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Stasi-Museum Berlin: Im Zentrum des Spinnennetzes

Blick ins Stasimuseum - kleines Bild: Erich Honecker und Stasi-Minister Erich Mielke. Abb.: hw, Wikipedia, Bundesarchiv

Blick ins Stasimuseum - kleines Bild: Erich Honecker und Stasi-Minister Erich Mielke. Abb.: hw, Wikipedia, Bundesarchiv

Berlin-Lichtenberg, 22.1.2012: Die ostdeutsche Stasi galt als einer der gefürchtetsten Geheimdienste weltweit. In der Tradition des sowjetischen Geheimdienstes „Tscheka“ (später NKWD, dann KGB genannt) sahen sich die DDR-Schlapphüte als „Schild und Schwert der Partei“. Einen Teil seines Rufes verdankte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) seinem ausufernden Spitzelsystems – einer Spezialität der Stasi, wie es der britische Geheimdienst-Historiker Christopher Andrew jüngst formulierte.

Vom Hauptsitz in Berlin-Lichtenberg aus kontrollierte Stasi-Minister Erich Mielke ein Heer aus zuletzt fast 80.000 hauptamtlichen Geheimdienstlern, 173.000 Spitzeln (inoffiziellen Mitarbeitern = IMs) und einem Wachregiment in Divisionsstärke. Heute befindet sich in dem einst geheimnisumwitterten Plattenbaukomplex zwischen Frankfurter Allee und Normannenstraße das „Stasimuseum Berlin“, das die Diensträume Mielkes, die Stasi-U-Haft an der Normannenstraße und viele andere MfS-Räume der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat – und neben der Infamie auch die Banalität des „Bösen“ zeigt.

Lubjanka-Pomp und Folterkeller: Fehlanzeige
Wirkt wie ein DDR-Kulturhaus der 60er Jahre: Das Foyer der Stasizentrale. Abb.: hw

Wirkt wie ein DDR-Kulturhaus der 60er Jahre: Das Foyer der Stasizentrale. Abb.: hw

Etwas Phantasie muss der Besucher schon bemühen, wenn er das Vestibül im Haus 1 betritt, in dem einst der mächtige Stasi-Minister residierte und heute das Stasi-Museum: Mit seinen Kronleuchtern, braunen (Pseudo-)Marmorsäulen, dunklen Bodenplatten und dem Paternoster im Hintergrund wirkt es ein wenig wie der Eingang zum typischen DDR-Kulturhaus der 1960er Jahre. Vom zaristischen Pomp der KGB-Zentrale „Lubjanka“ in Moskau ist der Plattenbau weit entfernt.

Man muss sich die Szenen der Vergangenheit eher vorstellen: Wie hier die „Goldfasane“ aus den Spitzelabteilungen mit ihrem Lada oder Citroën vorfuhren, um vom Minister die Generals-Schulterstücke im Empfang zu nehmen. Oder wie ein Führungsoffizier der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) an den uniformierten Männern des Wachregiments „Feliks Dzierzynski“ schlotternd vorbeitrottete, um sich einen Anschiss von Mielke abzuholen, weil einer seiner Westagenten aufgeflogen war. Oder Mielkes Stabsoffiziere, wie sie keuchend hinter dem Minister die Treppen hochstiefelten, weil es der Alte ablehnte, das Paternoster zu benutzen…

Wer hier finstere Folterkeller erwartet, wird enttäuscht sein: Die kommen zwar in Filmen von Hollywood-Regisseuren vor, die gerne ihre Vorstellungen von Gestapo und Stasi vermengen. Tatsächlich aber setzte das MfS (zumindest physische) Folter in Verhören nicht ein. Die Krake hatte andere und auf ihre Art perfidere Methoden, um vermeintliche Staatsfeinde weich zu klopfen, zu „zersetzen“ und auszuhorchen.

Schnuffi-Soldaten zum Selberbasteln

Der Verein „ASTAK“ und die Stasi-Unterlagenbehörde BStU, die das Museum betreiben, verzichten daher auch auf Effekthascherei solcher Touristenattraktionen wie „Checkpoint Charlie“. Sie führen den Alltag einer Behörde vor – was aber die Ausstellungen nicht weniger sehenswert macht. Die Macher haben auch heute seltene Stücke zusammen getragen, die wohl am Besten zeigen, wie „das System“ funktionierte, in dem die Stasi zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Baustein unter vielen zur SED-Machtsicherung war:

Soldaten-Bastelbogen aus DDR-Produktion. Abb.: hw

Soldaten-Bastelbogen aus DDR-Produktion. Abb.: hw

DDR-Bastelbögen für Kinder zum Beispiel, mit denen sie NVA-Soldaten mit aufgesetzter Gasmaske kleben konnte, ein Propagandafoto von Eiskunstlauf-Star Katarina Witt, die im FDJ-Blauhemd für die Kandidaten der „Nationalen Front“ (ein Parteienzusammenschluss unter strikter SED-Führung) wirbt, die ferngesteuerten Spielzeugpanzer aus den Kinderzimmern… Nur scheinbar Kleinigkeiten, die verdeutlichen, wie früh die Indoktrination des DDR-Bürgers begann und von welch dicken Netz aus Propaganda, Verpflichtungen und sozialen Druck er ständig umgeben war.

Berührende Fotoausstellung über DDR-Jugend

Als besonders berührend empfand ich das Jugendzimmer: Auf der einen Seiten Auszüge aus Stasi-Listen mit potenziell „staatsgefährdendem“ und daher zu überwachendem Jugendverhalten: Wer sich gegenüber Erwachsenen und zum Beispiel Volkspolizisten unbotmäßig zeigte, eine Glatze oder einen Punker-Kamm trug, konnte schon ins Visier der Spitzel geraten.

DDR-Sportstar Katarina Witt auf einem Wahlplakat der "Nationalen Front". Abb.: hw

Sportstar Katarina Witt auf einem Wahlplakat der "Nationalen Front". Abb.: hw

Auf der anderen Seite des Raums Fotos aus dem Alltag der DDR-Jugend: Eines zum Beispiel zeigt zwei Berliner Gören, die eine Punkerin auf dem S-Bahnsteig bestaunen. Ein anderes einen jungen Bärtigen. Er lümmelt auf einem Gartenstuhl. Auf seine Schulter ist eintätowiert „Wenn ich träume, bin ich frei“ – heutzutage nichts Besonderes, damals ein Risiko. Daneben ein Grüppchen Krippenkinder, das hinter der Kindergärtnerin durch eine Plattenbauwüste tippelt. Und ein Mädchen bei ihrer sozialistischen Jugendweihe, die Augen geschlossen, die Hand auf dem SKR-Radio, das sie wohl zur Feier des Tages bekam…

Equipment für den Spionage-Gärtner

In anderen Räumen findet der Besucher das Erwartete: Beispiele für die Jagd auf Oppositionelle und Kirchengruppen. Das Spionage-Equipment der ostdeutschen „James Bonds“ zum Beispiel. Eine Gießkanne mit eingebauter Mikrokamera. Die Überwachungsausrüstung für eine verwanzte Wohnung. Ein Fotoapparat in einem ausgehöhlten Baumstumpf (bitte jetzt nicht alle Bäume bei Euch daheim abroden!) – vieles davon übrigens beim „Klassenfeind“ zugekauft.

Wenn der Schlapphut als Gärtner kommt: Stasi-Gießkanne mit eingebauter Kamera. Der Auslöser befand sich im Henkel. Abb.: hw

Wenn der Schlapphut als Gärtner kommt: Stasi-Gießkanne mit eingebauter Kamera. Der Auslöser befand sich im Henkel. Abb.: hw

Aber auch ein Aktenkoffer präpariert mit Fototechnik aus Dresdner Pentacon-Produktion. Eine Trabbitür voller Infrarot-Blitzer samt Laser-Entfernungsmesser für nächtliche Observierungen – eine Spezialanfertigung des Kombinats Carl Zeiss Jena für das MfS. Und ein wandfüllendes Foto, das sehr an den Film „Das Leben der Anderen“ erinnert: Ein Uniformierter hat es sich in einem Sessel bequem gemacht, vor ihm ein Monitor und ein Turm aus Tonbandgeräten – offensichtlich ein Überwachungszimmer.

Ministerzimmer und Kasino mit verstecktem Direktausgang

Eine besondere Attraktion ist die Führungsetage mit Mielke Dienstsuite: Sein nur mäßig luxuriöses Büro mit Telefonen, Konferenzschränken und einem mannshohen Panzerschrank, in dem der Altkommunist – man kann es nur vermuten – vielleicht auch den legendären Koffer mit belastendem Material über SED-Chef Erich Honecker aufbewahrte.

Das Büro von Stasi-Minister Erich Mielke, links der Panzerschrank. Abb.: hw

Das Büro von Stasi-Minister Erich Mielke, links der Panzerschrank. Abb.: hw

Dahinter das Kasino für den „Inner Circle“ mit verstecktem Direktausgang nach draußen – falls die Generäle abends mal wieder zuviel gebechert hatten und dies den Wachleuten nicht zeigen wollten. Schließlich Ministers Dienstwohnung, die er nur benutzte, wenn er keine Lust mehr auf die Politbüro-Siedlung Wandlitz hatte: Vier Sessel, ein unbequem wirkendes Sofa, ein Tisch. Abgesehen vom Westfernseher alles eher übliche DDR-Kost.

Streng bewachte Stadt in der Stadt

So banal manches – neben den durchaus spektakulären Spionage-Gadgets – auch zunächst wirkt: Das Stasimuseum zeigt um vieles realistischer als manche TV-Produktion oder Touristenattraktion, wie dieser Apparat wirklich funktionierte. Schon die schiere Größe des Komplexes zwischen Frankfurter Allee und Normannenstraße – zu dem auch der große HV-A-Trakt der Auslandsspione gehört – demonstriert, welches Aufwand die SED betreiben ließ, um das eigene Volk und den „Klassenfeind“ zu bespitzeln. Auf immerhin 14 Hektar erstreckte sich diese Stadt und der Stadt, ebenso wie die Bezirksverwaltungen im ganzen Land streng bewacht vom Stasi-eigenen Wachregiment.

Ein Staat im Staate, wie viele auch sagen, wobei dies eher verschleiert, wie strikt die Stasi der Partei untergeordnet war. Und während die Geheimdienste in den meisten demokratischen Staaten „nur“ Behörden waren, hatte die DDR-Staatssicherheit – abgesehen vom kurzen Intermezzo nach der Zeisser-Affäre – immerhin den Rang eines Ministeriums. Allein das spricht Bände. Heiko Weckbrodt

Von der Stasi ausgehöhlter Baumstumpf mit Spionagekamera. Abb.: hw

Von der Stasi ausgehöhlter Baumstumpf mit Spionagekamera. Abb.: hw

Kurzinfos

Stasimuseum, Ruschestraße 103, Haus 1, geöffnet montags bis freitags, 11-18 Uhr, sonnabends und sonntags, 14-18 Uhr; Eintritt: fünf Euro, Anfahrt: In den Nebenstraßen der Frankfurter Allee gibt es Parkplätze, alternativ Station „Magdalenenstraße“ der U-Bahn-Linie U 5 (Alexanderplatz-Hönow, braune Linie)

Speise-Tipp: Wem die Kantine im Stasimuseum zu schnöde ist und ein paar Euro mehr auf der Rechnung nichts ausmachen, dem kann ich das Steak-Restaurant „Block House“ an der Karl-Marx-Allee 91 empfehlen: Die Steaks sind saftig und man kann den Köchen beim Grillen zusehen. Ist ca. 5 Autominuten vom Stasimuseum entfernt, einfach der Frankfurter Allee gen Fernsehturm folgen (bzw. mit U-Bahnlinie 5 bis Weberwiese). Leider bilden sich dort schon am frühen Abend Schlangen, also entweder vorher reservieren oder Zeit mitbringen.

Zum Weiterlesen:

Die Militärspionage der Stasi

Stasi-Akten werden wieder zusammengesetzt

Die Affäre Zeisser und der 17. Juni 1953

Kategorie: Geschichte

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Heiko Weckbrodt hat Geschichte studiert, arbeitet jetzt in Dresden als Wirtschafts- und Wissenschaftsjournalist und ist Chefredakteur und Admin des Nachrichtenportals Oiger. Er ist auch auf Facebook, Twitter und Google+ zu finden.

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