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Neandertaler in der Familie macht Corona gefährlicher

Neandertaler-Schädel. Foto: MPI-Eva

Teil eines Neandertaler-Schädels. Foto: MPI-Eva

Planck-Institut Eva: Jahrtausendealte Gen-Sequenz verdreifacht Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf

Leipzig, 1. Oktober 2020. Wer Neandertaler in seinem ferneren Familienstammbaum hat und von ihnen eine bestimmte Gen-Abfolge geerbt hat, hat bei einer Corona-Infektion ein höheres Risiko, schwer daran zu erkranken. Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (Eva) in Leipzig herausgefunden.

 Forscherin im Reinraum des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie. Foto: MPI Eva


Forscherin im Reinraum des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie. Foto: MPI Eva

Bisher hohes Alter, Vorerkrankungen und Blutgruppe als Risikofaktoren identifiziert

Damit wird das Rätsel darum, warum manche Menschen an dem Virus lebensbedrohlich erkranken und andere kaum einen Husten verspüren, weiter entschlüsselt. Bisher war bekannt, dass vor allem hohes Alter und bestimmte Vorerkrankungen (zum Beispiel an Lunge, Niere, Krebs, Diabetes) zu den wichtigsten Risikofaktoren gehören. Auch deuten mehrere Studien auf einen Zusammenhang mit der Blutgruppe hin.

Gen-Abfolge mindestens 60.000 Jahre alt

Die Eva-Forscher Hugo Zeberg und Svante Pääbo haben inzwischen auch eine Gruppe von Genen auf Chromosom 3 analysiert, die das Risiko erhöhen, bei „Covid-19“ im Krankenhaus behandelt und künstlich beatmet werden zu müssen. Sie stellten fest, dass dieser Erbgut-Abschnitt den DNS-Sequenzen eines etwa 50.000 Jahre alten Neandertalers aus Kroatien sehr ähnlich ist und von Neandertalern stammt.

„Es hat sich herausgestellt, dass moderne Menschen diese Genvariante von den Neandertalern geerbt haben, als sie sich vor etwa 60.000 Jahren miteinander vermischten“, erklärt Hugo Zeberg. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen, die diese Genvariante geerbt haben, bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 künstlich beatmet werden müssen, ist etwa dreimal höher.“

Prof. Dr. Svante Pääbovom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig entschlüsselt das Genom des Neandertalers. Foto: rank Vinken für das MPI-Eva

Prof. Dr. Svante Pääbovom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig entschlüsselt das Genom des Neandertalers. Foto: rank Vinken für das MPI-Eva

Neandertaler-Sequenz vor allem in Südasien häufig

Die risikobehaftete Gen-Abfolge ist weltweit unterschiedlich stark verbreitet: In Südasien hat jeder zweite Mensch die Neandertaler-Sequenz im Erbgut. Dagegen hat nur jeder sechste Europäer diesen Kode in der DNS. In Afrika und Ostasien gibt es diese Sequenz laut Eva so gut wie gar nicht. „Es ist erschreckend, dass das genetische Erbe der Neandertaler während der aktuellen Pandemie so tragische Auswirkungen hat“, schätzt Eva-Direktor Svante Pääbo ein. „Warum das so ist, muss jetzt so schnell wie möglich erforscht werden.“

Autor: Heiko Weckbrodt

Quellen: Eva, RKI

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