Kommentar & Glosse, Wirtschaftspolitik
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Kommentar: Hat sich Europa aufgegeben?

Foto: NXP

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Dresden, 6. Oktober 2016. Es wird nun auch von europäischen Politikern akzeptiert, dass die Mikroelektronik eine Schlüsseltechnologie ist, die über die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Industriezweige entscheidet. Aus dieser Erkenntnis folgen allerdings keine Maßnahmen, die Europa wieder in eine wettbewerbsfähige Position bringen würden. Auch die künftig vor allem betroffenen Anwender scheinen sich nicht zu sorgen, dass die entscheidenden Bausteine ihrer anspruchsvollsten Produkte in Zukunft aus Amerika oder vormaligen asiatischen Entwicklungsländern – also aus Regionen, wo ihre Hauptwettbewerber sitzen – kommen werden.

TSMC will Taiwan zur „mächtigsten Festung“ der Halbleiterindustrie machen

Taiwan und seine Industrie gehen offensichtlich anders an das Problem heran. So erklärt der Präsident des führenden taiwanesischen Halbleiterproduzenten TSMC, Dr. Mark Liu, dass sie dabei sind, Taiwan zur „mächtigsten Festung in der globalen Halbleiterindustrie“ zu machen. Heute schon den Europäern mehr als drei Technologie-Generationen voraus, heizen sie den Wettbewerb weiter an und bauen derzeit ein F/E-Team mit 300 bis 400 Mitarbeitern auf, das die Technologie für 3-Nanometer-Strukturbreiten entwickeln soll und dabei die Verkleinerung bis auf 1 Nanometer (nm) im Auge hat.

NXP bald in US-Händen?

Aber auch auf dem Design-Gebiet droht den Europäern weitere Abhängigkeit. Nach aktuellen Brancheninformation will die amerikanische Designfirma Qualcomm, die bisher durch ihre führende Stellung beim Design der Chips für Smartphones aufgefallen war, die Halbleiterfirma NXP, die als größter Chip-Zulieferer für die Automobilindustrie gilt, für über 30 Mrd.$ kaufen will. Damit wäre das gesamt Design-Know-How für die anspruchsvollsten IoT-Anwendungen, wie sie in der Automobilindustrie künftig für das autonom fahrende Auto benötigt werden, in den Händen dieser amerikanischen Firma. Und die könnte sich mit TSMC zusammentun und die Anwender in Europa austrocknen oder zu ihren Bedingungen beliefern.

Ordnungspolitisch korrekt statt zukunftsweisend

Und was macht Europa inzwischen? Seine zuständigen Politiker bemühen sich, ordnungspolitisch korrekt zu handeln, um nicht bei den Neoliberalen anzuecken. Die Zukunft scheint sie nicht zu interessieren.

Kommentator: Prof. Bernd Junghans

2 Kommentare

  1. Gerd Teepe sagt

    In Deutschland hat man immer mit der Nase gerümpft, wenn es um „Consumer“-Techniken ging. Ohne den Stempel „Industrie-Produkt“ war kein Staat zu machen. Dabei wird gerne übersehen, dass Deutschland längt ein Consumer-Land geworden ist. Was anderes sind denn Autos, Waschmaschinen, Medikamente oder Aldi-Produkte? Diese werden doch direkt zum Endverbraucher geliefert. Nur Consumer-Produkte besitzen den Multiplikator-Effekt, aus einer guten Erfindung einen großen und erfolgreichen Wirtschaftszweig zu machen.

    Erst vor kurzem hat das Wirtschaftsministerium die Mikroelektronik als „Industrietechnik“ klassifiziert. Das war einem Ritterschlag vergleichbar, aber führt es auch weiter, oder zementiert es nur das alte Denken, bei der die Bewahrung des Bestehenden im Vordergrund steht?

    Noch immer sind in Deutschland Subventionen zum Erhalt alter Strukturen leichter zu bekommen, als Investitionen in neue Technologieen. Als Begründung dienen diese Subventionen dem Erhalt von Arbeitsplätzen und natürlich kann man diese leichter abzählen, als die durch Investitionen neu zu schaffenden.

    Bevor wir also das geringe Volumen der Mikroelektronik in Deutschland bejammern, sollten wir unser Verständnis vom Industrieland Deutschland überdenken und uns fragen, was denn die deutsche Industrie ausmachen wird in den nächsten 20 Jahren. Es reicht nicht, die goldenen Zeiten der industriellen Revolution in Deutschland im 19. Jahrhundert vor Augen zu haben, bei der die Lösung der Energiefrage Schlüsselfaktor zum Erfolg gewesen ist, und nun das Thema „Energie“ einfach fortzuschreiben. Eine Frage, die wir uns heute u.a. stellen müssen ist, ob die Gelder, die wir heute in erneuerbare Energieen stecken, nicht vielleicht in der Mikroelektronik besser investiert wären.

    Die alten Rezepte taugen nicht für die Zukunft. Nur wenn wir erkennen, welche Schlüsseltechnologieen denn wirklich benötigt werden, haben wir auch weiterhin eine Chance auf nachhaltigen Erfolg. Dazu muss es aber gelingen, die Kategorien „Consumer“ und „Industrie“ aufzuheben.

  2. Danke für den Kommentar zu einer Entwicklung, die in ihrem Muster nicht neu ist. Schon einmal wurden „Trends“ bzw. der „systemische Blick“ in Europa für KET (Key Enabling Technologies) verloren (2009-2010).

    Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass der Kontext zwischen Taiwan, USA und Europa ein sehr unterschiedlicher ist:

    – Taiwan, seit Jahrzehnten im Widerstreit mit dem Kernland China, seit einigen Jahren auch in Hochtechnologie; Druck schnell aktiv zu werden und zu skalieren; abseits der Weltmärkte (geographisch); Chinesisch eine Sprachbarriere

    – USA, mit den Zentren an der Ost- wie Westküste in Punkto Hochtechnologie seit Jahrzehnten in der vordersten Liga mitspielend; eine seit mehreren Jahrhunderten gelebte Kultur des „Machens“ und „Erforschens“ neuer Gebiete (auch technologisch); großer Binnenmarkt; gemeinsame Sprache und gesetzliche Regelungen über geographische Ausbreitung von mehreren tausend Kilometern

    – Europa, konkurrierende „Chip-Hochburgen“ (Grenoble (Frankreich) und Dresden (Deutschland) gegenwärtig mit kleineren verteilten Zentren in ganz Europa; durch den Binnenmarkt und Förderung (EU und länderspezifisch) ordnungspolitisch schwer gesetzte Schwerpunkte zu skalieren (über die Förderzeiträume hinweg); hohe Mobilität der Arbeitskräfte, die wenn Firmen in Irland oder Süditalien im Halbleitergeschäft ihre Produktion runterfahren oder verlagern schnell dorthin ziehen, wo die Werke bzw. Jobs sind; Englisch als verbindende Sprache; sehr unterschiedliche und länderspezifische Kulturen, die eine Integration neuer Arbeitskräfte in lokale soziale Gemeinschaften schwierig machen; insbesondere in Deutschland eine Kultur des „Perfekten“, was oft zu Verzögerung beim Prototyping neuer Technologien und Produkte führt; Perfektion vor Schnelligkeit bzw. #ScalableLearning

    Was wäre zu tun?

    Offener Runder Tisch mit allen relevanten Stakeholdern (bis zum Bürger, der in der Region beschäftigt ist), um die heutigen Herausforderungen (finanziell, Arbeitskräfte, Investitionen, etc.) und künftigen Chancen (und Risiken, „Was passiert, wenn …?“) zu erörtern. Dies in einem fließenden und andauernden Prozess (auch wenn er Zeit kostet zunächst). In Projektzeiträumen zu denken dürfte in diesem Fall der falsch Ansatz sein

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