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Zerrissene Stasi-Akten werden rekonstruiert: 16.000 Säcke voller Antworten

Insgesamt 16.000 Säcke zerrissener Stasi-Akten warten in den Depots auf die Rekonstruktion. Abb. (alle): BStU

Insgesamt 16.000 Säcke zerrissener Stasi-Akten warten in den Depots auf die Rekonstruktion. Abb. (alle): BStU

Ab Januar 2012 setzt neue Hightech-Anlage zerfetzte Stasi-Akten wieder zusammen

Berlin, 15.12.2011. Anfang 2012 wollen die Fraunhofergesellschaft und die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin eine knapp sechs Millionen Euro teure Antwortmaschine anschalten: Eine eigens für diesen Zweck entwickelte Anlage, die 16.000 Säcke voll zerschnipselter Stasi-Papiere wieder zu vollständigen Geheimdienst-Akten zusammen setzen soll. Stasi-Leute hatten diese Unterlagen während der politischen Wende 1989/90 zerrissen, um alte Spuren zu verwischen. Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen (BStU), erhofft sich aus der Rekonstruktion Antworten auf Fragen wie: Wie versuchte der ostdeutsche Geheimdienst, die friedliche Revolution in der DDR abzuwürgen? Welche Stasi-Spione im Westen sind möglicherweise bis heute unenttarnt? Der Oiger befragte ihn über das Großprojekt.

16.000 Säcke voller Schnipsel – was steckt da drin? Die Geheimnisse der Stasi-Auslandspionage, der Hauptabteilung Aufklärung (HV-A)?

BStU-Chef Roland Jahn

Roland Jahn: Die HVA-Unterlagen wurden – im Einverständnis mit dem Runden Tisch damals, auch wenn ich diese Entscheidung nicht für richtig halte – fast vollständig zentral in Berlin vernichtet. Aber unter den 16.000 Säcken befinden sich 90, die der HVA zuzuordnen sind, sie stammen aus den Korrespondenzabteilungen der Stasi-Bezirksverwaltungen. Ansonsten enthält der größte Teil der Säcke Schnipselreste aus wohl allen Abteilungen der Stasi – das geht querbeet. Da ist viel aus den Bezirksverwaltungen dabei, aus Leipzig zum Beispiel, Gera und so weiter. Allein aus Dresden warten über 1000 Säcke auf die Rekonstruktion.

Puzzlearbeit per Hand stößt an ihre Grenzen

Seit über 20 Jahren sind diese Säcke nun schon bei ihrer Behörde – von allzu viel Rekonstruktionserfolgen hat man bisher aber nicht gerade gehört…

Ab 1995 hat die Projektgruppe „Manuelle Rekonstruktion“ begonnen, einige Unterlagen per Hand wieder zusammenzusetzen. Manche Blätter wurden nur in vier Teile zerrissen – da braucht man keine Maschine. Letztens habe ich davon zum Beispiel ein Schreiben von Walter Ulbricht an Stasi-Minister Erich Mielke gesehen, darin ging es um den Einmarsch in die CSSR. Inzwischen hat die Gruppe aber nur noch zwölf Mitarbeiter. Außerdem gibt es viele Säcke, in denen die Schnipsel so klein sind, dass es zu lange dauern würde oder gar nicht möglich wäre, diese per Hand zusammenzupuzzeln. Daher arbeiten wir mit dem Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik, dem IPK, an einer computergestützten Lösung.

Diese Weichenstellung ist doch aber auch schon eine ganze Weile her!?

Die Machbarkeitsstudie war 2003, aber erst 2007 hat der Bundestag für das Projekt in nennenswertem Umfang Geld bereitgestellt.

Wieviel?

Das war für das Pilotverfahren ein Festpreis von 5,95 Millionen Euro seit 2007.

Akten der Auslandsspione kommen zuerst in die Antwortmaschine

Und wann geht es nun los?

Manche Blätter wurden nur zwei Mal zerrissen, andere viel gründlicher.

Manche Blätter wurden nur zwei Mal zerrissen, andere viel gründlicher.

Im Januar 2012 ist der Abschluss der Entwicklungsphase geplant. Danach startet die Testphase. Wir haben uns wegen der besonderen Dringlichkeit und Wichtigkeit dafür entschieden, im Pilotverfahren zuerst die 90 Säcke mit HV-A-Akten in die Rekonstruktion zu geben und 50 Säcke der Hauptabteilung XX aus den letzten zwei Jahren der DDR, weil wir uns davon Erkenntnisse darüber erhoffen, wie die Stasi vor und während der Friedlichen Revolution agiert hat.

Welche technische Lösung wurde gewählt?

Wir sortieren die Papierreste in Kartons zu je 50 Blatt vor. Das IPK wird die Schnipsel mit extrem leistungsfähigen Scannern digitalisieren. Mit einer Art computergestützter Bilderkennung wertet danach eine speziell dafür entwickelte Software solche Merkmale wie Risskanten, Papierfarben, Schrift und dergleichen mehr aus und setzt die digitalisierten Fragmente zu virtuellen Aktenblättern zusammen. Diese Blätter werden schließlich von unseren Archivaren wieder in den Originalzusammenhang sortiert und zu Vorgängen zusammengeführt.

Wie lange wird es wohl dauern, bis all die Schnipsel aus 16 000 Säcken zusammen gesetzt sind?

Das kann man jetzt noch nicht abschätzen. Zunächst muss sich die Technik in der Pilotphase bewähren. Aber wir denken, dass wir 2013 einen groben Überblick haben, wie die Zeitabläufe auch für den Rest der Säcke sein können. Dann wird auch entschieden, wie es weitergeht.

Enttarnung weiterer West-Agenten nicht ausgeschlossen

Welche Erkenntnisse erhoffen Sie sich davon? Wird dies der DDR-Forschung einen neuen Schub geben?

Diese Akten wieder lesbar zu machen, ist ein Wert für sich. Was die Historiker daraus machen, wird man sehen. Aber ich denke schon, dass wir damit wichtige Lücken in der Überlieferung schließen können. Was die HVA betrifft, ist die Quellenlage ja wegen der Vernichtung fast aller Unterlagen denkbar schlecht.

Ist damit zu rechnen, dass dadurch auch jetzt noch, mehr als 20 Jahre nach der Wende, noch Westspione der Stasi enttarnt werden?

Ich schließe das nicht aus.

Zum Weiterlesen: Wie der Fraunhofer-„ePuzzler“ die Stasi-Akten wieder zusammensetzt

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