teil dieses Kuchens für sich und habe gute Voraussetzungen, um eine starke Robotikindustrie aufzubauen und ausländische Investoren anzuziehen: „Wir haben hier einen starken Maschinenbau und eine starke Mikroelektronik, aber auch Erfahrung mit Leichtbau und Software.“

Kollaborative Roboter, die direkt und ohne Schutzzaun mit Menschen in einer Fabrik zusammenarbeiten können, gehören zu den Hoffnungsträgern der sächsischen Robotik-Szene. Ein solcher Roboter-Arm begrüßt derzeit die Besucher des „Dresden Robotics Festival“ im Dresdner Messegelände. Foto: Heiko Weckbrodt

Kollaborative Roboter, die direkt und ohne Schutzzaun mit Menschen in einer Fabrik zusammenarbeiten können, gehören zu den Hoffnungsträgern der sächsischen Robotik-Szene. Ein solcher Roboter-Arm begrüßte die Besucher des „Dresden Robotics Festival“ im Dresdner Messegelände. Foto: Heiko Weckbrodt

Subventionen und Niedriglöhne nicht mehr so wichtig wie in den 1990ern

Dass Sachsen für technologieorientierte Unternehmen ein interessanter Standort ist, führen der Minister und sein Wirtschaftsförderer auch auf veränderte Kriterien ansiedlungswilliger Investoren zurück: Nach Subventionen werde zwar gefragt, sie seien aber nicht mehr so ausschlaggebend wie früher, berichtet Horn. „Für die Unternehmen zählt das Gesamtpaket.“ Und dazu zählen das vorhandene Ökosystem, die Infrastruktur für ihre spezielle Branche, die Fachkräfte-Verfügbarkeit, forschungsstarke Institute im Umfeld, verfügbare Flächen, Verkehrsverbindungen, die Nähe zu Kunden und Lieferanten und dergleichen mehr. Sachsen stehe hier längst nicht mehr im Wettbewerb um die höchsten Beihilfen und niedrigsten Löhne, unterstreicht Minister Dulig. „Es hat eine Änderung hin zum Qualitativen gegeben.“

Guten Tag Kollege! Roboter im Ceti-Labor an der TU Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Guten Tag Kollege! Roboter im Ceti-Labor an der TU Dresden. Foto: Heiko Weckbrodt

Knapp elf Milliarden Euro Investitionen bewegt

Noch in den 1990ern war das anders: Damals lockte das Kabinett Biedenkopf AMD, Siemens, Volkswagen und andere große Konzerne mit hohen Subventionen nach Sachsen – wobei auch damals schon Fachkräfteangebot und andere Faktoren wichtige Argumente waren. Insgesamt war die WFS laut Horn in den vergangenen 30 Jahren 645 Neuansiedlungen und Erweiterungen im Freistaat mit einem Investitionsvolumen von rund 10,8 Milliarden Euro begleitet, durch die mehr als 60.000 Arbeitsplätze geschaffen oder gesichert worden seien.

In der neuen Chipfabrik in Dresden hat Bosch von Anfang an auf AR-Datenbrillen, KI und andere "Industrie 4.0"-Konzepte gesetzt. Foto: Bosch

Von wegen die Zeit der Großansiedlungen ist vorbei: Blick in die neue Chipfabrik von Bosch in Dresden. Foto: Bosch

Und nachdem es zeitweise so ausgesehen hatte, als ob die Zeit der großen Ansiedlungen in Sachsen vorbei sei, drehte sich der Wind inzwischen: Die neue Boschfabrik, aber auch die jüngsten Investitions-Ankündigungen von Jenoptik, Vodafone und anderen haben gezeigt, dass große Coups weiter möglich sind.

Seit Corona überdenken viele Unternehmen ihre Fertigungsstrategien

Befeuert werden die sächsischen Hoffnungen auf neue Großansiedlungen auch durch die Lehren, die viele große und mittelständische Unternehmen aus Donald Trumps Handelskriegen, Corona, verstopften Wasserstraßen, japanischen Fabrikbränden, texanischen Wintereinbrüchen und anderen schweren Störungen in den globalen Wirtschaftsketten gezogen haben. „Vor allem seit Corona denken viele Unternehmen neu über ihre Fertigungsstrategien nach“, erzählt Horn. Und diese Überlegungen gehen oft in die Richtung: Vielleicht ist es besser, nicht nur auf einem oder zwei., sondern auf mehreren Kontinenten zu produzieren, um sich gegen künftige Lieferketten-Probleme zu wappnen. In einigen Branchen wie der Halbleiterindustrie ist der Grundsatz „Kein Vorprodukt allein aus einer Quelle“ längst verankert – für andere ist das noch Neuland.

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: WFS, Auskünfte Dulig, Oiger-Archiv

Aus der Ansiedlungsbilanz der Wirtschaftsförderung

(Quelle: WFS)

  • Gründung der WFS am 22. Juli 1991 als landeseigenes Unternehmen
  • 1991: 1. Ansiedlung: Kronospan (Produktion und Vertrieb von Baustoffen auf Holzbasis) in Lampertswalde
  • 1993: Einführung des Kommunalen Wirtschafts-Informationssystems KWIS mit Gewerbeflächen- und Firmendatenbank
  • 1994: Ansiedlung des ersten japanischen Investors in Sachsen: Takata Sachsen GmbH in Elterlein (heute: drei Standorte der Joyson Safety Systems in Sachsen)
  • 1997: Einführung einer Online-Firmendatenbank www.firmen.sachsen.de
  • 1998: 1. Spatenstich bei der TD Deutsche Klimakompressor GmbH als Tochterunternehmen von Toyota und Denso in Straßgräbchen statt
  • 1999: Porsche AG entscheidet sich für den Standort Leipzig
  • 2001: BMW AG entscheidet sich für den Standort Leipzig
  • 2003: Premiere der Marke „Autoland Sachsen“ auf der IAA in Frankfurt/M.
  • 2004: Ansiedlung von DHL in Leipzig
  • 2006: Standortentscheidung von Amazon Logistik für Leipzig
  • 2013: erstes Investment aus Polen: COMARCH Aufbau eines Rechenzentrums in Dresden · 2016: Start der »Internationalisierungsoffensive« IOSax
  • 2017: Entscheidung der Robert Bosch GmbH für den Aufbau einer Halbleiterfertigung in Dresden
  • 2019: Standortentscheidung des Sierra Nevada Corporation aus den USA zur Gründung des Unternehmens Deutsche Aircraft und zum Bau einer Fabrik für Kurzstreckenflugzeuge des Typs D 328eco in Schkeuditz
  • 2019: Start des Portals www.lausitz-invest.de gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Brandenburg als erstes bundesländerübergreifendes Investorenprotal in Deutschland
  • 2020: Ansiedlung der Beiersdorf AG in Leipzig
  • 2021: Ansiedlung der Vodafone Group in Dresden
  • Stand 2021: rund 60 Mitarbeiter sind für die WFS tätig