„Hier sind alle voller Tatendrang“

Vielen Museen in Sachsen sterben die Auskenner alter Technik weg. In der Tech-Hochburg Dresden hingegen wächst die Helferschar sogar.
Dresden, 20. Januar 2025. Magnettrommeln wirbeln, fahle Leuchten blinkern, Lochbandstanzer rattern und eine alte Schreibmaschine klackert wie von Geisterhand Programmzeilen vor sich hin… Wenn ehemalige Robotron-Ingenieure dienstags in den Technischen Sammlungen Dresden (TSD) das DDR-Elektronengehirn „Cellatron“ wieder zum Leben erwecken, fühlt sich der Besucher wie in eine sehr alte Folge von „Raumschiff Enterprise“ versetzt. Kein Zweifel: Der Charme der Retro-Technik zieht, die Live-Inbetriebnahmen historischer Hochtechnologie gehören zu den großen Attraktionen im Striesener Technikmuseum.
Möglich macht solche öffentlichen Schauvorführungen der TSD-Förderverein. In dem haben sich die Auskenner von früher organisiert, die mit diesen Computern groß geworden sind, sie teils sogar selbst entworfen und gebaut haben – und heute ehrenamtlich mithelfen, die Exponate in Schuss und sogar betriebsbereit zu halten. Hinzu kommt: Auch Jüngere machen dort mit und können lernen, wie man derartige Technik am Laufen hält.
Wissen um Funktionsweise geht vielerorts verloren
Gerade dies ist aber alles andere als selbstverständlich, erzählt TSD-Direktor Roland Schwarz, der im Vorstand des „Landesverbandes Industriekultur Sachsen“ (IKU) mitwirkt: „Es gibt generell Probleme in sächsischen Museen, weil die Wissensträger aus der DDR-Zeit inzwischen zu alt sind oder gestorben sind“, sagt der TSD-Direktor. Vielerorts finden sich kaum noch junge Menschen für solch ehrenamtliches Engagement in Museen. Dadurch geht das Wissen, wie dieses oder jenes Exponat zu reparieren, zu beschriften oder gar in Gang zu setzen ist, nach und nach verloren.

Dresden gehöre da zu den wenigen Ausnahmen, betont Schwarz: „Im Förderverein der Technischen Sammlungen gibt es Zuwächse, hier sind alle voller Tatendrang. Auch Jüngere engagieren sich.“ Die Jüngeren sorgen ein Stück weit dafür, dass die TSD nicht zum verstaubten Technikdepot für ein paar gealterte Nerds verkümmern, sondern am Puls der Zeit bleiben und mittlerweile fast 120.000 Besucher pro Jahr anziehen – darunter viele Familien und Kinder.
Hightech-Kontinuität in Dresden hilft
Woher der Dresdner Sonderweg kommt? „Vielleicht, weil es hier eine Kontinuität von Mikroelektronik und anderen Technologieindustrien gibt, die auch heute eine ganz wichtige Rolle spielen“, mutmaßt Schwarz. Zwar gibt es solche Kontinuitätslinien auch in Chemnitz, wo das sächsische Industriemuseum residiert, oder im Vogtland. Doch Werkzeugmaschinenbau und Textilindustrie spielen dort bei weitem nicht mehr so eine große Rolle wie früher. Dagegen hat die Chipindustrie nach der Wende im Freistaat noch einmal einen enormen Schub gewonnen, so dass der Großraum Dresden heute als wohl wichtigster Halbleiter-Standort in Europa gilt. Zudem ist die Stadt ohnehin stark durch ihre Technische Universität, Industrietraditionen und eine gewisse Technik-Affinität der Dresdner geprägt.
Andererseits sollte man den Zustrom jüngerer in der Museumsarbeit nicht überschätzen, meint Thomas Falk, der Vorsitzende des TSD-Fördervereins. „Wir haben rund 50 Mitglieder mit langsam steigender Tendenz“, sagt er. „Und ja: Wir haben auch Jüngere dabei. Doch Zulauf haben wir vor allem von Robotronern, die von der Chance angelockt werden, in den Technischen Sammlungen die Rechentechnik, mit der sie einst gearbeitet haben, zu restaurieren oder weder in Betrieb zu nehmen.“ Auch ehemalige Mitarbeiter und Fans von ostdeutschen Radio- und Fernsehherstellern seien recht stark vertreten.
„Bitteres Ende“ von Pentacon wirkt nach
Etwas unterrepräsentiert sei noch die einst so prägende Dresdner Kameraindustrie im Förderverein, meint derweil TSD-Direktor Schwarz. Denn während die Mikroelektroniker, Computerkonstrukteure und Unterhaltungstechniker von gestern und heute weiter sehr aktiv sind, eigene Arbeitsgruppen und Alumni-Verbünde gegründet haben, stoßen ehemalige Pentacon-Mitarbeiter nur punktuell dazu – wie etwa jüngst in der berufsbiografischen Ausstellung „Bitteres Ende“. Der Name der Exposition liefert womöglich auch die Erklärung: Vom einst so großen Kamerakombinat Pentacon und anderen Kameratechnik-Herstellern ist heute in Dresden kaum noch etwas übrig geblieben. Das dämpft womöglich den Enthusiasmus Älterer wie Jüngerer, sich für den Erhalt des kameratechnischen Erbes einzusetzen. Immerhin sei die Resonanz auf das Geschichten vom „Bitteren Ende“ recht groß gewesen, sagt Schwarz. „Da wollen wir weitermachen.“
Autor: Heiko Weckbrodt
Quellen: Auskünfte Schwarz/TSD, Falk/TSD-Förderverein, Oiger-Archiv

Ihre Unterstützung für Oiger.de!
Ohne hinreichende Finanzierung ist unabhängiger Journalismus nach professionellen Maßstäben nicht dauerhaft möglich. Bitte unterstützen Sie daher unsere Arbeit! Wenn Sie helfen wollen, Oiger.de aufrecht zu erhalten, senden Sie Ihren Beitrag mit dem Betreff „freiwilliges Honorar“ via Paypal an:
Vielen Dank!

